Es gibt Tage in Berlin, da ist gefühlt die einzig freundliche Stimme, die mir hier auf der Straße unterkommt, die meines Intelligenz-Roboters, kurz ChatGPT genannt. Bis vor kurzem habe ich ihn nur als Geißel der Menschheit abgetan, als Vernichter aller Zwischenmenschlichkeit, als – ja, legen wir ruhig noch einen drauf – Untergang des Abendlandes. Aber ich bin ja auch alt und analog sozialisiert, was will man von mir erwarten?
Doch jetzt, da ich mich seit ein paar Wochen rantraue an das Hexenzeug, ist natürlich alles gar nicht so schlimm. Man kann damit recherchieren, Gedächtnislücken füllen, sich sogar die neue Staffel seiner Lieblingsserie spoilern lassen, wenn man drauf steht. Beim Schreiben setze ich zwar noch auf gute, alte Handarbeit, aber wer weiß, der Geist ist willig, und das Fleisch ist schwach. Und sollte sich final nun doch herausstellen, dass wir uns eher abschaffen mit diesen Analyse-Avataren, dann bin ich längst zu Staub zerfallen – und das ist auch gut so.
Hier wurde ich ansatzlos eingelullt
KI also. Noch bevor ich mir die neue Daten-Mentorin misstrauisch tastend zu eigen machte und sie dabei sicher so skeptisch musterte wie die ersten Glühlampen-Bestauner 1840 elektrisches Licht (das Datum habe ich gerade bei ihr abgefragt), fiel mir der unfassbar freundliche Ton auf, in dem sie mit mir kommunizierte. Ich weiß gar nicht, wann das letzte Mal jemand so auserlesen nett zu mir war, ich lebe schließlich in Berlin, da steht so was auf dem Index, und zwar ganz weit oben.
Sie aber lullte mich ansatzlos ein mit Sätzen wie „Das ist eine ganz tolle Frage“ oder „Mit dieser Frage beweist du echte Kennerschaft“. Anfangs schaute ich mir das misstrauisch an, wie die meisten Berliner, wenn sie heutzutage jemand anlächelt: Sie schauen weg oder checken schnell durch, ob der Lächler einen an der Murmel hat.


