„Sport- und Erholungszentrum eröffnet“, titelte die Berliner Zeitung in ihrer Wochenendausgabe Ende März 1981 auf der ersten Seite. Standort des „nach nur 29-monatiger Bauzeit fertiggestellten Hauses an der Leninallee, in dem es vielfältige Freizeitgestaltung gibt, ist der traditionsreiche Arbeiterbezirk Friedrichshain“, hieß es in dem vierspaltigen Beitrag. Zu lesen ist auch, dass die Berliner ihren neuen Freizeittempel gestürmt hätten.
45 Jahre später ist von dem Glanz des einstigen Vorzeigeprojektes, das als Zeugnis der Ostmoderne galt, nicht mehr viel übrig. Wie der Palast der Republik und andere Gebäude der DDR soll das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) aus dem Stadtbild Berlins und somit aus der Erinnerung verschwinden. So, als wäre es eine Eiterbeule, die man noch nach so langer Zeit ausdrücken müsste.
Ein hoher Bauzaun aus Holz, der keinen Blick auf das Gelände zulässt und der beklebt ist mit Werbung von Supermärkten, angeblich fair angebautem Kaffee, einem Sportartikelhersteller und der Berlinale, umgibt das SEZ an der heutigen Landsberger Allee.
An einem Seiteneingang, der zur Danziger Straße geht, warnt ein gelbes Schild: „Achtung! Einsturzgefahr Glasdach. Betreten verboten.“ Überall ist zu lesen, dass das Objekt kameraüberwacht werde.
Ein riesiges Banner ist vor dem einstigen Haupteingang des Gebäudes, an dem die Menschen in der DDR einst Schlange standen, um ins Wellenbad, die Badmintonhalle oder die Eisbahn zu gelangen, angebracht. „Abriss stoppen! SEZ für alle! Den Abriss des SEZ verhindern. Berlin braucht das SEZ!“ ist darauf zu lesen. Wer jemals in diesem Haus war, kann den Aufruf nachvollziehen.
Susanne Lorenz steht an diesem Dienstag mit anderen Abrissgegnern vor dem Bauzaun, die Straßenbahnen rauschen auf der viel befahrenen Landsberger Allee nicht so einfach vorüber. Sie haben hier eine Haltestelle. Jeder könnte sofort aussteigen, um in das Sport- und Erholungszentrum zu gelangen. Doch da gibt es derzeit nichts, wofür es sich lohnen würde, die Bahn zu verlassen.
Susanne Lorenz ist Mitglied der Initiative „SEZ für alle“. Nachdem das Sport- und Erholungszentrum 2023 an das Land Berlin zurückgegangen und klar geworden sei, dass das Gebäude abgerissen und auf dem fast 50.000 Quadratmeter großen Gelände Wohnungen und eine Schule gebaut werden sollen, sei sie dabei, sagt sie. Lorenz hat eine Petition gegen den Abriss des Sport- und Erholungszentrums gestartet – und sich der Initiative „SEZ für alle“ angeschlossen.

Friedrichshain hat fast keine Schwimmhalle mehr
Für die Psychologin ist das SEZ ein Ort, der Identität stiftet für in der DDR geborene Menschen und deren Kinder und Enkel. „Ich habe mit meinem Mann und meiner Tochter diskutiert, was wir gegen den Abriss machen können“, erzählt die 51-Jährige. Dann die Petition gestartet, die mittlerweile mehr als 16.000 Unterschriften hat.
Sie selbst wuchs in Brandenburg auf und war nach eigenen Angaben nur selten im SEZ, ihr Mann stammt aus dem Ostteil Berlins. „Er war oft hier“, sagt Susanne Lorenz. Nun kämpfe sie gegen den Abriss, damit ihre Tochter, „eine absolute Wasserratte“, irgendwann auch einmal im SEZ schwimmen gehen kann. Das wäre ihr Traum.
„In Friedrichshain gibt es fast keine Schwimmhallen mehr. Deswegen muss dieses geschichtsträchtige Gebäude bleiben und saniert werden“, sagt sie.

Dann berichtet sie von dem Rechtsstreit, den das Land mit dem Eigentümer ausgetragen habe. Und darüber, dass sie damals so zuversichtlich gewesen sei, als Berlin vor drei Jahren den Streit gewonnen und das Areal zurückerhalten habe.
Aber ihre Zuversicht schwand schnell. „Berlin bekam das SEZ zurück, weil der Investor das Schwimmbad nicht instand gehalten hat. Und was macht Berlin jetzt? Es lässt den ganzen Komplex abreißen. Das ist absurd“, sagt Susanne Lorenz.
Nach der Wende war das einstige Prestigeobjekt der DDR vom Senat übernommen worden, der den Betrieb mit Millionen bezuschussen musste. Nach und nach wurden in der Folgezeit Teile des Sport- und Erholungszentrums geschlossen. Das SEZ wurde später den Berliner Bäder-Betrieben zugeteilt.
Eine europaweite Ausschreibung für das Objekt blieb ergebnislos, sodass der Senat 2002 die Zuschüsse für das SEZ strich. Man sei damals von Sanierungskosten in zweistelliger Millionenhöhe ausgegangen, die immer weiter gestiegen seien, heißt es.
Ein Jahr später wurde das Sport- und Erholungszentrum, das durch seine prädestinierte Lage einen geschätzten Verkehrswert von 1,44 Millionen Euro hatte, vom Liegenschaftsfonds an den Investor Rainer Lönitz veräußert. Für den symbolischen Preis von einem Euro.

Lönitz sollte innerhalb von fünf Jahren den Betrieb der Schwimmhalle, der Bowlingbahnen, der Saunen und Sporthallen wieder aufnehmen. Doch nichts geschah, lediglich ein paar Hallen wurden wieder geöffnet. 2014 lehnte es das Landesdenkmalamt ab, das SEZ unter Denkmalschutz zu stellen. Begründet wurde das unter anderem mit einem schlechten Bauzustand.
Berlin klagte erfolgreich, um die Immobilie zurückzubekommen. Mit dem Abriss sollen nun Fakten geschaffen werden. Dabei sei die Stadt mit Sportstätten und Schwimmhallen völlig unterversorgt, sagt Susanne Lorenz. Und obwohl sich die Stadt doch auch für Olympia bewerben wolle. „Womit denn, wenn Sportstätten fehlen. Ein Abriss wäre absurd“, sagt die Psychologin.
Ein ganzes Haus für den Sport gibt es nicht mehr
An ihrer Seite steht Monika List. Sie hat ihre frühere Winterkleidung an: eine dicke Jacke mit SEZ-Aufdruck. Monika List hat einst das Polarium im Sport- und Erholungszentrum geleitet – die Eisbahn. Und all die Jahre von der Eröffnung bis zur Schließung im Sport- und Erholungszentrum gearbeitet. „Diese 21 Jahre waren die schönsten und wertvollsten meines Arbeitslebens“, berichtet die 82-Jährige.

Vor der Eröffnung des SEZ seien in der ganzen Republik Arbeitskräfte angeworben worden, nicht nur Mitglieder der Staatspartei SED, erzählt sie. Monika List, damals Kreissportlehrerin in Dresden, bewarb sich, bekam eine Stelle im SEZ und gleich nebenan eine Wohnung in einem Haus, das für Mitarbeiter des Freizeitbaus errichtet worden war. „Diese Neubauwohnung war wie ein Geschenk“, erinnert sich Monika List, die noch immer dort lebt und niemals SED-Mitglied war.
Nach der Schließung des SEZ im Jahr 2002 habe sie lange nicht an ihrer alten Arbeitsstätte vorbeilaufen können, sagt sie. Der Verfall des Gebäudes habe ihr das Herz schwer gemacht. Sie habe sich immer gefragt, warum man für das SEZ keinen Manager gefunden habe. „Die ganze Welt ist doch voll von solchen Leuten.“
Das SEZ begeistert Monika List immer noch: „Ein ganzes Haus nur für den Sport, das gibt und gab es nicht noch einmal“, sagt sie. Damals habe sie auch das Babyschwimmen und den Mollikurs zum Abnehmen übernommen. Es habe eine wundervolle Atmosphäre unter den Kollegen und eine riesige Begeisterung bei den Besuchern gegeben. „So etwas habe ich nie wieder erlebt.“
Bis zum letzten Tag Anfang 2002 war Monika List im SEZ beschäftigt. Dann war Schluss, das Objekt wurde geschlossen. „Die Nachricht kam nicht überraschend, aber sie war traurig“, erinnert sie sich.
Der geplante Abriss des einst beliebten Sport- und Erholungszentrums ist in ihren Augen „einfach unfassbar“. Er zeige, wie wenig das Leben der Menschen in der DDR geschätzt werde.
Überrascht sei sie aber nicht, sagt Monika List, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Es sei ja bisher alles abgerissen worden, was den Menschen im Osten etwas bedeutet habe: der Palast der Republik, das Ahornblatt, das Jahn-Stadion. Jetzt komme das SEZ hinzu. Leuten, die sagen, das Haus sei für den Sport viel zu groß, entgegnet sie: „Das sind dumme Ausreden von Menschen, die nie im SEZ waren.“

„Medizin nach Noten“ war ein Knüller
Karl-Heinz Wendorff lebt in einem Ort bei Eberswalde in Brandenburg. Mit seinen 79 Jahren tritt er noch immer als Moderator oder Sänger auf. Am vergangenen Wochenende hat er im brandenburgischen Bad Freienwalde im Landkreis Märkisch-Oderland das Skispringen auf der nördlichsten Schanze Deutschlands für einen Radiosender kommentiert und dafür sechs Stunden in der Kälte gestanden. „Das macht einfach Spaß“, sagt er.
Wendorff ist studierter Lehrer für Sport und Geschichte. Aber bekannt wurde er einem breiten DDR-Publikum als Moderator der Fernsehsendung „Medizin nach Noten“, die seit 1985 mit dutzenden Sportlern im SEZ aufgezeichnet und jeden Tag im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde. „Das war ein Knüller, mit dem wir die Leute animiert haben, sich zu bewegen“, sagt er.
Seinen Beruf als Berufsschulsportlehrer hatte Wendorff 1985 aufgegeben, um im Sport- und Erholungszentrum zu arbeiten, sagt er. Zunächst habe er das Mitternachtsschwimmen moderiert. Dann sei die Polardisko dazugekommen, die am selben Tag gleich vor dem Mitternachtsschwimmen stattgefunden habe. „Von minus zwei Grad auf 30 Grad plus“ sei es gegangen, sagt er. „Das hat mich aber nicht gestört.“
Zum geplanten Abriss des SEZ hat sich Wendorff immer wieder öffentlich geäußert, unter anderem auf Facebook protestiert und dort auch eine Karikatur gepostet. Darauf ist ein dicker Mann zu sehen, der durch ein Megafon brüllt: „Schnell abreißen! Teures Grundstück! Viel Geld! DDR-Architektur vernichten!“ So sei es leider, sagt er nun.
Der Abriss des SEZ darf aus seiner Sicht nicht geschehen. Er sei kein Freund von DDR-Nostalgie. „Doch offenbar darf es nicht sein, dass es Orte gibt, an denen sich DDR-Bürger wohlgefühlt haben.“ Erst habe die Treuhand alles genommen, dann hätten Berliner Finanzsenatoren das Grundstück in bester Citylage verschleudert oder anderen Zwecken zugeführt.
„Es tut richtig weh, dass durch einen Abriss auch mein Lebenswerk gecancelt wird“, sagt Wendorff. Er würde sich freuen, wenn noch viel mehr Menschen sich gegen den Abriss starkmachen würden. „Ja, ein wenig Hoffnung habe ich noch, dass wir das Plattmachen verhindern können.“
Im Pankower Ortsteil Wilhelmsruh sitzt Hartmut Hempel an seinem Schreibtisch und klickt sich durch alte Fotos, die er extra herausgesucht hat. Er trägt dieselbe Weste, die er vor 20 Jahren als Geschäftsführer des SEZ trug. Hempel, ein Mann mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht, zeigt ein Foto, das das belegt.

Am 31. August 1991 wurde Hartmut Hempel als Geschäftsführer des SEZ ins Amt geholt. Zunächst war sein Job bis Ende des Jahres befristet. Doch Hempel blieb sechs Jahre und säße, wenn es nach ihm gegangen wäre, noch heute auf dem Chefsessel. „Wir haben den Leuten wundervolle Sportangebote gemacht“, erinnert sich Hempel und zückt ein Programm aus dem Jahr 1995.
Beginnt am Tag der Anhörung der Abriss?
Er blättert durch das Heft und nennt einige der vielen Kurse, die es damals gab und nach seinen Worten noch heute angenommen werden würden: Vitalsport, gemeinsam mit den Krankenkassen finanziert, Fitness, Volleyball, Basketball, Badminton, Tischtennis, Babyschwimmen, Jazzgymnastik, Karate für Erwachsene und Kinder, Raufen mit Köpfchen, Selbstverteidigung für Frauen, Rückenschule und Gewichtsreduzierung.

Der damalige Finanzsenator habe damals zunächst Geld für das SEZ locker gemacht, erzählt Hempel. „Die kostenintensivsten Bereiche waren die Wasserflächen“, erinnert er sich und sagt, dass er beim SEZ immer für eine landeseigene GmbH plädiert habe. Doch dann sei erklärt worden, dass das Gebäude nur abgerissen werden könne.
Für Hempel ist es fragwürdig, was derzeit mit dem SEZ geschieht – weil Berlin nach seinen Erkenntnissen für das Areal noch nicht einmal im Grundbuch stehe. Einen Weiterbetrieb könne er sich hingegen vorstellen – mit landeseigenen Unternehmen im Boot. Er träumt von einer Bibliothek und Start-ups, die Platz hätten in dem Gebäude.
„Es gibt so viele Möglichkeiten“, sagt er. Nichts sei wirklich geprüft worden. Warum das Gebäude bis heute nicht unter Denkmalschutz stehe, kann sich Hempel nicht erklären. Er weiß nur, dass eine Wohnungsbaugesellschaft wie die WBM niemals Interesse an einer multifunktionalen Freizeiteinrichtung habe.
Hartmut Hempel wird am 2. März im Abgeordnetenhaus sitzen und die Anhörung zum SEZ verfolgen. Die Anhörung findet voraussichtlich wegen des immensen Interesses im großen Plenarsaal statt. Am selben Tag soll der Abriss des DDR-Baus beginnen. „Das finde ich in einer Demokratie seltsam“, sagt er. Und auch Susanne Lorenz hält das Timing für mehr als bedenklich. „Am Tag der Anhörung Fakten schaffen, das geht aus unserer Sicht überhaupt nicht“, sagt sie.
Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung teilt auf Anfrage der Berliner Zeitung mit, dass die öffentliche Sportnutzung im SEZ bereits vor 23 Jahren beendet worden sei. Zum Zeitpunkt des Verkaufs des Geländes sei von Sanierungskosten in zweistelliger Millionenhöhe ausgegangen worden. Seitdem sei der Sanierungsbedarf erheblich gestiegen.

2018 sei ein Bebauungsplan festgesetzt worden, er sehe „an dieser Stelle insbesondere Wohnungsbau und eine Schule vor“. Man unterstütze den Bau von fast 700 dringend benötigten bezahlbaren Wohnungen an diesem Standort durch die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte GmbH (WBM) ausdrücklich.
Zur Frage, ob der Abriss zeitgleich mit der Anhörung im Parlament am 2. März beginnen wird, teilt die Senatsverwaltung mit: Die WBM habe beim Bezirk eine entsprechende Anzeige eingereicht. Danach könnten Abrissarbeiten am SEZ formal am 2. März beginnen. Doch selbst wenn die Arbeiten beginnen sollten, so habe die WBM zugesagt, an diesem Tage „keine unumkehrbaren Tatsachen“ zu schaffen.








