Zur Verteidigung könnte man sagen: So grimmig wie in diesem Jahr war der Berliner Winter schon lange nicht mehr. Fast hatte man vergessen, dass Winter tatsächlich Eis und Schnee bedeutet – nach bald zehn Jahren, in denen sich die vormals „kalte Jahreszeit“ eher wie ein verlängerter Herbst mit oft zweistelligen Temperaturen anfühlte. Nun also mal wieder ein richtiger Winter, der die Stadt seit über einem Monat fest im Griff hält, mit allem, was dazugehört: Schnee, Eis, Glätte und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.
Doch was nach Entschuldigung klingt, ist bei genauerem Hinsehen eine Bankrotterklärung. Denn Berlin, diese Millionenmetropole, scheitert gerade spektakulär an einer Aufgabe, die andere Städte routiniert bewältigen: ihre Bürger sicher durch den Winter zu bringen.
Spiegelglatte Gehwege, überforderte Stadtreinigung
Die Berliner Stadtreinigung (BSR) streut zwar auf Hauptstraßen und Radwegen, doch in Nebenstraßen und auf den meisten Gehwegen passiert: nichts. Das sogenannte Feuchtsalz, so räumt der städtische Betrieb selbst ein, wurde vom Regen wieder von den Fahrbahnen gespült. Am Montag fuhr kein einziges Müllfahrzeug – zu gefährlich. Wenn selbst die städtischen Fahrzeuge nicht mehr sicher unterwegs sein können, was sagt das über die Zustände auf Berlins Straßen?
Nur ein Beispiel: Der breite Bürgersteig der Alexanderstraße gegenüber dem Hotel Park Inn war am Mittwochabend auf rund 200 Metern so vereist, dass es unmöglich war, darauf zu gehen. Wer fühlt sich dafür verantwortlich? Offenbar niemand. Auch die Bürgersteige vor privaten Gebäuden sind mal gestreut, mal nicht; mal liegt Splitt, mal Sand, oft aber gar nichts. Es gibt dafür keine einheitliche Regelung, und so wird jeder Fußmarsch zur potenziellen Gefahr für die eigenen Knochen.
Die Folgen sind bereits messbar: Allein am Montag registrierte die Polizei in Berlin bis 13 Uhr 201 Unfälle – mehr als dreimal so viele wie eine Woche zuvor. Das Unfallkrankenhaus Berlin rechnete mit 20 bis 30 zusätzlichen Patienten pro Tag durch glättebedingte Stürze. Gebrochene Handgelenke, Hüftfrakturen, Schädel-Hirn-Traumata – der Preis des Versagens einer Stadt, den die Berliner Bürgerinnen und Bürger zu zahlen haben.
Doch es geht nicht nur um die erlittenen Schmerzen. Jeder Sturz, jeder Unfall, jeder Ausfalltag kostet Geld. Nach Berechnungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin verursacht ein einzelner Arbeitsunfall im Schnitt Kosten von rund 10.000 bis 20.000 Euro – durch Behandlung, Rehabilitation und Produktionsausfall. Hochgerechnet auf die Dutzenden Glätteverletzten allein an einem Wochenende summiert sich das schnell auf sechsstellige Beträge.
Hinzu kommen die indirekten Kosten: Arbeitnehmer, die nicht zur Arbeit kommen, Termine, die platzen, Geschäfte, die leer bleiben und so weiter. Beim Berliner Senat scheint das indes nicht für besondere Aufregung zu sorgen; jedenfalls hat man nicht das Gefühl, dass die besondere Lage ernst genommen wird. Was ja nicht das erste Mal der Fall ist.
BVG: Als wäre es der erste Winter
Besonders bitter: Selbst wer es am Montag ohne Brüche bis zu einer Haltestelle geschafft hatte, kam nicht weiter, denn die BVG stellte erstmals in ihrer Geschichte den gesamten Straßenbahnverkehr ein. Die Begründung: vereiste Oberleitungen, die per Hand enteist werden müssten. Drei Turmwagen für ein Netz von fast 200 Kilometern – als hätte niemand geahnt, dass es im Januar kalt werden könnte.
In Potsdam und Frankfurt (Oder) indes fuhren die Straßenbahnen weiter. Dort setzte man ältere Tatra-Bahnen ein, die die Leitungen freiräumten. In Berlin indes saßen rund 40 Straßenbahnen auf dem Streckennetz fest, ihre Fahrer harrten stundenlang in den Fahrzeugen aus. Hohenschönhausen, Mahlsdorf und Köpenick waren vom Nahverkehr abgeschnitten.
Pikant wird es, wenn man sich die politische Dimension anschaut. Berlin wird von Kai Wegner regiert, einem CDU-Bürgermeister. Die CDU – jene Partei, die keine Gelegenheit auslässt zu monieren, die Deutschen würden zu wenig arbeiten, Bürgergeldempfänger sollten gefälligst einen Job annehmen, und überhaupt müsse dieses Land wieder mehr leisten. Dieselbe Partei nimmt nun achselzuckend hin, dass Hunderttausende Berliner nicht zur Arbeit kommen können, weil Gehwege zu Eisbahnen werden und die Straßenbahn tagelang stillsteht.
Kai Wegners Reaktion? Er nimmt die BVG in Schutz. „Dass auch eine Straßenbahn bei solchen Wetterlagen in bestimmte Probleme kommt, das ist nicht auszuschließen“, sagte er dem RBB. Als wäre ein tagelanger Totalausfall ein kleines Missgeschick und nicht ein Infrastrukturdesaster.


