Philharmonie

Tempelhof oder ICC? Berliner Philharmoniker suchen Ausweichspielstätte

Trotz Rekordauslastung kämpft die Philharmonie mit Finanzlücken, politischen Unsicherheiten und der Frage: Wohin während der Sanierung?

Dämmerung über der Berliner Philharmonie
Dämmerung über der Berliner PhilharmonieImago

Die vom ehemaligen Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene „Zeitenwende“ ist bei der Berliner Kultur und ihren Institutionen angekommen: Es ist weniger Geld in den öffentlichen Haushalten. Die Kosten steigen, auch wegen der geopolitischen Verwerfungen. Der „Spardruck“ ist hoch – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der viele Kulturtempel renoviert werden müssen. Die Komische Oper, die Staatsbibliothek oder das Pergamonmuseum werden viele Jahre lang nicht mehr für das Publikum geöffnet. Frühere Ikonen verschwinden langsam aus dem kollektiven Bewusstsein.

Nun steht auch für die Philharmonie eine Sanierung an. Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Berliner Philharmoniker, steht vor komplizierten Debatten, wie sie der Berliner Zeitung sagt: „Wir haben als Stiftung Berliner Philharmoniker 2026/2027 sehr defizitäre Jahre. Wir sind dabei, den Hauptstadtfinanzierungsvertrag neu zu verhandeln, der ab 2028 für weitere zehn Jahre gilt. Wir wollen für das Orchester eine gute Perspektive bauen.“ Die Situation sei sehr schwierig: „Für die Verhandlungen über den Hauptstadtfinanzierungsvertrag sollten wir bis Sommer 2027 durch sein, damit wir überhaupt planen können. Noch besser wäre Herbst 2026, aber das scheint kaum noch realistisch zu sein.“

Andrea Zietzschmann verweist darauf, dass die Berliner Philharmoniker sehr verantwortungsbewusst arbeiten und großen Erfolg beim Publikum vorweisen können: „Wir sind jetzt bei 55 Prozent Eigenwirtschaftlichkeit. In der laufenden Saison haben wir 97 Prozent Auslastung im Großen Saal und 85 Prozent im Kammermusiksaal.“ Insgesamt werden in dieser Spielzeit 900.000 Menschen die Philharmonie besucht haben. Die Drittmittel sind solide, mit der Deutschen Bank läuft bis 2030 eine „super Partnerschaft über 36 Jahre“.

Andrea Zietzschmann,  Intendantin der Stiftung Berliner Philharmoniker
Andrea Zietzschmann, Intendantin der Stiftung Berliner PhilharmonikerStefan Hoederath

Doch es ziehen dunkle Wolken auf: „Wenn die Wirtschaftsprognose halbiert wird, bedeutet das nichts Gutes“, sagt Zietzschmann. „Es wird auch schwieriger, Drittmittel einzuwerben. Wir haben sehr große Unsicherheiten an vielen Positionen. Umso wichtiger ist es, dass das Thema der Subventionen bald verlässlich geregelt wird.“

Gegenwärtig bekommen die Philharmoniker von Bund und Land insgesamt etwa 30 Millionen Euro und liegen damit in etwa auf einer Linie mit anderen, weniger bedeutenden Institutionen aus der Kulturwelt, und weit entfernt von den gut 161 Millionen, die die Berliner Opernstiftung allein vom Land jährlich erhält. Andrea Zietzschmann: „Wir sind für das Land Berlin eine sehr günstige Institution mit maximaler internationaler Ausstrahlung und Wirkung.“

Traurig über den Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson

Neben dem Kampf um die normale jährliche Finanzierung kommt nun also auch das Riesenthema Sanierung der Philharmonie ab 2032 auf die Intendanz zu: Dieses müsse in den Verhandlungen vorbereitet werden, „damit das Projekt auch fliegen kann“. Die Debatten dürften schwierig werden. Zum einen hat die Berliner Kulturszene gerade ihre wichtigste Anwältin verloren: Sarah Wedl-Wilson habe als Kultursenatorin „wirklich Ruhe reingebracht nach dieser schwierigen Zeit“, sagt Zietzschmann. „Ein Großteil der Kulturszene ist sehr traurig, dass sie zurückgetreten ist. Sie war kompetent – und alle haben an einem Strang gezogen.“ Nun müssen neue Entscheider überzeugt werden, und zwar mit Basiswissen: „Viele Politiker scheinen nicht zu verstehen, was für eine Ikone wir mit der Philharmonie in Berlin haben.“

Doch es geht nicht nur um den legendären Scharoun-Bau, der spätestens seit dem Mauerfall-Konzert für die DDR-Bürger vom 12. November 1989 ein Mythos ist. Für die Philharmoniker und den Kammermusiksaal müssen Ausweichquartiere gefunden werden. Dazu läuft eine Machbarkeitsstudie.

In der Diskussion wird unter anderem der Hangar 1 des Flughafens Tempelhof genannt, wo sich ein modernes Konzept realisieren ließe. Die Berliner Politik will die Philharmoniker dagegen lieber ins ICC verfrachten – keine besonders inspirierende Vorstellung. Andrea Zietzschmann hält sich diplomatisch bedeckt, formuliert jedoch allgemeine Kriterien: Bei der Ausweichspielstätte dürfe „es keine Kompromisse geben, weil die Philharmoniker als eines der internationalen Toporchester auch in der Zeit, wo die Philharmonie saniert wird, eine Spielstätte brauchen, die höchsten künstlerischen Ansprüchen genügt“.

Weil die Sanierung voraussichtlich mehrere Jahre dauern wird, „müssen wir sicherstellen, dass die Marke Berliner Philharmoniker nichts von ihrem Glanz verliert“. Zietzschmann: „Die Philharmonie ist das Instrument des Orchesters, wir dürfen da keine Abstriche bei der Qualität machen.“ Auch für den Kammermusiksaal muss eine Lösung gefunden werden. Berlin braucht demnach eine Ausweichspielstätte für die 300 Veranstaltungen der Laienorchester, der freien Ensembles, „von Schöneberger Symphonieorchester über Carl-Philipp-Emmanuel-Bach-Gymnasium bis zu den Laienchören“, wie Andrea Zietzschmann sagt.

Ein Orchester aus 36 Nationen

Die Grundausrichtung der Intendantin im Hinblick auf das Ausweichquartier: „Wenn wir für diesen Ort eine wirklich visionäre Lösung denken, dann könnte daraus auch für die Nachnutzung ein Zukunftsentwurf entstehen, der der ganzen Musikstadt Berlin zugutekommt.“

Solche Visionen können als Stimmungsaufheller für den Alltag im Musikgeschäft dienen. Auch die Berliner Philharmoniker spüren die unruhigen Zeiten, wie die Intendantin erzählt: „Bei den Gastspielreisen ist alles viel volatiler geworden. Die Veranstalter haben alle finanziell zu kämpfen. Hinzu kommt die gesamte instabile geopolitische Lage. Da wird der Verwaltungsaufwand wie etwa bei der Visaerteilung höher. Wir haben 36 verschiedene Nationen im Orchester. Man würde sich natürlich wünschen, es würde wie im europäischen Raum laufen, und man könnte einfach unbürokratisch reisen.“ Das alles sei „zusätzliche Arbeit, lenkt die Musiker ab und schafft auch Unsicherheiten“.

Bestimmte Projekte sind gar nicht zu machen: „Wir hatten über Tourneen in die Vereinigten Arabischen Emirate nachgedacht, das müssen wir wegen der aktuellen Lage auf Eis legen.“ Es sei „so viel in Bewegung, dass man sich auf die Tourneeabläufe nicht immer verlassen kann, so wie man es geplant hat“.

Dennoch wollen sich die Berliner Philharmoniker nicht unterkriegen lassen. So ist eine Südamerika-Reise geplant, zuletzt war das Orchester vor 26 Jahren da. Erstmals geht es nach Bogotá. Kolumbien scheint eine besondere Beziehung zum Orchester zu haben. Als die Digital Concert Hall eröffnet wurde, waren die USA, Japan und Deutschland die größten Länder auf der virtuellen Landkarte der Zugriffe – und eine erstaunlich große Community befand sich in Kolumbien. „Es gibt eine riesige Fangemeinde in Kolumbien, die Konzerte waren im Nu ausverkauft. Wir werden dort auch einiges im Education-Bereich machen, wo wir mit verschiedenen Musikorganisationen vor Ort zusammenarbeiten wollen. Wir möchten so viele Menschen wie möglich zu unseren Proben einladen und dadurch Begegnungen ermöglichen“, sagt Zietzschmann.

Emotionale Begrüßung durch Karajans Töchter

Neben Südamerika stehen die Eröffnung der New Yorker Carnegie Hall, Japan und Skandinavien auf dem Programm. Auch nach Salzburg geht es wieder, zu den Festspielen sowie zu den Osterfestspielen, wo die Philharmoniker weiter Wagner-Geschichte schreiben wollen. Andrea Zietzschmann: „Ich habe schon einige Ringe gehört, aber das war eine ganz neue Erfahrung, wie Kirill Petrenko mit dem Orchester und den Sängern, von denen einige Rollendebüts hatten, gearbeitet hat.“ Die Rückkehr nach Salzburg sei „ein reines Vergnügen“ gewesen: „Wir wurden mit offenen Armen empfangen. Die beiden Töchter von Karajan, Isabel und Arabel, waren da und haben das Orchester begrüßt. Es war sehr emotional und herzlich.“

In Berlin wird es trotz aller Unbill eine Spielzeit der gewohnten Weltklasse geben (wir berichteten). Als Kontrast zur grassierenden Kulturlosigkeit überlegen die Philharmoniker, ihre in Österreich und Japan mit großem Erfolg ins Leben gerufenen Mitmach-Orchester für hoch qualifizierte Laien („Be Phil Orchestra“) auch in der Hauptstadt anzubieten. Andrea Zietzschmann: „Wir haben es einmal mit Simon Rattle in Berlin gemacht, und sollten das wirklich wieder in Berlin machen.“