Rammstein

Till Lindemann beendet Tour in Ozeanien: Was finden die Aussies an dem Ossi?

Till Lindemann von Rammstein ist derzeit in Australien unterwegs. Es ist das Ende seiner „Meine Welt“-Tournee. „Tillyyy ist pures Feuer“, wenn man den Fans glaubt.

Till Lindemann auf seiner Tour, hier im Dezember in Zagreb
Till Lindemann auf seiner Tour, hier im Dezember in ZagrebIMAGO/Matija Habljak/PIXSELL

Für viele Australier ist Deutschland ein Land der Kompetenz, von Ordnung und Struktur. Autos, Maschinen, Technik überhaupt. „German-made“ klingt zuverlässig, langlebig, präzise. Dass bei uns kaum ein DB-Zug wirklich pünktlich anrollt - das hat sich bis down under bislang nur bedingt herumgesprochen. Im Vergleich zu Australien, das sich gern als locker, sonnig, ironisch versteht, wirkt Deutschland für viele wie der schwere Gegenpol. Gut organisiert und auch ein bisschen langweilig.

Doch zurzeit tourt ein Deutscher durch down under, dem ein anderer Leumund anhaftet: Till Lindemann, seines Zeichens Schockrock-Sänger der Ost-Berliner Neue-Deutsche-Härte-Band Rammstein. Das Finale seiner „Meine Welt“-Tournee (39 Shows in 24 Ländern) zelebriert Lindemann solo (also ohne Ramstein) nun auch ausgerechnet in Australien - nachdem er schon in Kasachstan, Thailand und Dubai war. Unter anderem.

Schon bevor Lindemann seine finale Show der Tour in Perth spielt, hagelt es im Netz Kommentare bezüglich seiner Australien-Auftritte. Zwischen den üblichen Herzchen- und Flammen-Emojis der Fans ist etwa zu lesen, wie „wundervoll“ Lindemann und wie „unglaublich“ die Konzerte bei dieser „epischen Tournee“ seien. „Tillyyy ist pures Feuer“, attestiert ihm eine Userin auf Instagram. Er sei „wahre Kunst“, schreibe eine andere.

„Wir lieben dich, Vater Till“, bedankt sich denn brav auch Billy Morris, Gitarrist der australischen Deathcore-Band Mélancolia, die Lindemann als Support-Band begleitet hat, quer durch Australien: „Danke, dass wir bei dieser Tour dabei sein dürfen.“ Andere loben, dass Lindemann Rollstuhlfahrer mit auf die Bühne genommen habe, um ihnen eine besonders gute Sicht aufs Show-Geschehen zu ermöglichen.

Lindemanns Show: „Stripperstange für die Keyboarderin“

Von dessen Durchgeknalltheit weiß auch der australische Ableger des Musikmagazins Rolling Stone zu berichten: Die jüngsten Soloauftritte von Lindemann hätten durch unkonventionelle Bühnenelemente ihren provokativen Charakter beibehalten. Man verweist auf „eine Stripperstange für die Keyboarderin, herumfliegende Kuchen und eine Handkanone, die Fische in die Menge schoss“. Australier mögen Ironie – auch wenn sie aus Flammenwerfern kommt. Es ist nie ganz klar, wie ernst das alles ist. Provokation, Überzeichnung, schwarzer Humor?

Till Lindemann fasziniert nicht wenige Australier, die ohnehin auf Hardrock (siehe AC/DC) stehen: „Zeit“, das bislang jüngste Rammstein-Album von 2022 gelangte in den australischen Album-Charts auf einen respektablen dritten Platz. Bronze. Für eine Band aus Deutschland eine reife Leistung down under. Doch woran liegt der Reiz? Was finden die Aussies an dem Ossi? Lindemann schreibt (und grummelt!) Texte, die roh, brutal, mitunter düsterromantisch sind. Bei aller Dominanz wirkt das lyrische Ich seiner Lieder oft verletzlich, obsessiv und selbstzerstörerisch. Das macht Rammstein und Lindemann für viele aber umso rätselhafter. Und damit zum Faszinosum.

Lindemann wirkt kaum „relatable“. Er ist kein Kumpeltyp, kein Rockstar zum Biertrinken. Mehr wie eine gruselige Statue, die plötzlich lospoltert. Und dabei das R dann auch noch so seltsam altertümelnd-martialisch rollt! „Wie ein Opernsänger aus der Klapsmühle“, befand einst der Rolling Stone über Lindemanns Image in den USA. Und in Australien, wo Nähe und Lockerheit nicht minder hoch geschätzt werden, entwickelt genau diese überkandidelte Stilisiertheit ganz offensichtlich einen besonders exotischen Reiz.

Bis Juli muss Lindemann zurück nach Deutschland fliegen. Genauer gesagt: in den Osten, in seine Geburtsstadt. Am 3. und 4. Juli steigt dort dann sein „Till Fest“-Festival am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Ob Lindemann Ozeanien bis dahin noch etwas auskostet, um den Berliner Winter für sich zu verkürzen? Bei bis zu 36 Grad Celsius brutzelt dieser Tage die australische Sonne. Wie ein Rammstein-Flammenwerfer im Energiespar-Modus.