Die Opern von Leoš Janáček wurden an der Staatsoper Unter den Linden zuletzt erstaunlich fantasievoll eingerichtet: Ob „Die Sache Makropoulos“ von Claus Guth oder „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ von Robert Carsen – der ins Fantastische reichende Realismus der Opern wurde mit Charme und Witz auf die Bühne gebracht und die Regisseure befanden sich auf einer Ebene mit der musikalischen Leitung Simon Rattles. Das ist nun beim letzten Teil von Rattles Janáček-Zyklus leider ganz anders: Ted Huffmans am Sonnabend vorgestellte Inszenierung des „Schlauen Füchsleins“ ist von vorn bis hinten eine Verlegenheitslösung.
Gewiss, das Nebeneinander von Tierwelt und Menschenwelt ist szenisch eine Herausforderung; die Oper ist zudem eher als Szenenreigen denn als dramatisch gesteigerte Geschichte angelegt – und doch zeigen frühere Arbeiten, wie die berühmte, vor 70 Jahren verfilmte von Walter Felsenstein, dass es durchaus einen Verlauf gibt, der sich an den eher flüchtigen Begegnungen von Mensch und Tier entlang entwickelt: Auf diese Weise wird das Stück geheimnisvoll.
Huffman scheint davon gar nichts zu bemerken. Er setzt das Geschehen in einen weißen Raum, in dem mal ein Erdhaufen aufragt, mal bürgerliches Mobiliar herumsteht oder Wirtshaustische oder das Herbstlaub wirbelt. Die Bühne von Nadja Sofie Eller sieht also schon mal nicht sonderlich interessant aus. Sie lässt sich als Turnhalle nutzen, aber kaum als Spielfläche, weil ihr Topografie fehlt.
Schlimm wird es zum Beispiel, wenn das Füchslein sich im Hühnerstall an Hahn und Hühnern vergreift: Wie die wunderbare Vera-Lotte Boecker hier herumrennt und mit unverständlichen Bewegungen das Federvieh tötet, sieht bestenfalls improvisiert aus, vor allem aber unkoordiniert und nicht auf den szenischen Effekt hin geprüft. Dieses planlose, nach nichts aussehende Hin und Her wiederholt sich, wenn der Wilderer Harašta das Füchslein im dritten Akt erschießt.
Kindertheater im schlechten Sinn
Die Beziehung der drei Menschen – Förster, Schulmeister und Pfarrer – wird nicht inszeniert, stattdessen entstehen organisatorische Schwierigkeiten durch den bemerkenswerten Sachverhalt, dass alle drei in Terynka verliebt sind (heiraten wird sie am Ende der Wilderer). Bei Janáček tritt sie nicht auf, weil sie sich in der Fantasie der Herren als Füchslein oder Sonnenblume realisiert. Huffman lässt sie dagegen als Statistin auftreten und teilweise auch vom Füchslein selbst verkörpern, das sein von Astrid Klein in geschmackvoller Andeutungen entworfenes Tierkostüm dafür durch Schuhe und Rock bereichert. Weil das auf diese eine Frau konzentrierte Begehren durch die Regie nicht deutlich wird, müssen die Herren einzeln bei den Zwischenmusiken vor den Vorhang treten und auf einer Schreibmaschine einen Liebesbrief an Terynka schreiben, dessen Text auf den Vorhang projiziert wird.
Dass sich das Bühnenbild als Turnhalle eignet, beweisen die Kinder und Jugendlichen der Staatlichen Ballett- und Artistikschule, indem sie auf den Händen laufen, Salti springen und Räder schlagen. Das sieht natürlich toll aus, aber es macht aus dem „Schlauen Füchslein“ ein Kinderstück im schlechten Sinn: Eines, in dem es nicht so darauf ankommt, was passiert – Hauptsache, es passiert möglichst viel.
Und dabei hatte Rattle doch im Programmheft mitgeteilt, dass es sich keineswegs um ein Kinderstück handelt. Seine Interpretation der Partitur ist fließend und klanglich rund. Die Grellheiten Janáčeks, seine gezackten Rhythmen, bizarren Instrumentationsideen und sperrigen Intervalle, sind so in den Fluss integriert, dass sie zwar nicht verschwinden, aber doch innerhalb einer klanglichen Totalen viel von ihrer aufregenden Wirkung verlieren. Damit trägt Rattle allerdings den Abend auf souveräne Weise: Janáčeks Musik setzt kaum je aus, sie wirkt fast minimalistisch, auch in der Weigerung, die Textdetails besonders auszumalen.
Das Liebesduett ist der Höhepunkt
Vera-Lotte Boeker ist ein zauberhaft jugendliches Füchslein, klar und warm, eine in jeder Lage sicher und klangvoll ansprechende Stimme mit Hintergrund. Mit Magdalena Kozena ist ihr Fuchsbräutigam in kleiner Rolle luxuriös besetzt; ihr Liebesduett samt Hochzeit im zweiten Akt wird zum Höhepunkt des Abends samt vokalisierendem Staatsopernchor in Bestform, einstudiert von Dani Juris.
Svatopluk Sem ist ein noch ziemlich junger Förster – eigentlich ist dessen Leben ja schon ein wenig erkaltet in einer in lieblosen Gewohnheiten und Zänkereien festgefahrenen Ehe. Dass weder Florian Hoffmann als Schulmeister noch David Oštrek als Pfarrer bei guter Leistung Kontur gewinnen, geht zulasten der Inszenierung. Das lebhafte Treiben der bereits erwähnten Kinder der Akrobatikschule wie des von Vinzenz Weissenburger einstudierten Staatsopern-Kinderchores lässt man sich gern gefallen – aber die Choreografie von Pim Veulings vermag nicht mehr als einen Hintergrund zu schaffen.


