Filmkritik

„Denn dieses Leben lebst nur du“: Wie sich transfeindliche Ideologien in Luft auflösen

Es klingt verwirrender als es dann ist, wenn man sie kennenlernt: Menschen mit Trans-Hintergrund im Filmporträt von Douglas Wolfsperger. Die Kinokritik.

Milena auf einer Blumenwiese am Bodensee
Milena auf einer Blumenwiese am BodenseeWilder Süden

Nostalgische Gefühle kommen auf, wenn man die Bilder aus Douglas Wolfspergers neuem Kino-Dokumentarfilm „Denn dieses Leben lebst nur du“ sieht: Saftige Wiesen, Bergpanoramen, Sonne über dem Bodensee, Kirchen und Heiligenbildnisse, ein Bäckermeister, der mit gemächlich-lockerem Schwung der Handgelenke Teigschnüre zu Laugenbrezeln knotet.

Hier ist die Welt noch in Ordnung. Und sie bleibt es auch, wenn besagter Bäckermeister auf der Hollywoodschaukel mit Melina durch die Sommerluft schwingt und sich ihre sexuellen Vorlieben erläutern lässt. Einen G-Punkt habe sie nun einmal nicht, aber der Neokitzler sei durchaus reizempfänglich, und wenn man sie da zum Beispiel oral befriedige, sei das – ein schönes Beben durchfährt ihren schaukelnden Körper – „Animalisch!“. Der Bäckermeister, der zuvor wenig Erhebendes zum männlichen Orgasmus zu Protokoll gegeben hat, hört interessiert zu. „Etz han i widr was glärnt.“

Mit dem Zeigefinger

Melina ist 44 Jahre alt, arbeitet in einer metallverarbeitenden Werkstatt, raucht wie ein Schlot, tauscht nach Feierabend den Blaumann gegen Sommerkleider mit Schmetterlingsflügeln und setzt sich, wenn es Nacht wird, ein Leuchtdioden-Diadem ins Haar. Und sie bringt Dinge auf den Punkt: „Was zählt ist, was du tust. Es gibt immer jemanden, der das scheiße findet. Aber ganz wichtig ist: Glaube an Wunder, Liebe und Glück. Schaue nach vorn und nicht zurück. Tu, was du willst, und steh dazu. Denn dieses Leben, das lebst nur du.“ Dabei schaut sie durch eine Brille und betont jede Silbe mit ihren Zeigefinger, der dicht an der Kamera vorbei auf den Zuschauer deutet. Okay, Milena, wird gemacht.

Seit acht Jahren lebt sie ihre neue Identität offen. Sie ist im Körper eines Jungen geboren, hat sich mit Hormonen behandeln und umoperieren lassen. Wie das im Einzelnen vonstatten geht, erfahren wir ebenfalls im Gespräch mit dem wissbegierigen Bäckermeister. Sie will sich nicht als Transfrau bezeichnen, weil sie die Transition hinter sich hat. Ein paar Barthaare sollen noch weggelasert und die „Bruschd“ aufgebaut werden. Aber außer der Tatsache, dass sie keine Kinder kriegen könne, unterscheide sie rechtlich und körperlich nichts mehr von einer herkömmlichen Frau. Für die Leute, die es genau nehmen wollen, ist sie „eine Frau mit transidentem Hintergrund“.

Brüste ab, Muskeln drauf

Die Kamera begleitet sie und zwei weitere Protagonisten, die als reife Erwachsene ihr Geschlecht geändert haben, durch ihren Alltag, liest kostbare, besinnliche und auch lustige Momente auf, die in der fern von Neukölln und Schöneberg liegenden Welt umso kontrastreicher in Erscheinung treten. Wolfsperger, selbst ein Cis-Hetero-Mann, der in der Gegend aufgewachsen ist und die Spannung zwischen Sexualität und Katholizismus schon in seinem Film „Blutsbrüder“ (2003) erforscht hat, traut sich, Fragen zu stellen, die naheliegen, aber vielleicht zu nah gehen könnten.

Elisabeth wollte mal Diakon werden
Elisabeth wollte mal Diakon werdenWilder Süden

Gabriel, 45, der in einem weiblichen Körper zur Welt kam und die damit verbundene Rolle bis in eine bürgerliche Ehe zu spielen versuchte, befreite sich vor sieben Jahren nach vielen Therapien und Krisen, ließ sich die Brüste abnehmen und trainierte 15 Kilogramm Muskelmasse an. Elisabeth, 65, die als Baby männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale aufwies, wollte Diakon werden und musste diesen Traum ad acta legen, nachdem sie sich zu ihrer intersexuellen Identität bekannt hatte.

Heute scheinen sie alle ein sehr bewusstes, gutes, melancholisch unterfüttertes Leben zu führen, wozu der besagte Hintergrund des Wohlstands und der Schönheit der Bodenseelandschaft beiträgt. Gabriel trainiert hart, Elisabeth schraubt an ihrem himmelblauen VW-Bulli herum, Melina lässt sich von ihren hartgesottenen und etwas dumpfen Kollegen in der Schlosserei nicht aus der Ruhe bringen. Zwei von ihnen leben in glücklichen Beziehungen – und alle drei teilen, ohne jeden missionarischen Eifer und ohne ideologische Verallgemeinerungen, bereichernde Gedanken, die sie ihrem harten, ziemlich einsamen Kampf abgewonnen haben und nun herschenken, damit er nicht umsonst gewesen sei.

Es ist wie so oft, wenn man den Einzelnen in seiner Welt kennenlernt. Konventionen und Vorurteile verlieren an Plausibilität, popanzige Bedenken lösen sich auf und machen ein Gespür für die eigentlichen Probleme und existenziellen Konflikte dahinter überhaupt erst möglich.

Der Weg in die Finsternis

Ein gestrenger Wallfahrer, der aus der Genesis zitiert, versucht in dem Film die drei in einer direkten Begegnung von ihrem Weg in die Finsternis abzubringen – man kann zugucken, wie er förmlich verknöchert, wie er im Angesicht dieser Abweichungen Hör- und Sehvermögen einbüßt. Weil sie alles, was er da gerade behauptet, durch ihr So-und-nicht-anders-Sein widerlegen und jegliche Übergriffigkeit einfach abrutscht.

Schließlich wendet er sich ab und wird sich wohl ins Gebet flüchten, das nichts als ein Selbstgespräch sein kann. Wie heilsam vermag dagegen so ein kleines, freundliches, geduldiges und unprätentiöses Filmchen zu sein, das zum Hinsehen und Zuhören motiviert. „Etz han i widr was glärnt.“

Denn dieses Leben lebst nur du. Dokumentarfilm, 80 Minuten, Deutschland 2025, ab Donnerstag im Kino