Berlin

Ein Haus wird geschlachtet: Staatsvandalismus in Berlin-Spandau

Die Stadtverwaltung reißt das denkmalwerte Gemeindezentrum der Großsiedlung Falkenhagener Feld ab – um an seiner Stelle ein neues zu planen. Ein Skandal.

Die evangelische Zufluchtskirche in Berlin-Spandau.
Die evangelische Zufluchtskirche in Berlin-Spandau.imago/Schöning

Just am Tag der Architektur wird in Berlin-Spandau der Abriss eines Musterbeispiels an Nachkriegsbaukunst eingeläutet. Für diesen Sonntag um 11 Uhr lädt die Zufluchtskirche zum „Entwidmungsgottesdienst“ in die Westerwaldstraße 16. Das von Bodo Fleischer entworfene Gemeindezentrum, das seit bald sechzig Jahren Kristallisationspunkt der Großsiedlung Falkenhagener Feld war, hat seinen letzten Arbeitstag.

Bis Silvester sollen Möbelpacker und Presslufthämmer nur den Wohn-Annex übriglassen, sowie – wenn Gott will – die majestätische Blauzypresse am Entree. Den weitläufigen Gebäudekomplex niederlegen lässt die Öffentliche Hand. Was genau an seine Stelle tritt, entscheidet sie erst danach. Angedacht ist ein neues – diesmal weltliches – Gemeindezentrum. Ganz nebenbei landen zielgleiche bestandserhaltende Pläne im Papierkorb.

Der Bund sponsert das Vorgehen – ausgerechnet aus dem frisch aufgelegten Programm „Nachhaltige Erneuerung“, das eigentlich „ökologische Aspekte wie zum Beispiel die Klimafolgenanpassung noch stärker berücksichtigen“ will als frühere Städtebauförderungen. Die Denkmalpflege ließ all das geschehen.

Dieses Haus verdient eine Würdigung

De facto schreit das alte Gemeindezentrum nach Erhalt. Es ist keinesfalls schlechter als die übrigen drei Kirchen Fleischers, von denen die beiden in Reinickendorf längst unter Denkmalschutz stehen. Sie alle verdienen diesen Status, da sich ihr Entwerfer nicht mit dem seinerzeit allfälligen Brutalismus begnügte, sondern auch noch seinem Lehrmeister Hans Scharoun huldigte. Jede einzelne führt dessen Ideal der Stadtlandschaft – das Ich im Wir sowie die Menschen-Gemeinschaft in der Natur zu verankern – mustergültig in die Realität.

Am Falkenhagener Feld ist die Wirkung sogar besonders stark. Ohne den zackigen, in der Verlängerung der Westerwaldstraße platzierten Glockenturm würden Ortsfremde gar nicht bemerken, was gemeinhin als „Berlins unspektakulärste Großsiedlung“ beschrieben wird. Erst dieser Beton-brut-Campanile schweißt die Ansammlung verstreuter Hochhäuser, zugewucherter Wohnhöfe und bemühter Zweckbauten zusammen. Daneben führt eine Promenade durchs Gemeindezentrum, die sowohl eine wirkliche Abkürzung als auch verträumte Nischen bietet – zwanglose Treffen ergeben sich hier von selbst. Die Details sind von einer Raffinesse, die allen anderen Architekturversuchen vor Ort abgeht, insbesondere die Lichtregie. Wer das nicht würdigt, wird dasselbe Niveau kaum wieder erreichen.

Eine Innenansicht der Kirche.
Eine Innenansicht der Kirche.Hans Wolfgang Hoffmann

Ein notwendiger Verkauf

Von der Überlebensfähigkeit des Gemeindezentrums ist ebenfalls auszugehen. Vor gerade fünf Jahren stand die religionsfreie Zukunft schon einmal auf der Agenda, damals aber unter dem Primat des Umbaus. Auf Einladung des Stadtentwicklungssenators lieferte ein knappes Dutzend, zum Teil international renommierter Architekturbüros – darunter die Postmoderne-Vorreiter Bolles+Wilson sowie die spanischen Shooting-Stars Magén und Saluite Muños – Ideen zur Unterteilung des Kirchensaals oder Überdachung des Innenhofs.

Zur Ausführung empfahl die Jury, zu der die heutige Senatsbaudirektorin Kahlfeldt zählte, einen Plan von Berliner Newcomern: Katharina Feldhusen und Ralf Fleckenstein. Beide haben mittlerweile viele vergleichbare Bauaufgaben bewältigt, unter anderem an Fleischers zweitem Spandauer Gotteshaus. Dort brach freilich kurz vor Fertigstellung Feuer aus, so dass jenes Projekt quasi doppelt realisiert werden musste, was die Evangelische Gemeinde des Bezirks letztlich zum Verkauf der hiesigen Immobilie zwang.

Dieses Gemeindehaus darf nicht zerstört werden

Warum wird das alles nun aufgeben? Dafür bemüht Sebastian Holtmann von der Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG, welche seit rund 15 Jahren im Senatsauftrag den Osten des Falkenhagener Felds mehr oder minder effektiv umkrempelt, drei Argumente. Das stärkste heißt „Platzmangel“. Die avisierten Neumieter – Stadtteilzentrum, Seniorenclub und Jugendtheaterwerkstatt – wünschen sich eine Fläche, die zwei bis drei Supermärkten entspricht: rund 5000 Quadratmeter.

Eine Übersicht der Zufluchtskirche
Eine Übersicht der Zufluchtskircheimago/Schöning

Das sind mehr als doppelt so viele, wie der Bestand bietet. Gleichzeitig ist das Projekt längst nicht ausfinanziert, das Budget bereits jetzt bescheiden. Dermaßen billig entstehen komplett neue Gemeindezentren laut letztem Baukostenindex selten. Sie alle wurden vor der anziehenden Inflation jenseits der Hochpreisregion Berlin sowie in unterdurchschnittlichem Standard errichtet. Hingegen schlummern im vorhandenen Raumarrangement Erweiterungspotentiale, die noch niemand erschloss – etwa auf dem Parkhafen davor oder im Garten dahinter.

Das Platzproblem könnte also kleiner werden. Das zweite Argument fällt auf Holtmann und seine Kollegen zurück: „Unkalkulierbare Altlasten“ wären im Vorfeld zu evaluieren (gewesen) und technisch auszuräumen. Mit bloßem Auge erscheint der Kirchenbau eher solider als viele unsanierte Altersgenossen. Am aberwitzigsten wirkt schließlich die Begründung, warum die Abrissbagger kommen, bevor der Rest geklärt ist: wegen Vandalismus! Darunter leidet Spandau, wie die jüngste Umfrage des Kultursenators zu anonymen Attacken auf Denkmäler ergab, häufiger als jeder andere Berliner Bezirk. Dieser Negativrekord wird vermutlich verteidigt, wenn die Verwaltung die maximal mögliche Zerstörung nun selbst vornimmt.

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