Ostern klingt nach Ausflug. Für viele Berliner gerade eher nach Kassensturz. Wer dieser Tage tankt, zahlt Preise die wehtun. Die neue 24-Stunden-Regel wonach Spritpreise nur einmal täglich steigen dürfen, dämpft den Ärger kaum. Viele Autofahrer ziehen längst ihre Konsequenzen – und fahren nach Polen.
Gut eine Stunde von Berlin endet hinter der Oder nicht nur Deutschland. Sondern die Sorge, hohe Preise seien alternativlos.
Vor der ersten Tankstelle in Slubice stauen sich die Deutschen Autos. Kennzeichen aus Berlin und Brandenburg sind B, LOS, MOL. Vor Zapfsäulen wird Deutsch gesprochen, in den Schaufenstern stehen Euro-Preise. „Zigaretten billig“, „Friseur billig“, „Zahnarzt“, „Kostenloser Sehtest“, „Kartenzahlung möglich“.
Slubice, die polnische Schwesternstadt von Frankfurt (Oder), wirkt mit ihren 17.000 Einwohnern an diesem Osterwochenende wie ein Ausweich-Berlin. Eine Option für alle, denen Berlin zu teuer geworden ist.

Der Liter, der Berlin klein aussehen lässt
Vor der Shell-Tankstelle zieht Kevin Schulz, 34, aus Strausberg die Zapfpistole aus der Halterung. Er schaut auf die Anzeige: 6,21 Zloty pro Liter - das sind 1,46 Euro. „Bei uns kostet das locker über zwei Euro“, sagt er. Früher habe er in Polen nur manchmal getankt. „Wenn ich sowieso hier war“, sagt er. Jetzt fahre er manchmal extra rüber, weil es anders nicht mehr schön ist.
Warum ist der Liter hinter der Oder eigentlich günstiger? In Polen sind Steuern und Abgaben auf Kraftstoff niedriger. Deshalb kostet der Liter weniger als in Deutschland.
Neben Schulz läuft die Zapfsäule weiter heiß. 40 Liter. 50. 60 Liter. Am Ende stehen 76 Liter auf der Anzeige. 472,52 Zloty. Umgerechnet 111 Euro. „In Deutschland wären das fast 50 Euro mehr“, sagt Schulz. „Davon kann ich morgen noch essen gehen. Oder Zigaretten kaufen. Oder beides.“
Die Rechnung ist einfach genug, um viele Berliner mit dem Auto nach Polen zu locken: Wer in Deutschland 50 Liter Super tankt, zahlt auch mal mehr als 110 Euro. In Slubice wären es 73 Euro. Für manche ist das ein nettes Ersparnis. Für andere die Frage, ob am Ende des Monats noch genug Geld übrig bleibt.
Das Phänomen ist längst kein Berliner oder Brandenburger Sonderfall: Eine Zapfsäule weiter lehnt Dennis Albrecht, 41, aus Kassel am Auto und schaut auf die Quittung. „Wenn ich sowieso schon hier bin, nehme ich das gerne mit“, sagt er. „Erst tanken, dann kurz in die Apotheke. Vielleicht noch kurz einkaufen.“ Mal „kurz“ einkaufen kann in Slubice auch mal länger werden.
Erst Zapfsäule, dann Apotheke, dann Tabakladen. Wer sparen will, macht aus einem Tankstopp schnell mal einen halben Einkaufstag. Denn die Tankstelle ist hier selten das Ende des Einkaufs. Sie ist erst der Anfang.
Wo lässt sich also noch sparen?

Zigarettenladen: „Morgen offen bis 13 Uhr“
Einzelhändler in Slubice rechnen fest mit Deutscher Kundschaft. Vor einem Tabakladen hängt ein Schild: „Morgen offen bis 13 Uhr“. Auf Deutsch. Daneben: „Kaffee 5 Zloty“. „Tax Free“. „Wechselstube“.
Im Schaufenster blinken rote Zahlen: West 47,90 Zloty. Marlboro 49,20 Zloty. Ein bisschen wie an der Börse. Eine Schachtel kostet in Deutschland inzwischen meist neun bis zehn Euro, in Polen fünf bis sechs Euro. Wer jeden Tag raucht, kommt übers Jahr auf mehr als 1000 Euro Ersparnis. Es gibt aber Beschränkungen, wie viel Zigaretten nach Deutschland eingeführt werden dürfen. An der Grenze wartet der Zoll.
Vor einem Laden steht ein Mann aus Berlin-Lichtenberg; zwei Stangen Zigaretten unter dem Arm. Er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Früher hab ich hier nur gekauft, wenn ich sowieso in der Nähe war“, sagt auch er.
Im Laden selbst spricht der Verkäufer nur das Nötigste auf Deutsch: Ja, morgen sei offen, aber kürzer, wegen der Feiertage. Alles klar. Kartenzahlung gehe. Okay. Ja, deutsche Kunden kauften viel.
Er klingt wie jemand, der diese Sätze seit Jahren sagt.

Dass die Nähe zur Grenze nicht nur in Zeiten hoher Spritpreise das Kaufverhalten verändert, haben Forscher längst untersucht. Schon 2019 zeigte eine Studie von Pete Driezen (und anderen): Wer in Grenzregionen lebt kauft deutlich häufiger günstigere Zigaretten im Ausland. Für Slubice ist das Geschäft also kein Nebeneffekt.
Die Studie zeigt aber auch: Die Grenze ist kein Sparversprechen für alle. Profitieren können vor allem jene, die nah dran wohnen. Denn billiger im Nachbarland heißt noch lange nicht, dass sich der Weg am Ende rechnet. Der Billig-Sprit aus der Region kann also durch den Fahrweg entfallen. Reservetanken in Kanistern ist auch nur begrenzt erlaubt. Auch hier wartet der Zoll an der Grenze.
Schmerzmittel statt Schaufensterbummel
Ein paar Straßen weiter hat am Samstag eine Apotheke geöffnet. Drinnen ist es ruhig. Eine Mitarbeiterin schreibt Preise auf einen kleinen Zettel. Ibuprofen 600, zehn Tabletten, kosten 2,50 Euro. Billig im Vergleich.
Während die Apothekerin schreibt, kommen immer wieder Deutsche. Viele sagen kaum was. Zeigen auf Verpackungen, nicken, zahlen. „Die Leute schauen mehr aufs Geld“, sagt die polnische Apothekerin anschließend. „Sie fragen nach Schmerztabletten, Erkältungssachen, Vitaminen.“
Optiker Wiktor Szpilski steht von seinem Stuhl auf als die Türklingel läutet. Auf seiner Visitenkarte steht in großen Buchstaben: „Bezpłatne badanie“ – kostenloser Sehtest. „Bitte sehr“, sagt er und drückt sie in die Hand.
Der Optiker trägt ein feines Hemd, Brille und freundliches Lächeln im Gesicht. Neben ihm stehen Regale voller Brillengläser. Am besten gehen gerade Gleitsichtbrillen.
„Die Deutschen fragen zuerst: Brauche ich einen Termin?“, sagt er. „Und ich sage immer: Nein. Warum?“ Der Optiker lehnt sich zurück, zeigt auf eine Couch. Wenn viel los ist, schicke er sie ins Café um die Ecke. Sie könnten in 30 Minuten wiederkommen. Die günstigste Brille koste rund 100 Euro. Mit Gläsern, Sehtest, allem. In Deutschland bezahle man schon je nachdem das Doppelte. „Erst schauen sie nur, am Ende bestellen sie eine Brille.“
Szpilski verkauft nicht nur Brillen. Er verkauft ein Art von Versprechen, das viele Deutsche inzwischen fast luxuriös finden: Es geht auch unkompliziert. Kein Termin in drei Wochen, kein langer Vorlauf.
Beim Friseur zeigt sich, dass die Rechnung nicht immer günstig aufgeht: 80 Zloty, rund 19 Euro, sind günstiger als viele Berliner Barbershops – aber nicht so billig, dass sich die Fahrt allein lohnt.
Auch in Polen ist das Leben teurer
Vor einem kleinen Restaurant wirbt ein Schild: „Spaghetti ab 8 PLN“. Nicht acht Euro. Acht Zloty, also nicht einmal zwei Euro. Daneben: Kaffee 1,50 Euro. Kuchen 2 Euro. Mittagsmenü mit Suppe und Hauptgericht: oft weniger als zehn Euro. Der Schnapper des Tages.
In einem kleinen Bekleidungsladen telefoniert eine Verkäuferin mit ihrer Freundin. Zwischen bunten Blusen und Frühlingsjacken steht kaum jemand. Als nach den deutschen Kunden gefragt wird, legt sie die Hand halb über das Handy. „Im Moment kommen nicht mehr so viele Deutsche“, sagt sie. „Aber polnische Frauen auch nicht.“ Auf der polnischen Seite ist das Leben genauso teurer geworden. Mieten, Energie, Lebensmittel – vieles kostet jetzt mehr als noch vor wenigen Jahren.
Slubice ist günstiger als Berlin. Aber nicht billig für alle. Gerade deshalb wirkt die Stadt an dieser Stelle wie ein Spiegel: Deutsche kommen her, weil sie sparen müssen. Polnische Händler hoffen auf die Deutschen, weil sie selbst sparen müssen. Die Grenze trennt die Länder. Aber die Sorgen ähneln sich.

Während Autofahrer in Polen für umgerechnet 1,46 Euro pro Liter tanken, wird in Deutschland immer heftiger darüber gestritten, was gegen die hohen Preise getan werden soll.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) forderte Anfang April eine Preisobergrenze. Unter seinem Beitrag brach sofort der Streit los. Die einen verlangten billigeres Benzin und warfen der Politik bloßes Gerede vor. Andere schrieben, hohe Preise seien die logische Folge von Krieg, Abhängigkeit und zu viel Verbrauch. Dann müsse man eben weniger fahren.
Die extrem hohen Spritpreise sind für viele Menschen und Unternehmen unzumutbar. Wir brauchen Maßnahmen und Entscheidungen, die Spritpreise senken und sofort wirken. Eine Preisobergrenze wie in unserem Nachbarland Polen und eine Aussetzung der CO2-Steuer wären solche Instrumente.
— Kai Wegner (@kaiwegner) April 2, 2026
Wieder andere hielten Verbilligung von Treibstoff für klimapolitischen Irrsinn. Der Liter Benzin ist in Deutschland jedoch gerade nicht nur teuer. Er ist weltanschaulich geworden.



