Tirana Calling

Ein Rätsel auf der Landkarte: Darum ist Albanien der neue Geheimtipp für Europa-Touristen

Unser Autor findet die moderne Architektur in Tirana interessanter als das Schießscharten-Einerlei am Berliner Hauptbahnhof. Doch das ist nicht alles.

Tirana überrascht mit moderner Architektur: bunt, gewagt und futuristisch.
Tirana überrascht mit moderner Architektur: bunt, gewagt und futuristisch.Sergio Delle Vedove/imago

Tirana ist die beste Wahl für eine kurze Städtereise. Das gilt auf alle Fälle für die Zeit vor dem Abflug. Denn alle, die dieses Ziel nennen, können sicher sein, dass sie die volle Aufmerksamkeit bekommen.

In Europa gibt es auch andere Hauptstädte, die für die meisten ebenfalls unbekannt sind, zum Beispiel Podgorica, Valletta oder Tallinn. Aber bei diesen Städten würden die meisten nur fragen: „Wo war das noch mal?“ Nicht so bei Tirana. Der Name löst ein Maximum an Erstaunen aus: „Was, Tirana? Wirklich? Die Hauptstadt von Albanien? Was wollt ihr denn da?“

Na, die Stadt ansehen, uns ein eigenes Bild machen. Das ist doch die tiefere Bedeutung von: Die Welt anschauen. Und Albanien war einst ein totaler Weltanschauungsstaat. Die meisten denken bei dem kleinen Land auf der Balkanhalbinsel an den Diktator Enver Hoxha, der Albanien 1967 zum ersten und einzigen atheistischen Staat der Welt erklärte, der sich selbst zum großen kommunistischen Theoretiker ernannte und in eine Reihe mit Karl Marx stellte.

Ein Mann, der sein Volk tyrannisierte, sich mit riesigen Statuen und anderem Personenkult feiern ließ. Ein ultraorthodoxer Kommunist, der sich nach Stalins Tod erst von der Sowjetunion lossagte, später auch von China, als ihm die dortige KP nicht linientreu genug erschien. Enver Hoxha machte das Land zu einer Art „Nordkorea an der Adria“ und isolierte es total.

Das ist mehr als 30 Jahre her, doch noch immer ist Albanien ein Rätsel auf der Landkarte, denn auch danach machte meist nur die albanische Mafia von sich reden. Und so stellt sich die Frage: Wie sieht es heute dort aus?

Größte Dichte an Cafés in Europa?

Schön, sehr schön sogar. Mit überraschend moderner Architektur: bunt, gewagt und futuristisch. Dagegen sehen die uniformierten Schießscharten-Häuser rund um den Hauptbahnhof in Berlin aus wie einfallslose Entwürfe von Statik-Studenten im ersten Semester. Natürlich wollen wir lieber nicht darüber nachdenken, was hier alles an alten Häusern abgerissen wurde für solche Angeberbauten, die die Gäste aus dem Westen beeindrucken sollen. Die Einheimischen beklagen auch die Korruption, außerdem ist Albanien arm. Zwar hat Tirana wohl die größte Dichte an Cafés in Europa, aber die meisten können sich dort nur einen Kaffee leisten.

Sehr vieles ist sehr neu im Zentrum von Tirana.
Sehr vieles ist sehr neu im Zentrum von Tirana.Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Trotzdem macht Tirana Spaß. Denn die Leute sind sehr freundlich zu Touristen. Die sind noch nicht das lästige Übel, das ordentlich geschröpft werden kann. Ein Beispiel gefällig?

Die Fahrt zurück zum Flughafen sollte 20 Euro kosten. Mittendrin ein ewig langer Stau. Wir hätten das Flugzeug nie geschafft, doch der Fahrer bog wortlos von der Autobahn ab, fuhr über holprige Schleichwege, während das Taxameter rannte und rannte. Bei 20 Euro schaltete er es ab und fuhr noch für zehn Euro weiter. Wir schafften den Flieger, er bekam ein gutes Trinkgeld, alle waren glücklich.

Mit der großen Gelassenheit kann es indes schnell vorbei sein: Nun, da Kroatien den Euro eingeführt hat und schnell teurer wurde als Spanien, wird für diesen Sommer das preiswerte Albanien zum Geheimtipp erklärt. Wir waren also Trendsetter. Zufälligerweise. Unser Glück: Wir haben Tirana erlebt, als es noch schüchtern und unaufgeregt war. Vor dem großen Run.