Ein Meisterwerk

„Melania“ zeigt nichts – und genau darin liegt die verstörende Kraft dieses Films

Mit Häme und Spott wird dieser Film übergossen, doch vergessen Sie alles, was Sie über den Film mit Melania Trump gehört haben. Sie müssen ihn sehen!

„Melania“ ist jetzt in den deutschen Kinos.
„Melania“ ist jetzt in den deutschen Kinos.Muse Films

Es wäre so einfach, sich über diese Dokumentation lustig zu machen. Melania Trump, die First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika, produzierte ihr eigenes Filmporträt, das ihr bereits im Vorfeld einen skandalträchtigen Ruf einbrachte. Der Film sei reine PR für Melania Trump, außerdem mit Produktionskosten von rund 40 Millionen Dollar schon jetzt ein äußerst kostspieliger Flop an den Kinokassen.

Auch die ersten Filmvorführungen in Amerika verliefen alles andere als elegant. Amerikanischen Medienberichten zufolge blieben die Kinos am Eröffnungswochenende in den USA ziemlich leer. Hier in Deutschland war es sogar schwierig, an den Film im Vorfeld überhaupt ranzukommen. Obwohl sich niemand Geringeres als die Amazon Studios die Rechte an dem Film sicherten, gab es in Berlin ungewöhnlicherweise keine Vorab-Vorführungen für Pressevertreter. Noch nicht mal einen Streaminglink hat man bekommen. Der Film entwickelte sich bereits vor seinem Start zu einem Politikum.

Um den Film in der Hauptstadt so früh wie möglich zu sehen, musste man in seine erste Vorstellung am Freitagmittag in einem Multiplex-Kino am Potsdamer Platz gehen. Die Dokumentation lief im hinterletzten Saal und die 22 Plätze waren fast ausverkauft. Dort saßen dann hauptsächlich Filmkritiker in den übergroßen Ledersitzen mit Fußlehne, die sich für die Vorstellung ein Ticket kaufen mussten, und schon wieder hakte es: Das Bild wurde anfangs nicht richtig auf die Leinwand projiziert und an den Rändern ungewöhnlich groß abgeschnitten. Erst nach rund 30 Minuten konnte der Fehler vom Kinopersonal behoben werden.

Doku über Melania Trump: Mehr als ein PR-Film

„Melania“ zeigt 20 Tage im Leben der Melania Trump, als deren Mann Donald Trump bereits zum 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt war und sich zusammen mit seiner Frau auf seine feierliche Amtseinführung vorbereitete. Wir begleiten die designierte First Lady bei den Vorbereitungen auf die große Feierlichkeit, sehen das ehemalige Model beim Schneider, bei der Auswahl von neuem Mobiliar für das Weiße Haus, beim Designen von Einladungskarten und auf allen möglichen Empfängen und Bällen.

Schnell wird klar, dass man uns hier das zuckersüße, aber auch unheimlich anstrengende Leben der Melania Trump zeigen will, die sich für alle möglichen politischen Belange im Namen der Menschlichkeit einsetzt, etwa wenn sie eine tränenüberströmte Überlebende des Hamas-Massakers vom 7. Oktober liebevoll in den Arm nimmt und im Anschluss sagt, das Treffen sei „very emotional“ gewesen.

In „Melania“ sehen Sie nichts – und das ist genial.
In „Melania“ sehen Sie nichts – und das ist genial.Amazon MGM Studios

Am Schluss wird in eingeblendeten Texttafeln dem Publikum sogar noch mal erklärt, zu welchen diplomatischen Höhenflügen Melania Trump fähig ist. Sie setze sich für den Frieden, nicht nur in Amerika, sondern gleich in der ganzen Welt ein. Eine Schlüsselrolle bei der Befreiung der Hamas-Geiseln habe Melania Trump gespielt, und auch in der Ukraine habe die First Lady bereits große Heldentaten vollbracht.

„Melania“: Hinter den Kulissen ist die absolute Leere

Man könnte an dieser Stelle nun darüber spotten, dass „Melania“ ein Propagandafilm par excellence ist. Dass Filmemacher wie Sergei Eisenstein oder Leni Riefenstahl, die für ihre Propagandafilme bekannt sind, sicherlich große Freude an diesem 108 Minuten langen Film gehabt hätten. Dass man hier nichts anderes erfährt, als dass Melania ein aufregendes Leben an der Seite ihres fantastischen Ehemanns Donald hat und jeden Tag dankbar für ihre Rolle als First Lady ist.

Doch so einfach ist es nicht. Denn Melania Trump, die ihr eigenes Porträt sogar produziert und den Regisseur Brett Ratner selbst eingestellt hat, gelingt etwas viel Größeres als ein PR-Film über sich selbst. Ein bisschen zu krampfhaft hat die First Lady sich der Kontrolle über den Produktionsprozess gewidmet. In ihrem festen Griff bekommt der Film feine Haarrisse, die das Werk zu großem Kino aufwerten.

Auf einmal sehen wir nämlich nicht nur einen PR-Film über Melania Trump, sondern die Demaskierung der politischen Macht. Er verspricht zwar dem Publikum einen Blick hinter die Kulissen des politischen Betriebs in den USA, doch am Ende blickt es nur in die Leere. Wir sehen Melania Trump auf den Gängen hinter dem Saal, in dem Donald Trump gleich vereidigt wird, aber wir sehen nur ein paar neue Einstellungen von Melania Trumps Hinterkopf. Den Rest kennen wir alle schon aus dem Fernsehen und dem Internet.

Donald Trump im Weißen Haus: Kann mit Monet nichts anfangen

Melania Trump versucht mit aller Kraft, den Eindruck zu erwecken, in diesem Film gäbe es etwas Außergewöhnliches zu sehen. Da steht sie dann zum Beispiel im Weißen Haus, blickt in die Kamera und winkt uns zu. Als der Kameramann ihr um die Ecke folgt, wartet nichts Geheimnisvolles, sondern einfach nur Donald Trump neben zwei Kellnern auf das Abendessen.

In der wohl genialsten Szene des Films unterhalten sich Donald und Melania nach der Amtseinführungsfeier abends im Weißen Haus. Der Kameramann stellt den beiden umschmeichelnde Fragen und sie antworten mit rührseligen Floskeln. Als Donald Trump an einem Gemälde vorbeiläuft, sagt er zu seiner Frau: „Schau mal“, und blickt auf die Plakette des Werks. „Es ist Monet, gestiftet von Jackie Kennedy an ihren Mann John.“ Dann verlässt er desinteressiert den Raum. Die Szene zeigt ungewollt, aber dafür umso klarer, die Geistlosigkeit Donald Trumps und demaskiert seine Hybris.

In „Melania“ gibt es keine echten Momente, der Film ist selbst das Happening. Vor dem geistigen Auge sieht man ständig Melania Trump, wie sie im Schneideraum sitzt und versucht, sich und ihren Mann in jeder Einstellung ins perfekte Licht zu rücken. Doch sie sieht nur den Bombast der üppigen Kinobilder, der Paraden und Bälle, und verliert das Gespür für die kleinen Gesten. Wenn sie sich von Brigitte Macron das französische Bildungssystem erklären lässt und in ihren Notizblock lediglich „No phones until 11“ notiert, dann hat das eine Situationskomik, die einem Ernst Lubitsch Konkurrenz macht.

„In unserer Menschlichkeit sind wir alle vereint“, kommentiert Melania Trump an einer Stelle aus dem Off. Sie habe sich immer schon für die Sorgen der Bedürftigen interessiert. Wir sehen sie währenddessen in den teuersten Kleidern durch vergoldete Flure laufen. Das erinnert stark an den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi, der 2011 seinen Kopf aus einem Auto streckte und dabei einen Regenschirm in der Hand hielt, während er zum Volk sprach. Die Macht ist eine Farce. Da braucht man keine satirische Zuspitzung mehr, damit es allen klar wird.

Melania. USA 2026. Regie: Brett Ratner. 108 Minuten. Seit dem 30. Januar in den deutschen Kinos