Blödelkino

„Extrawurst“: Dieser Film fühlt sich an, als würde Angela Merkel immer noch regieren

In „Extrawurst“ gibt es mal wieder jede Menge Witze über Türken, Veganer und Gendertoiletten. Wer im Jahr 2026 darüber noch lacht, dem ist nicht mehr zu helfen.

Im Tennisclub Lengenheide geht’s um Halal-Wurst, Schwule und Vegetarier.
Im Tennisclub Lengenheide geht’s um Halal-Wurst, Schwule und Vegetarier.Daniel Gottschalk/Studiocanal/dpa

Im deutschen Fernsehen laufen Dramen über Krebs und im deutschen Kino laufen Blödelkomödien. Das war schon immer so und wird sich nie ändern. Seit die Nazis die großen Filmemacher vertrieben haben, gibt es hierzulande kaum komödiantisches Talent, nur noch verstockte Sketche voller Neurosen und Fäkalien. Auch im neusten Streich der deutschen Filmförderungen werden wir gequält. Als Strafe für die Sünden unserer Großeltern, so scheint es, sind wir Deutschen auf Ewigkeiten dazu verdonnert, Filme wie „Extrawurst“ zu ertragen.

„Extrawurst“ ist schon wieder eine solche Komödie, die den Deutschen den Spiegel vorhalten will. Witze über Ausländer, Veganer, Schwule und sonstige Minderheiten werden in einen Topf geworfen und zu einer schwer verdaulichen Soße verrührt, die als Spielfilm kaum taugt, aber das deutsche Mainstream-Kino zeigt ohnehin schon lange keine echten Filme mehr; es besteht nur noch aus szenischen Versatzstücken, die sich höchstens als Clips auf Facebook oder WhatsApp teilen lassen.

Die Handlung von „Extrawurst“ ist schnell erzählt. Heribert (Hape Kerkeling) ist seit Jahrzehnten Vorsitzender des Tennisclubs Lengenheide. Bei der Vereinssitzung wird über einen neuen Grill abgestimmt. Alle sind sich eigentlich einig, bis Melanie (Anja Knauer) den Vorschlag macht, für ihren muslimischen Tennispartner Erol (Fahri Yardim) einen zweiten Grill zu besorgen. Auf einmal wird über Grundsätzliches diskutiert: Über Herkunft und Heimat, Religion und Tradition, Männer und Frauen, und welche Vorurteile und Klischees talentlosen Drehbuchautoren sonst noch so einfallen.

Das Ganze ist quasi kammerspielartig inszeniert. Nur wenige Szenen spielen auf der Hauptversammlung des Tennisvereins. Der große Teil des Films besteht aus einem nie endenwollenden Dialog zwischen den fünf Hauptfiguren, die sich wahlweise auf dem Tennisplatz oder in der Werkstatt zurückziehen, um ihre Vorurteile gegenüber Minderheiten zu reflektieren. Christoph Maria Herbst spielt dabei Melanies vegetarischen Ehemann, Friedrich Mücke den ressentimentgeladenen Co-Vereinsvorsitzenden Matthias.

In den Köpfen der „Extrawurst“-Macher regiert noch immer Merkel

Wer die „Extrawurst“ sieht, bekommt das Gefühl, die deutsche Filmförderung muss im Jahr 2015 stecken geblieben sein. Denn hier werden immer noch eifrig Witze über Halal-Fleisch, Gendertoiletten und Veganer gemacht, als hätten diese Gags nicht schon vor Jahren ihren Zenit überschritten. In den Köpfen der Macher von „Extrawurst“ da regiert noch immer Angela Merkel und die Deutschen hören Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ in Dauerschleife und sitzen am Wochenende gebannt vor dem Fernseher, gucken wahlweise „Schlag den Raab“ oder die „heute-show“.

Endlos fühlen sich diese 100 Minuten im Kinosaal an, denn diese niemals endenden Dialoge kreisen um die immer selben Witze. Wie schon im Titellied zu Michael Bully Herbigs „Das Kanu des Manitu“ aus dem vergangenen Jahr, das Bully zusammen mit Stefan Raab singt, werden auch in „Extrawurst“ Witze gemacht, von denen man glaubte, dass sie bereits vor zehn Jahren aus der Zeit gefallen wirkten: Witze über Veganismus, Hafermilch und spießige Prenzlauer-Berg-Eltern. „Für die Deutschen reicht’s noch“, müssen sich die Autoren solcher Pointen wohl denken.

Fahri Yardim spielt den lustigen Türken Erol.
Fahri Yardim spielt den lustigen Türken Erol.Daniel Gottschalk/Studiocanal/dpa

Natürlich ist auch wieder Christoph Maria Herbst dabei. Und wie das Filme mit Christoph Maria Herbst so an sich haben, darf Christoph Maria Herbst auch in „Extrawurst“ mal wieder das egozentrische Arschloch spielen, das sein Herz am rechten Fleck hat. So wie in „Stromberg – Der Film“ oder „Stromberg – Wieder alles wie immer“, oder wie in „Der Vorname“ oder „Der Nachname“ oder wie in „Der Spitzname“. Auch Hape Kerkeling ist wieder auf der großen Leinwand zu sehen. Der hat sich irgendwann mal aus dem Showgeschäft zurückgezogen, aber da in den Köpfen deutscher Filmemacher die Uhren ein bisschen langsamer gehen, ist auch er wieder am Start.

Dabei zeigt der Regisseur Marcus H. Rosenmüller, der schon bei Filmen wie „Wer früher stirbt ist länger tot“ und „Trautmann“ Regie führte, dass er kein Gefühl für Timing besitzt. Die Schauspieler stolpern regelrecht durch die verkorksten Dialoge und die taktlose Inszenierung, aber im Grunde ist es auch egal, ob nun Marcus Rosenmüller, Sönke Wortmann oder Til Schweiger an diesen Filmen Hand anlegt. Bei deutschen Blödelkomödien nach dem Regisseur zu fragen, ist, als würde man sich im Backshop erkundigen wollen, wer das Brötchen geschmiert hat.

Wollen wir uns solche Drehbuchautoren länger leisten?

Doch an all diesen Mängeln, die den Kinogang so unerträglich machen, scheinen sich deutsche Filmkritiker nicht zu stören. Bei der Pressevorführung vergangene Woche in Berlin brach der Kinosaal voller Filmkritiker in schallendem Gelächter aus. Höhepunkt für die Hauptstadt-Feuilletonisten war die Szene, in der der Türke Erol in einem rassistischen Monolog über anatolische Hinterwäldler herzieht. Sogar zu Szenenapplaus ließ man sich hinreißen.

Und vielleicht sind es nicht nur die deutschen Kritiker. Vielleicht endet der Spott über Filme wie „Extrawurst“ am Ende immer bei einer Publikumsbeschimpfung, denn der Deutsche scheint sich an seiner problembehafteten Kinokomödie nicht zu stören. Im Gegenteil: „Das Kanu des Manitu“ haben im vergangenen Jahr schließlich über fünf Millionen Menschen gesehen, es war damit der erfolgreichste Film des Jahres. Den Deutschen ist es egal, ob die Hafermilch-Witze fünf Jahre zu spät kommen.

Das gleichnamige Theaterstück, auf dem „Extrawurst“ basiert, endet übrigens mit einer Abstimmung. Das Saalpublikum darf entscheiden, ob Erol seinen Grill bekommt oder nicht. In den allermeisten Vorstellungen war das Publikum mit dem lustigen Türken gnädig und stimmte für seinen Grill. Nur bei Vorstellungen am Theater Bautzen soll es hin und wieder dagegen entschieden haben. Im Kinosaal gibt es eine solche Abstimmung leider nicht, aber es sollte eine geben. Darüber, ob wir uns die Alimentierung deutscher Regisseure und Drehbuchautoren länger leisten wollen.