Berlin hat ein neues Casino. Es steht nicht am Potsdamer Platz, nicht am Alex, nicht in irgendeinem Hinterzimmer mit rotem Samt und schlechtem Gewissen. Es steht genau zwischen Treptow und dem Adlergestell. Und das „Casino“ umfasst acht Tankstellen, die auf rund zehn Kilometer Wegstrecke an der B96a zum Zocken „einladen“.
Dabei hatte die Bundesregierung versprochen, dass ab dem 1. Mai alles besser werde, kein Zocken mehr notwendig sei. Ein neuer Tankrabatt sollte die Lösung sein, für mehr Gerechtigkeit, mehr Entlastung in der Geldbörse sorgen. Die Energiesteuer auf Benzin und Diesel wurde daher befristet bis zum 30. Juni um 14,04 Cent pro Liter gesenkt; inklusive Umsatzsteueranteil sollten daraus rund 17 Cent Entlastung werden. So steht es jedenfalls beim Bundesfinanzministerium auf der Seite.
Den Tankrabatt gibt es kaum irgendwo
Doch entscheidend dabei ist ein kleiner, beinahe poetisch wirkender Satz: Es „obliegt“ den Kraftstofflieferanten, die geringere Steuerbelastung an die Kunden weiterzugeben. Übersetzt in Berliner Denkweise heißt das: Es kann so passieren, die entsprechenden Tankstellen müssen aber offenbar erst mal gesucht werden.
Diese Suche nach der 17-Cent-Entlastung pro Liter erweist sich an diesem sommerlichen Frühlingstag auf der B96a als schwierig. Nimmt man die Zahlen der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe des ADAC und der bekannten Tank-Online-Portale als Basis und vergleicht sie mit der Vorwoche, bietet keine Tankstelle den Tankrabatt im vollen Umfang an. Lediglich der Mineralölkonzern mit dem blauen Logo hat den Preis für E10 deutlich um 8,4 Cent nach unten verändert. Die anderen Mitbewerber üben sich in Zurückhaltung, korrigieren den Literpreis lediglich zwischen 0,4 Cent und 1,4 Cent nach unten. Beim Diesel liegt die „Anpassung“ an den versprochenen Tankrabatt bei minus 0,7 bis 1,7 Prozent.
Laut ADAC steigen die Preise wieder
Eine Momentaufnahme, die aber auch der ADAC bestätigt. Er kritisiert, dass die Steuersenkung Anfang Mai nicht vollständig angekommen sei: Statt der rechnerischen 16,7 Cent brutto seien die Durchschnittspreise bis zum 2. Mai nur um rund zwölf Cent gefallen; am 3. Mai lagen die Preise morgens sogar wieder höher als am Vortag. Das ist der Moment, in dem aus Steuerpolitik Zauberkunst wird: Der Rabatt verschwindet nicht. Er wird nur unsichtbar.
Seit April dürfen Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich erhöhen – um 12 Uhr. Preissenkungen sind weiterhin jederzeit möglich. Laut ADAC ist Tanken deshalb aktuell meist kurz vor 12 Uhr am günstigsten; um 12 Uhr steigen die Preise im Schnitt deutlich, danach sinken sie langsam wieder.
Das klingt nach Verbraucherschutz, fühlt sich aber eher an wie Hunger Games mit Zapfpistole. Wer um 11.43 Uhr tankt, ist ein Stratege. Wer um 12.04 Uhr tankt, ist ein Opfer. Wer um 12.01 Uhr noch an der Kasse steht, hat nicht getankt, sondern spekuliert.


