LGBT

Queere DDR: Eine Bilderzählung vom Anderssein und „anders Lieben“

Im Zeitstrahl: Queere Kunst in der DDR. An vier Berliner Orten gibt es eine einzigartige, so emotionale wie nicht aktivistische Ausstellung zu sehen. Warum sie sich so sehr lohnt.

Jürgen Wittdorf: „Freundschaftsbild“, Linolschnitt aus der Serie „Jugend und Sport“, 1964
Jürgen Wittdorf: „Freundschaftsbild“, Linolschnitt aus der Serie „Jugend und Sport“, 1964Sammlung Schwules Museum und KVOST, Berlin

Als diese „Queeren“ ihre nun versammelten Bildwelten schufen, gab es in der DDR den Begriff „queer“ noch gar nicht. Da hieß es schwul, lesbisch oder eben bi. Und das auch eher hinter vorgehaltener Hand.

Homosexualität blieb weitgehend tabu und ambivalent, obwohl der Paragraf 175 bereits 1968 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde. Früher als in der BRD. Gesellschaftlich und politisch blieb aber noch lange ein Stigma, etliche dieser Ost-Künstler wurden nach 1990 vergessen. Gerade ändert sich das. Kunst aus DDR-Zeit wird interessant – auch die der „Subkultur“, die „anders“ waren und „anders“ liebten.

Harry Hachmeister: „Family Portrait “, 2024,  Acryl hinter Glas
Harry Hachmeister: „Family Portrait “, 2024, Acryl hinter GlasHarry Hachmeister/Galerie Ebensperger und KVOST, Berlin/VG Bildkunst 2026

Soeben starteten Kurator Stephan Koal, Leiter des Berliner Kunstvereins Ost (KVOST), und sein Team eine Ausstellung an vier Orten der Stadt. Ein Füllhorn, das Zeit und auch Vertiefung verlangt. Und Erkenntnis bringt. Denn es ist ein Ereignis, das es so noch nie gab und dessen Echo gerade durch die internationale Kunstszene hallt. Queere Kunst, Made in East, verzichtete auf Aktivismus, nicht aber auf künstlerische Qualität und umwerfend anspielungsreichen Humor bei dieser Bilderzählung vom zwiespältigen Spiel zwischen Verstecken vor den Argusaugen der Kunstwächter und Anpassung.

Und so ergibt sich der Blick auf ein wenig beleuchtetes Kapitel, das genau gelesen werden muss. Diese Kunst erfüllte nicht die sozialistisch-realistischen Vorgaben. In ihr spiegeln sich individuelle Schicksale, Lebensarten, Brüche. Sie zeigt, wie eng Fragen von Identität, Macht, Anpassung und Kunstfreiheit verwoben sind – und was das bis heute bedeutet. Wir erfahren von widersprüchlichen, oft filmreifen Lebenswegen, geprägt von Selbstbehauptung und Verletzlichkeit.

Erika Stürmer-Alex: Skulptur „Abschied (Blaue Frau)“, 1989
Erika Stürmer-Alex: Skulptur „Abschied (Blaue Frau)“, 1989Valentin Wedde

Da hält man Zwiesprache mit den Selbstporträts und Landschaften von Toni Ebel (1881–1961), eine der ersten bekannten Transfrauen der Welt, operiert noch 1930 am Berliner Magnus-Hirschfeld-Institut für Sexualwissenschaft. Sie überstand die NS-Zeit im Exil und fand sogar künstlerische Anerkennung in der frühen DDR. Ruhiger war es bei Dorothea von Philipsborn (1894–1971). Sie lebte in Weißwasser in der Oberlausitz; ihre figürlich-realistischen Kleinplastiken vornehmlich von weiblichen Akten, die an Kolbe oder Maillol denken lassen, waren erhaben über jeden Verdacht der Verderbtheit.

Sie trug Männerkleidung, fuhr Motorrad

Jochen Hass (1917–2000) überstand den Krieg als Sanitäter, studierte ab 1946 an der Baukunst-Hochschule Weimar Wandmalerei. In den Figuren des Harlekins und Seiltänzers versteckte er seine Homosexualität. Das „Porträt des Berliner Freundes Walter“ von 1952 ist gleichsam eine Liebeserklärung, gehört zu den schönsten Bildern der Schau.

Rita „Tommy“ Thomas: „Selbstporträt, Oberbaumbrücke, Berlin“, um 1960
Rita „Tommy“ Thomas: „Selbstporträt, Oberbaumbrücke, Berlin“, um 1960FFBIZ-Archiv und KVOST, Berlin

Die 1931 geborene, 2018 verstorbene Ost-Berliner Fotografin Rita „Tommy“ Thomas wiederum trug Männerkleidung, fuhr Motorrad, liebte Frauen. Sie saß 1949/50 zehn Monate in Haft. Später wurde ihre Weißenseer Wohnung Treffpunkt der Szene. Sie engagierte sich in der ersten Homosexuellen-Interessengemeinschaft des Ostblocks. Und hinterließ unersetzliche Fotos ihres Gefährtinnen-Kreises.

Die nach 1990 mit Kunstpreisen geehrte Bildhauerin und Malerin Erika Stürmer-Alex aus dem Oderbruch, Jahrgang 1938, eine Neo-Expressionistin, wie sie im Buche steht, wurde in der frühen DDR als „nicht systemkonform“ mit Ost-Berlin-Verbot bestraft und in der späten DDR von der Stasi bedroht für ihre Aktivität bei „Frieden schaffen ohne Waffen“. Sie nennt sich „Feministin“, nicht „lesbisch“. Ihre farbleuchtenden, heiteren Bilder voller erotischer Zeichen, aber auch eine weibliche Skulptur, der Körper von Bändern eingepresst, bekennen ein mutiges „Trotz Alledem“.

Jochen Hass: „Portrait des Berliner Freundes Walter“, Juli 1952, Öl auf Karton
Jochen Hass: „Portrait des Berliner Freundes Walter“, Juli 1952, Öl auf KartonPrivatsammlung und KVOST, Berlin

Egon Wrobel, Formgestalter und Keramiker organischer, muschelgleicher Gefäße, erlebte als „Schwuler“ an der Burg Giebichenstein Halle, später auch in Potsdam Diskriminierung, wurde von der Stasi observiert. Als sein Freund verhaftet wurde, floh er in den Westen, hielt es da aber nicht aus. Zurückgekehrt kam er in Haft, die künstlerische Existenz war futsch. Erst 1983 wurde er rehabilitiert und in den letzten 40 Jahren bekam er mit seinen homoerotischen Ethno-Öko-Gebilden die verdiente Anerkennung.

Meisterliche Zeichnungen wie Ramsch beim Trödler

Der Berühmteste der Schau ist zweifellos Jürgen Wittdorf (1932–2018), Meisterschüler von Lea Grundig an der Ost-Berliner AdK, meisterlicher Zeichner der DDR-weit gesammelten Auftrag-Zyklen wie „Jugend und Sport“. Er war ein geschätzter Kunstlehrer, doch 1990 verlor er diese Arbeit. Das Schwule Museum Berlin ehrte ihn 2012 mit einer Ausstellung, dann wurde er schwer krank, starb einsam und verarmt.

Andreas Fux: „New Wave mit Soldaten“, Berlin (Alexanderplatz), 1986
Andreas Fux: „New Wave mit Soldaten“, Berlin (Alexanderplatz), 1986Andreas Fux/KVOST

Als Wittdorfs Nachlass (die Bilder und die frei geformten Keramik-Objekte) wie Ramsch gelagert beim Trödler landete, erkannte zum Glück der Galerist Jan Linkersdorff den Wert. Er rettete alles, machte den Künstler in Ausstellungen unvergessen. In der New York Times wurde Wittdorf gar zum „Tom of Finland der DDR“, obwohl er seine Homosexualität nie öffentlich machte.

Umso unverblümter, obsessiver gehen die beiden Jüngeren zur Sache: Andreas Fux, Berliner, Jahrgang 1964, Fotograf der DDR-Punk-Szene um 1988, gehörte zur Prenzlauer-Berg-Gruppe, die den Übergang in die Bundesrepublik dokumentierte. Er ist, neben Berghain-Legende Sven Marquardt, einer der Promis der Szene, fotografiert „echte Berlin Bad Boys, die mit den glattgebügelten und kommerzialisierten Standards der schwulen Fotografie nichts zu tun haben“.

Dorothea von Philipsborn: „Zwei sitzende Mädchen“, 1922–1940er-Jahre, Bronze
Dorothea von Philipsborn: „Zwei sitzende Mädchen“, 1922–1940er-Jahre, BronzeKunstgewebemuseum Staatliche Kunstsammlungen Dresden/KVOST, Berlin

Und der Leipziger Wahlberliner Harry Hachmeister, allerdings geboren 1979 als Mädchen namens Grit, wurde 2019 zu Harry. Seit diesem Befreiungsschritt strotzen seine „Heilige Familie“-Bilder, Selbstporträts und erotischen Hanteln als Anspielungen fürs nun nötige Mucki-Training nur so vor Witz und fröhlicher Ironie. Die Krönung ist in der Schau sein zärtlich-witziges „Eichelbäumchen“.

Queere Kunst in der DDR. Kooperation von KVOST, Leipziger Str. 47, nGbK, Karl-Liebknecht-Str. 11/13, Mitte-Museum, Pankstr. 47, und Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Leipziger Str. 54. Katalog, Distanz-Verlag, 136 Seiten, 38 Euro. Bis 28. Juni. www.kvost.de