Tame-Impala-Fans haben ganz offensichtlich viel Humor. Das ist nicht wenig wert in diesen turbulenten Zeiten. Wer sonst würde sich für 45 Euro das Stück weiße Fan-T-Shirts kaufen, die in der Berliner Uber-Arena am Tame-Impala-Merch-Table feilgeboten werden – und auf denen in weißen Lettern „Loser“ (zu Deutsch: Verlierer) prangt? Donald Trump ganz sicher nicht.
Die Dame neben mir (geschätzt Mitte 20 Jahre alt) an diesem Mittwochabend, dem 29. April, auf dem Arena-Oberrang wiederum filmt, vergnügt tanzend, gefühlt den ganzen Friedrichshainer Tame-Impala-Konzertabend mit. Allerdings nicht per Smartphone, sondern mit einer (sehr retro!) Digitalkamera wie aus den Nullerjahren.
Währenddessen trägt sie eine Sonnenbrille. Fast so als wäre es nicht ohnehin ziemlich düster in der Halle. Die „Panik“ vor dem Licht allerdings hat sie gemeinsam dem lyrischen Ich in Tame Impalas „Dracula“-Song (von der stärker Dance-orientierten aktuellen Grammy-dekorierten „Deadbeat“-Platte), der heute Abend freilich auch erklingen wird.
Aber der Reihe nach: Tame Impala, das ist die 2007 von Kevin Parker im australischen Perth gegründete Psych-Rock-Band, die im Lauf der Jahre zunehmend discoider, elektronischer und poppiger wurde. So sehr, dass sogar Lady Gaga auf Parkers Kompositionskünste setzte („Perfect Illusion“) und Rihanna gleich einen ganzen Tame-Impala-Song gecovert hat, mit nahezu identischer Instrumentierung („Same Ol’ Mistakes“).
Tame Impala sind die Meister der euphorischen Melancholie. Irgendwie sind selbst die Downs in Down Under eher dezente Highs. Und Parkers Kopfstimme? Die geht direkt ins Herz. Das wird auch an diesem Berliner Mittwochabend klar. Die Setlist unterscheidet sich gar nicht so extrem von der, die sie vor zehn Jahren in der Columbiahalle gespielt haben. Auch damals schon hatten sie ihre live besonders kickenden Titel von der „Currents“-Platte schon dabei. Aber alles ist inzwischen viel gigantischer.
17.000 Fans feiern Tame Impala in der ausverkauften Uber-Arena. Geheimtipp-Indie ist das längst nicht mehr. Sondern Stadion-Discorock für Menschen mit Geschmack. Synthetische Arpeggien lassen Parker und seine Live-Band (Schlagzeug, Keyboards, Bass, Gitarren) von der runden Front-Bühne aus glitzern, während purpurne und violette Laserstrahlen die Gesichter (und vielleicht auch die Gedanken?) all dieser Menschen in der Arena abtasten.
Und während Parker (8-Tage-Bart, gestreiftes Hemd, mittellanges Surfer-Haar, das lässig über die Stirn fällt) so von seinen Sorgen singt, kreischen und schwofen die Fans zu den luxuriösen Hypnose-Pop-Schlieren und -Schleifen. Tame Impala, das ist Psych-Rave für Menschen, die ein bisschen neben sich stehen – und damit einen coolen Umgang gefunden haben. Zumindest scheint das die Essenz nicht weniger von Parkers Texten zu sein. Nicht umsonst heißt die Tour, die Tame Impala um die Welt und nun auch nach Berlin führt, „Deadbeat“, also in etwa: Vollpfosten.


