Theaterkritik

Schneller altern mit Oscar Wilde: „Das Bildnis des Dorian Gray“ im Berliner Ensemble

Das Berliner Ensemble bietet jetzt zwei Oscar-Wilde-Abende, die einander antworten. Nach „De Profundis“ mit Jens Harzer kommt nun „Dorian Gray“ mit Max Gindorff. Die Kritik

Max Gindorff als Dorian Gray im Berliner Ensemble
Max Gindorff als Dorian Gray im Berliner EnsembleJoerg Brueggemann/Ostkreuz

Dieser Mann kann die Rippen seines stolzen Brustkorbs zu einem Rad aufspreizen wie ein Pfau seine Schwanzfedern. Seine elastischen Gliedmaßen schnippen durch ihre dekorativen Positionen. Hüfte und Hals schwingen, die genoppte Bauchmuskulatur prangt, der Haarschopf leuchtet wie das goldene Vlies. Im Gesicht tanzen die Augenbrauen ihr Pas de deux, der Mund wechselt durch alle Nuancen von ironischem Lächeln und ironischem Schmollen.

Das sind die unverwüstlichen Mittel von Dorian Gray, gespielt von Max Gindorff in der Inszenierung von Heiki Riipinen im Neuen Haus des Berliner Ensembles. Es wird mit dem 1890 erschienenen Roman von Oscar Wilde auf der Bühne das Wunder der Nichtverwandlung vorgeführt. Zweieinhalb Stunden lang diesen blasierten Näselton durchzudeklinieren und bei allen Widrig- und Widerlichkeiten in keiner Sekunde die Pose der Verkünstelung aufzugeben, das muss man erst einmal durchhalten.

Berliner Zeitung

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