Abi, Führerschein und dann nichts wie weg in die Metropolen dieser Welt …? Von wegen. Dieser klassische Jugendtraum, den noch jede Generation auf die nächste weiterreichte, scheint ausgeträumt. Davon zeugt der diesjährige Schinkel-Wettbewerb. Als älteste Ideenkonkurrenz der Welt, die seit jeher dem Planernachwuchs gehört, ist er eine zuverlässige Glaskugel.
Diesmal drehte er sich um ein 20.000-Seelen-Städtchen 55 Kilometer südlich von Berlin. Er verzeichnete eine Rekordbeteiligung, überreichte Studierenden ostdeutscher Hochschulen erstmals alle Hauptpreise und förderte Konzepte zutage, von denen auch größere Gemeinwesen noch etwas lernen können – unter anderem zum Umgang mit DDR-Architektur. Kurzum: Das Ergebnis ist ein Triumph für Deutschlands östlichen Landesteil.
Zwischen Kriegslücken und Treuhandruinen
Doch der Reihe nach. Thema dieses Ideenwettstreits war Luckenwalde. Die Kreisstadt teilt ein Schicksal, das für Ostdeutschland typisch ist. Infolge der Industrialisierung enorm gewachsen, büßte sie durch Epochenbrüche ein Drittel der Bevölkerung ein. Die Einwohnerzahl wächst just wieder, während massig Kriegslücken und Treuhandruinen bleiben. Zwischen Bahnhof und Hauptstraße sieht es aus wie rings um Berlin-Weißensee oder Dresden-Neustadt vor zwanzig Jahren.
Eben dort setzte der Schinkel-Wettbewerb 2026 an. Er erbrachte doppelt so viele Einreichungen wie zuletzt in Berlin: glatt 140. In der Ahnengalerie ähnlich suburbaner Planungsrunden, welche unter anderem in Rathenow sowie Rüdersdorf beackerten, ist das spitze. Am Ende siegten Adrian Krieg, Emily Idelberger und Benjamin Hostermann von der Fachhochschule Potsdam sowie Till Pulst, Emil Kuenzer, Jorik Niclas Flohr und Jesse Puhan-Schulz von der Bauhaus-Uni Weimar.

Beide Teams lobte die 36-köpfige Jury für die beste Durcharbeitung. Ihre Projekte sind von der überlokalen Herleitung bis ins Baudetail mitnichten revolutionär, aber super reell. So entwirft, wer wirklich etwas vorhat. Tatsächlich konnten Schinkel-Preisträger zuletzt im Brandenburgischen mehr realisieren als in der Metropole. Glaubt man Luckenwaldes Verantwortlichen, stehen die Umsetzungschancen auch jetzt nicht schlecht.
Zu schade zum Verschrotten
Im Unterschied dazu sahen die meisten Entwerfenden Ostdeutschland als Spielwiese, insbesondere jene aus dem Westen. Das mündete vielfach in Gerüste, die das Unfertige zementieren, sowie in Verballhornungen à la ‚Lückenwalde – Luckenwandel‘. Derart saloppe Umgangsformen mögen jugendgemäß sein. Ein Gemeinwesen, das sich gerade erst konsolidiert, dürfte sie wenig witzig finden.
Gewinnender gingen Caio Schopp, Sophia Reifenstuhl und Sophie Krieg vor. An der Uni Konstanz bastelten sie ein „Anti-Monopoly“. Ihr Stadtplanspiel traf den Nerv all jener Amtsträger, die mit Bürgerbeteiligung ihre liebe Not haben – Brandenburgs Landesregierung kaufte es prompt.
Einig war sich der Nachwuchs, dass jede Entwicklung fortan sozialer, grüner und mit mehr Wertschätzung für das Existierende erfolgen müsse. Dafür gab es sogar innovative Ansätze, unter anderem von Sophia Athanasia Schwechtheimer. Die Weimarer Studentin übertrug die pflanzenbasierte Schadstoffreinigung, welche in Kläranlagen längst funktioniert, auf belastete Gewerbebrachen. Louis Gagneur, Jonas Genzler und Marco Buchert reaktivierten die sogenannten HP-Schalen, typische Stahlbeton-Tragteile, mit denen Luckenwalde zahllose DDR-Datschen, -Kaufhallen, -Kitas und -Produktionsstätten bedacht hatte. Aus diesen schwungvollen, inzwischen oft ausrangierten Fertigteilen puzzelte das Kaiserslauterner Trio neue Gesellschaftsbauten zusammen. Das darf anderswo gern Nachahmer finden – am besten in Berlin, wo ostdeutsche Vorwende-Architekturen in der Regel verschrottet werden.


