Neukölln, Weserstraße: Vor einem Café, das den rauen Charme einer Rohbaustelle mit Preisen wie in Zürich kombiniert, sitzen Malte und Lisa. Malte trägt eine steife Selvedge-Jeansjacke, deren künstliche Abnutzung vermutlich mehr gekostet hat als die letzte Kaltmiete der Vormieterin. Auf seinem Hinterkopf balanciert eine winzige Seemanns-Beanie. Lisa hat sich in einen übergroßen Achtzigerjahre-Blazer geworfen, kombiniert mit klobigen Salomon-Wanderschuhen für den alpinen Aufstieg zum Barista-Tresen.
„Ganz ehrlich“, sagt Malte und rührt lustlos in seinem Flat White, „dieser Kiez ist durch. Jetzt machen die da drüben ernsthaft ein Boutique-Pilates-Studio auf. 40 Euro die Stunde. Wo ist der rohe Vibe hin, wegen dem wir alle hergezogen sind? Das ist doch nur noch ein Spielplatz für Yuppies.“
Lisa zieht an ihrer selbstgedrehten Zigarette und rückt den Blazer zurecht. „Es ist eine Tragödie“, pflichtet sie ihm bei. „Neulich hat ernsthaft jemand in meinem Späti nach gekühltem Crémant gefragt. Ich schwöre dir, Malte, wenn das so weitergeht, bin ich weg. Ein Kumpel hat in Leipzig-Lindenau gerade eine halbe Fabriketage für einen Witzpreis gemietet. Das ist noch wie Neukölln vor zehn Jahren. Da kannst du nachts auf der Straße sitzen, ohne dass ein Immobilienmakler neben dir auftaucht.“
Malte nickt bedächtig und kratzt an dem feinen Stick-and-Poke-Tattoo auf seinem Handgelenk, das eigentlich den minimalistischen Umriss des Tempelhofer Felds darstellen soll, aber aussieht wie ein betrunkener Kleiderbügel. „Absolut. Leipzig ist die einzige Option. Wir müssen raus, bevor das hier komplett zu München wird. In Lindenau stört sich noch keiner an einer Party im Hinterhof.“
Neukölln, Reuterplatz: Subkultur gesucht
Hier stehen Jonas und Clara vor einem Laden, der Wein verkauft, der wie trüber Apfelsaft aussieht und nach feuchtem Heu riecht. Jonas trägt einen grobmaschigen Fischerpullover zu einer weiten Leinenhose – der Look eines ostpreußischen Hafenarbeiters, der zufällig als Art Director arbeitet. Am Hals trägt er ein frisches Tattoo: einen dekonstruierten U-Bahn-Plan, der aussieht, als wäre ein Dreijähriger mit dem Edding abgerutscht, was Jonas aber jedem ungefragt als tiefe Reflexion über städtische Entwurzelung verkauft. Clara daneben friert in einem durchsichtigen Mesh-Top über einem asymmetrischen Sport-Bra. Aura: Raverin auf dem Weg zum Yoga-Retreat.
„Es ist unerträglich“, ätzt Clara. „Gestern standen da drüben vier Typen im Polohemd und haben laut über ihre ETF-Sparpläne geredet. In Neukölln. Die verdrängen alles, was echt ist. Den ganzen Charakter. Die fressen die Subkultur einfach auf.“
Jonas starrt düster in sein Neun-Euro-Glas. „Ein Albtraum. Wir müssen unseren Kiez verteidigen. Das ist eine feindliche Übernahme durch Leute, die keine Ahnung von der Seele dieses Viertels haben. Sag mal, hast du eigentlich schon die Zusage für das Loft in der alten Brotfabrik?“
Drei Tische weiter sitzt Elif. Sie wohnt seit 28 Jahren im Kiez. Sie hört nicht zu.
„Noch nicht“, sagt Clara. „Aber mein Vater bürgt mit seiner Praxis, also sieht es eigentlich ganz gut aus.“
Die erste Welle
Malte, Lisa, Clara und Jonas haben verdrängt, dass sie es waren, die ihre Viertel erst für den Markt aufbereitet haben. Jeder klaglos geschluckte Soja-Aufschlag war ein Beweis für die Immobilienwirtschaft, dass man aus feuchtem Mauerwerk pures Gold pressen kann, solange man nur einen ironischen Namen ans Schaufenster pinselt.




