Erik Schulze ist Hausarzt in Pankow-Rosenthal. Er hat sich an die Berliner Zeitung gewandt, in Reaktion auf ein Interview mit einer Hausarztkollegin aus dem Südosten Berlins, Überschrift: „Impfquote und Prämien wie in der DDR: Berliner Ärztin warnt vor Kollaps in der Versorgung“. Einige Aussagen darin bezeichnet Schulze als falsch, irreführend und unfair gegenüber allen Hausärzten der Stadt. Das sind seine Kritikpunkte. Und das läuft seiner Meinung nach im Gesundheitswesen der Hauptstadt tatsächlich schief.
Herr Dr. Schulze, welche Einwände haben Sie?
Einige Aussagen der Kollegin waren sachlich falsch, enthielten irreführende Verkürzungen oder Übertreibungen. Sie vermittelten einen falschen Eindruck von der Arbeit eines Hausarztes.
Welche Aussagen meinen Sie?
Am schlimmsten fand ich, dass strukturelle Probleme des Gesundheitswesens mit individuellen Problemen bei der Organisation einer einzelnen Praxis vermischt wurden. Diese als Systemversagen darzustellen, ist den Kollegen gegenüber unfair. Mir macht die Arbeit als Hausarzt einen Riesenspaß: den Menschen zu helfen, Beschwerden zu lindern, das Leben zu verlängern.
Was kritisieren Sie konkret?
Zum Beispiel, dass der Eindruck erweckt wird, Hausärzte wären für das wirtschaftliche Überleben ihrer Praxis gezwungen, Impfungen durchzuführen.
Stimmt das nicht?
Eine Impfquote wie früher in der DDR existiert nicht. Es stimmt, dass es eine sogenannte Vorhaltepauschale gibt.
Es geht um Zuschläge zu dieser Pauschale, richtig?
Um sie zu erhalten, müssen mindestens zwei von zehn möglichen Leistungen erbracht werden. Das sind zum Beispiel Hausbesuche, die ärztliche Betreuung eines Heims, technische Untersuchungen oder eben Impfungen. In den ersten drei Quartalen beträgt die Impfquote, die mindestens erfüllt sein muss, sieben Prozent. Im vierten Quartal sind es wegen der Grippeschutzimpfung 25 Prozent. Allein in meiner Praxis wollen an die 300 Menschen jedes Jahr gegen Influenza geimpft werden. Aber Impfen ist nur eine von mehreren Optionen, um in den Genuss des Zuschlags zur Vorhaltepauschale zu kommen, der im Übrigen nicht sehr hoch ist.
Hausarzt aus Pankow: Zehn Euro pro Impfung – nicht viel, aber okay
Wird die Impfung selbst nicht bezahlt?
Doch, für diese Leistung gibt es zehn Euro pro Impfung. Das ist nicht viel, aber okay. Seit dem vergangenen Jahr gibt es ohnehin keinen Grund zum Jammern, weil Hausarztpraxen endbudgetiert wurden. Sie bekommen 100 Prozent ihrer Leistungen bezahlt, nicht mehr nur 85 wie vorher. Wir erhalten also mehr Geld. Und auf die zwei geforderten Items für den Zuschlag zur Vorhaltepauschale müsste jede Praxis ohne Probleme kommen. Die Impfquoten-Existenzlogik greift deshalb nicht.
Was ist mit den Impfstoffen selbst? Wie stehen Sie zur mRNA-Technologie, die nach dem Coronavirus auch auf andere Erreger ausgeweitet werden könnte?
Raten Sie mal, wie viele mRNA-Impfstoffe in meinem Kühlschrank lagern.
Verraten Sie es uns.
Kein einziger. Ich verteufele diese Technologie keineswegs, bin aber froh, dass es Covid-Impfstoffe inzwischen als Totimpfstoff gibt. Sie sind sehr verträglich und besser vermittelbar. Denn nach der Corona-Pandemie ist viel Vertrauen zerstört worden: durch einen indirekten Impfzwang und Falschaussagen wie die, dass eine Impfung davor bewahrt, andere Menschen anzustecken. Es wurde auch weitgehend bestritten, dass die mRNA-Impfung Nebenwirkungen haben kann. Trotzdem steht fest und ist durch unzählige Studien belegt, dass Impfungen generell lebensverlängernd wirken und in jedem Jahr vier bis fünf Millionen Menschen auf der Welt retten.
Wen impfen Sie in Ihrer Praxis?
Wir achten vor allem bei gefährdeten Patienten darauf, dass sie gegen Influenza geimpft sind: bei über 60-Jährigen, mehr noch bei über 75-Jährigen. Auch bei bestimmten Grunderkrankungen raten wir zum Impfen, etwa Herzinfarkt- oder Tumorpatienten. In diesem Jahr ist die Situation allerdings insgesamt herausfordernd.
Inwiefern?
Die aktuellen Influenzaviren können richtig üble Erkrankungen hervorrufen. Nicht nur bei Risikogruppen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Impfstoff nicht so gut schützt wie in den Vorjahren. Ich hatte neulich einen Patienten Anfang 20, der schwerstkrank war. Ich musste ihn ins Krankenhaus einweisen.
Gibt es weitere Aussagen Ihrer Hausarztkollegin, die Sie kritisch sehen?
Erwähnen möchte ich noch die Krankengymnastik, die angeblich nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird. Das stimmt nicht. Ich verordne regelmäßig Krankengymnastik als Kassenleistung.
Wo sehen Sie als Hausarzt die größten Probleme?
Das größte Problem ist aus meiner Sicht die Logistik. Sie bekommen einfach keine Termine mehr bei einem Facharzt. Früher habe ich Patienten zum Chirurgen geschickt oder zum Kardiologen, das ging problemlos. Heute werden Kleinigkeiten wie eine Überweisung zum Ultraschall des Bauchs zu einem langwierigen Projekt. Das wird auf Dauer Auswirkungen auf die Lebenserwartung der Menschen haben.

Der Autor: Schulze schreibt Jugendbücher, Science-Fiction und Dystopien. „Schreiben ist für mich zunächst Entspannung vom stressigen Alltag als Arzt, aber natürlich auch die Suche nach Anerkennung auf schriftstellerischem Gebiet“, sagt der Mediziner.
Die Bundesregierung will ein Primärarztsystem einführen: Patienten müssen zuerst in eine Hausarztpraxis, von dort aus werden sie weiterüberwiesen. Wie passt das zum Terminmangel bei Fachärzten?
Ein solches System würde helfen, dass Patienten nicht unnötigerweise verschiedene Fachärzte aufsuchen, es würde zur Entlastung beitragen.
Wie oft kommt so etwas vor?
Ich hatte Patienten in meiner Praxis, die waren bei drei HNO-Ärzten wegen Schwindel. Anschließend waren sie bei einem Neurologen. Der schickte sie in eine radiologische Praxis zum MRT. Der Schwindel ging nicht weg. Schließlich kamen sie am Ende der Kette zu mir in die Hausarztpraxis. So etwas kommt immer wieder vor. Ich habe nichts dagegen, wenn Patienten eine Zweitmeinung einholen, aber ohne eine sozialverträgliche Steuerung wird sich der Terminmangel weiter verschärfen.
Berliner Praxen werden von Investoren aufgekauft
Was verstehen Sie unter einer sozialverträglichen Steuerung?
Eine Gebühr, die zu entrichten ist, wenn man ohne Überweisung vom Hausarzt eine Facharztpraxis aufsucht, ausgenommen solche für die üblichen Vorsorgen. Würden wir eine solche Steuerung heute einführen, hätten wir morgen mehr Facharzttermine. Das Gleiche gilt für das Aufsuchen einer Rettungsstelle wegen Bagatellen während der Sprechzeiten.
Wo hakt es noch?
Immer mehr Praxen werden von Investoren aufgekauft und in Medizinische Versorgungszentren, MVZ, umgewandelt. Dort arbeiten angestellte Ärzte. Das macht einen Unterschied zu inhabergeführten Einzelpraxen. Wer selbstständig eine Praxis führt, trägt Verantwortung für Personal, Patienten und Existenz zugleich – das prägt Motivation und Entscheidungswege spürbar.
Die Bundesärztekammer hat errechnet, dass niedergelassene Vertragsärzte im Durchschnitt pro Jahr umgerechnet 61 Tage allein mit Bürokratie zubringen. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Man muss als Hausarzt Strategien entwickeln, die Prozesse zu vereinfachen. Man kann die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz nutzen. KI stellt zum Beispiel Bescheinigungen aus. Als Arzt schaue ich nur noch einmal drüber, das spart Zeit.
Wie viele Patienten sehen Sie pro Quartal?
Mehr als 1000.
Dann ist Ihr Wartezimmer immer voll, oder?
Wenn im Wartezimmer einer Hausarztpraxis 50 Patienten sitzen, stimmt etwas mit dem Praxismanagement nicht.

In Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick oder Lichtenberg ist die Nachfrage größer als das Angebot, es gibt nicht genug Hausärzte. Wie sieht es bei Ihnen in Pankow aus?
Bei uns ist die Versorgungslage noch gut, und darüber bin ich sehr froh. Wenn man auf Berlin insgesamt schaut, so muss man allerdings sagen: Wir haben große politische Probleme, was die medizinische Versorgung betrifft. So wie es im Moment läuft, läuft es in die falsche Richtung. Nehmen wir die stationäre Versorgung: Krankenhäuser schließen, weil sie kein Geld mehr haben. Andere Krankenhäuser müssen ihre Aufgaben übernehmen. Das passiert in einem ungeordneten Prozess. Eine Zentralisierung ist wichtig, sie spart Personal und Zeit und gewährleistet weiterhin die Qualität der Versorgung. Sie muss jedoch strukturiert ablaufen.


