Entsetzt über Berlin

Stromberg-Star Oliver Wnuk: „In Neukölln ist jeden Tag Sperrmüll-Tag“

Oliver Wnuk ist Ulf bei „Stromberg“ und Kommissar Feldmann in „Nord Nord Mord“. Im Gespräch über sein Buch  „Besser wird’s nicht“ erzählt er auch, warum er es in Berlin nicht mehr ausgehalten hat.

Schauspieler Oliver Wnuk hat familiäre Wurzeln am Bodensee.
Schauspieler Oliver Wnuk hat familiäre Wurzeln am Bodensee.Carsten Koall/dpa

„Besser wird’s nicht: Über die Liebe, das Leben und andere Zumutbarkeiten“ heißt das neue Buch des Autors und Schauspielers Oliver Wnuk. Seine autobiografischen Essays mit Illustrationen von @kriegundfreitag erscheinen einen Tag nach Wnuks 50. Geburtstag am 28. Januar. Die 50 bringt bei den meisten Menschen wohl unweigerlich den Gedanken an die eigene Endlichkeit mit sich; man ist im Herbst des Lebens angekommen. Auch Oliver Wnuk macht sich jetzt andere, tiefere Gedanken – und es ist anregend und unterhaltsam, ihm dabei zuzuhören.

Was macht der drohende 50. Geburtstag mit Ihnen?

Also geil find ich’s nicht. „Am Schluss ist es nur eine Zahl“ – ich weiß nicht, ob das so stimmt. Ich habe schon das Gefühl, dass in uns eine Art Ablaufdatum schlummert. Diesen ganzen Longevity-Sachen traue ich nicht so richtig über den Weg, aber vielleicht komme ich jetzt wirklich nicht mehr darum herum, mal Sport zu machen. Ich sehe schon markante Anzeichen des Alters mittlerweile – am Gesicht und auch am restlichen Körper. Die kommen auch immer schneller. Aber es bringt ja nichts, was soll man machen? Besser wird’s nicht.

Schwirren Ihnen gesellschaftliche Normen darüber im Kopf herum, was die 50 mit sich bringen muss?

Die Vergangenheit ist weitestgehend gut abgeschlossen bei mir. Ich habe alles erreicht, was ich erreichen wollte, habe zwei wunderbare Kinder von zwei tollen Frauen bekommen dürfen. Das ist alles fein. Es geht eher um den Blick in die Zukunft: Wie werde ich noch ruhiger? Wie werde ich zufriedener? Wie kann ich mehr genießen, vielleicht aufhören, mich so getrieben zu fühlen? Wie schaffe ich es, noch näher an meinem eigentlichen Potenzial zu leben und zu arbeiten? Welche letzten Glaubenssätze, die in der Kindheit geschürt worden sind, kann man jetzt noch ablegen? Frei nach dem Motto von Kurt Felix, der das leider nicht in Gänze erleben durfte: „25 Jahre lernen, 25 Jahre arbeiten, 25 Jahre genießen.“

Oliver Wnuk
Oliver Wnuk, geboren 1976 in Konstanz am Bodensee, hatte erste Engagements am dortigen Stadttheater, studierte Schauspiel in München und ging unter anderem ans Bayerische Staatsschauspiel. Seit 1997 wirkte er in rund 120 Film- und Fernsehproduktionen mit. Sein Kinodebüt hatte er im Jahr 2000 in dem Thriller „Anatomie“. Seine bekanntesten Rollen sind Ulf in der Serie „Stromberg“ und Kommissar Hinnerk Feldmann in „Nord Nord Mord“. Wnuk schreibt außerdem Essays für Tageszeitungen und tourt mit Solo-Bühnenprogrammen. Am 29. Mai tritt er in der UFA-Fabrik in Berlin auf.

Was wäre so ein Glaubenssatz aus der Kindheit, von dem Sie sich gern verabschieden würden?

Ich glaube, dass meine Generation viel erzogen worden ist durch den Glaubenssatz „Liebe durch Arbeit“. Also dass man erst jemand sein muss in der Gesellschaft – durch ein gutes Abitur oder Studium –, um ein vollwertiges Mitglied zu sein und Liebe und Respekt zu akquirieren. Heute erziehen wir unsere Kinder, glaube ich, eher mit der Prämisse: „Du bist großartig, so wie du bist. Du musst nichts dazu tun, um besonders und toll zu sein.“ Das war bei mir anders. Dieser Glaubenssatz – zum Beispiel, immer zu denken, es sei noch nicht genug, egal was man erreicht hat – dieses „Schaffe, schaffe, Häusle baue“, wie man bei mir in der Gegend sagt … Es geht immer darum, was als Nächstes kommt. Da könnte ich vielleicht so langsam mal den Fuß vom Gas nehmen und mir sagen: Es ist schon alles okay, was ich gemacht habe, und versuchen, nicht immer das Gefühl zu haben, nicht genug zu sein.

In Ihrem Buch „Besser wird’s nicht“ schreiben Sie über diese und andere Erkenntnisse, die das Älterwerden mit sich bringt. Die größte ist vielleicht: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“?

Ich gebe schon auch Antworten, aber die entstammen meiner ganz persönlichen Perspektive. Wichtiger ist es mir, gemeinsam mit den Lesern Fragen durchzuarbeiten und dadurch auch ein wenig eine Identifikationsfläche zu bieten – einen Raum, mit meinen Antworten für sich weiterzudenken. Bei meinen Bühnenshows sehe ich immer viele nickende Köpfe im Halbdunkel, wenn ich zum Beispiel überlege, ob es als Single mit 50 noch Sinn macht, sich eine Liebe zu suchen, oder doch besser schon eine Pflegekraft. Es geht um die Frage, was Freundschaft bedeutet und ab wann man Freundschaften vielleicht ad acta legen sollte, weil die Werte nicht mehr übereinstimmen. Es geht um die Frage nach dem Sinn des Lebens, wonach man streben sollte, worauf man sich noch freuen oder auf was man vielleicht besser verzichten sollte, wenn man weiß, dass es doch eine Art Endlichkeit gibt. Das Ganze ist aber mit viel Leichtigkeit und Humor bestückt. Mein Anspruch an mich selbst – auch als Schauspieler – ist, dass ich immer versuche, gleichermaßen zu unterhalten und zu berühren.

Sie schreiben: Innere Balance ist nicht mein Steckenpferd. – Ist sie denn ein Ziel?

Naja, ich muss immer warten, bis der Leidensdruck hoch genug ist, um etwas zu ändern. Balance, Gleichmut, Ausgeglichenheit – diese Begriffe schreibe ich mir jedes Silvester auf ein Stück Papier. Nur leider verlege ich das dann meist, oder ich schreibe ein Buch darüber (lacht).

Was genau haben Sie dieses Jahr draufgeschrieben?

„Wenn du nicht fragst, wird die Antwort immer Nein lauten.“ Vielmehr Nachfragen nach Dingen! Ob man dies oder das haben kann, ob dies oder das in Ordnung ist. Und dann schauen, was passiert.

Sie sind vor einiger Zeit aus Berlin weggezogen, raus aufs Land. Ist die Hauptstadt kein Ort zum Älterwerden?

Ich bin in erster Linie aus patchwork-familiären Gründen weggezogen, aber es wurde auch Zeit. Ich war jetzt gerade wieder in Berlin und habe gemerkt, es ist nicht mehr mein Rhythmus. Ich war knapp 20 Jahre da und muss jetzt mal ein wenig mehr Freundlichkeit tanken woanders, mir weniger Gedanken um Peer Groups machen, weniger Aggression spüren, ein bisschen mehr Natur und Grün erleben. Es war mir zu viel Sich-Behaupten-Müssen, zu viele Geschichten um mich herum.

Sie haben die Stadt also zuletzt vor allem als voll, anstrengend und aggressiv wahrgenommen?

Da bin ich ehrlich gesagt aber auch nicht der Einzige. Ich habe in so vielen verschiedenen Stadtteilen gelebt, und jeder fühlt sich an, als würde man in eine ganz andere Stadt ziehen – von Stuttgart nach Bochum, von Bochum nach Köln oder so. Ich fand immer, dass Berlin ein spannender Spiegel der gesamten Gesellschaft ist. Vor allem nach der Pandemie merke ich aber schon, dass die Ich-Bezogenheit, der Egoismus, viel größer geworden ist. Wir haben im letzten Jahr „Stromberg“ gedreht; da habe ich mir eine Wohnung in Neukölln genommen und war wirklich entsetzt. Es klingt vielleicht wahnsinnig spießig, aber was man bei uns in Süddeutschland „Sperrmüll-Tag“ nennt, war dort jeden Tag. Was dort alles rausgeschmissen worden ist! Ich habe da so eine Verrohung gespürt, die mir vorher nicht aufgefallen ist, und ich hatte den Eindruck, dass das alles immer mehr scheißegal wird. Von einem großen Wir habe ich nicht viel gespürt – dass da mal jemand groß auf den anderen guckt. Ich merke mit dem Alter aber auch, dass ich sozusagen transparenter werde. Mir gehen plötzlich Gefühle mehr durch den Körper, ich weite den Blick, kann Dinge nicht mehr so wegignorieren.

Sie gestehen in Ihrem Buch offen ein, nicht ins Theater oder Kino zu gehen, keinen Fernseher zu besitzen und keine Romane zu lesen. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Aus dem Leben. Bestimmt nicht von der Bühne. Das war auch einer der Gründe, warum ich nicht Theaterschauspieler wurde. Damals war ich 60, 70 Stunden die Woche im Theater, kriegte nichts vom Leben mit. Dann auf die Bühne zu gehen und zu glauben, man könnte den Leuten was über das Leben erzählen, indem man Texte rezitiert, finde ich schwierig. Um Kreativität zu haben, muss ich rausgucken, nicht in die Glotze. Dafür habe ich auch keine Zeit. Und natürlich lese ich auch, jetzt gerade „Die Wand“. Meistens aber keine Romane, sondern Sachbücher. Ich habe mich letztens mit Juli Zeh unterhalten, die mein Buch rezensiert hat. Sie sagt, sie liest super viel und setzt sich mit anderen Literaten auseinander. Sie kann das auch. Aber wenn ich Juli Zeh lesen würde, während ich selber schreibe, würde ich sofort den Füller in die Ecke schmeißen. Da bin ich dann wieder bei dem Glaubenssatz: „Ich bin nicht genug.“ Ich bin seit 20 Jahren Krimikommissar, aber würde mir selber nicht unbedingt einen Krimi angucken.

Sie kritisieren sogar, dass im Fernsehen zu leichtfertig gemordet wird.

Ich kann es nicht genau sagen, weil ich ja so wenig gucke. (lacht) Aber meine Erfahrung ist doch, dass es so ist. Mein Gefühl ist, dass wir in dieser Hinsicht abstumpfen, dass es immer mehr Dopamin und Situationen von perfiderer oder subtilerer Gewalt braucht, um diese Schraube immer weiterzudrehen. Wir brauchen mehr Reize, damit bei uns irgendwas in Wallung kommt, als vielleicht noch vor 30 Jahren.

Ist das dann nicht ein Problem, Teil der Fernseh-Krimi-Maschinerie zu sein?

Erstens stehen in unserer Reihe das Zwischenmenschliche und der Humor im Vordergrund, und zweitens habe ich in dieser hochtransparenten, medienüberfüllten Zeit, in der wir jetzt leben, auch das Gefühl, dass es toll ist, mit meinen Kollegen Menschen eine Auszeit bieten zu können. Eineinhalb Stunden einen Raum bieten, wo sie sich mal ausruhen und sich unterhalten lassen können. Nach den Einschaltquoten zu urteilen, konsumiert der Deutsche seine Entspannung gern in Form eines Sylt-Krimis. Nicht, dass ich hier Verharmlosung propagieren möchte, aber Unterhaltungsmedien scheinen eine Daseinsberechtigung zu haben, um sich von den Geschehnissen um einen herum kurz abzulenken.

Ein Kapitel Ihres Buches fängt mit dem Satz an: „Als alter, weißer Cis-Mann fühle ich mich ausgegrenzt“. Eine Provokation?

Einige Kapitel sind kabarettistischer als andere. In diesem geht es um die 74 Geschlechtsidentitäten, die man heute finden kann. Ich denke, dass es junge Menschen auch sehr überfordern kann, sich ein Label geben zu müssen, weil die Außenwelt sie vielleicht dazu drängt, sich zu benennen. In meiner Jugend in Konstanz hatte man viel weniger Auswahl: Man war entweder schwul oder heterosexuell. Man war Popper oder Rocker, Antifa oder Nazi. Oder man war in Anführungszeichen normal, was auch immer das bedeutete. Vielmehr dazwischen gab es nicht. Ich habe das Gefühl, junge Menschen müssen ihre Persönlichkeit heute viel schneller definieren, mit Haltungen, die sie vielleicht noch gar nicht mit Erfahrung füllen können. Das finde ich bedenklich. Die haben genug Druck, und dadurch entstehen auch diese abgeschlossenen Gruppen, dieses „Wehe, du sagst was gegen mich“. Diese sehr humorlose Haltung, die ich in Berlin gesehen habe und die wir auch im neuen „Stromberg“-Film thematisieren. Da geht es mehr um Abgrenzung als um ein Miteinander, mehr um die erhobenen Zeigefinger als um die akzeptierende Umarmung. Mich interessiert nicht, wer wie oder mit wem schläft, sondern das, was darunter liegt. Und es wird immer schwerer, das hervorzubuddeln.