Plötzlich steht Neil Tennant auf der Matte. Friedrichshain, Frankfurter Allee 36a. Studio Galerie Berlin. Jan Linkersdorff, der Chef der Galerie, ist erst mal baff. Was will sein Idol Tennant, Sänger der Pet Shop Boys, wohl hier? Der erklärt es ihm: Er, Tennant, habe eben rasch die U5 von Schloss Biesdorf aus zur Samariterstraße genommen.
Im Schloss hat der Pet-Shop-Boys-Sänger 2023 die Ausstellung des DDR-Malers und -Zeichners Jürgen Wittdorf (1932–2018) gesehen. Den Tipp bekam er vom Fotografen Wolfgang Tillmans. „Wittdorf malte und zeichnete junge Suchende in Lederjacken und Jeans“, schrieb die Kollegin Ingeborg Ruthe damals über die Schau, „mit ihren Träumen und Sehnsüchten, in Gruppen, mit Mopeds und Motorrädern, beim Rock ’n’ Roll, am Ostseestrand.“
Tennant ist begeistert von Wittdorf, will nun also auch das Wittdorf-Archiv in der Studio Galerie besuchen – und sich mit Jan Linkersdorff austauschen, der einst Zeichenschüler bei Wittdorf war und nun dessen engagiertester privater Sammler ist. Besonders interessiert sei Tennant am Holzschnitt-Zyklus „Jugend und Sport“ von 1964, den Wittdorf in der DDR in offiziellem Auftrag fertigte.
Es handelt sich dabei um Querformate mit durchtrainierten Typen, durchaus dezent homoerotisch. Tennant und Linkersdorff sprechen gerade über diese Zurückhaltung: „Eigentlich ist da ja gar keine Sexualität“, sagt Linkersdorff, als er uns später vom Treffen mit dem Pet-Shop-Boys-Sänger erzählt. „Erst auf den zweiten Blick.“
Auch Tennant sei gerade von der „Schüchternheit“ bei Wittdorf fasziniert, erzählt uns Linkersdorff: „Das ist nicht Tom of Finland, wo es sofort zur Sache geht.“ Und noch ein Punkt sei für Tennant spannend: „Dass der sozialistische Realismus aus einem Land kam, das nicht mehr existiert. Bei der Ausstellung haben wir gemerkt, dass sich auch viele Jüngere wieder für Wittdorf und die Kunst aus der DDR interessieren.“


