Theater: Mit dem Orientexpress in die Spielzeit
Katharina Thalbach mit Fliege, hohem Hut, Paletot und gezwirbelten Moustache steht im Rampenlicht und spricht ins Rund: „Vertrauen Sie die Sssug, denn die Lokführer ist die Bon Dieu. Und vertrauen Sie Hercule Poirot, denn die Lösung von eine jede Geheimnis liegt in die kleine graue Sssellen.“ Eine Szene aus der teuersten Eigenproduktion in der glorreichen Geschichte der Kudamm-Komödie, die volles Risiko ging, weil sie ja für die große Bühne des Schillertheaters so richtige Kracher braucht.
Die Besetzung mit dem prominent ergänzten Thalbach-Clan sowie das Bühnenbild mit einem mehr oder weniger echten Zug, Gesangs- und Cancan-Einlagen, Masken- und Kostümbohei – das Haus hat alles gegeben, um an die guten alten Theaterzeiten anzuknüpfen und dem Broadway Konkurrenz zu machen. Und dann fuhr das Verkehrsmittel kurz vor der Premiere im Frühling 202o voll gegen die Corona-Lockdown-Wand. Ein Besuch ist nicht nur als ein Zeichen der Solidarität empfohlen, sondern sicher auch dafür geeignet, seine Rezeptoren und Erwartungen vor der Spielzeit zu eichen und sich eine volle Dosis unbeleckten Theatertheaters einzuhelfen. Ulrich Seidler
Mord im Orientexpress Fr., Sa. 20 Uhr, So. 18 Uhr, Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater, Karten unter Tel.: 88 59 11 88 oder komoedie-berlin.de
Freiluftkino am Kreuzberger Mehringplatz
Es ist Heike Melba-Fendel von Barbarella Entertainment, die ein Freiluftkino am Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg eingerichtet hat, den Ort hat sie mit Bedacht gewählt. Rund 7000 Menschen leben hier in Berlins zweitärmsten Kiez mitten in der Stadt. Der Architekt Werner Düttmann hat den Platz in den 1960er-Jahren für den sozialen Wohnungsbau neu gestaltet, nachdem der einstige Belle-Alliance-Platz im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Die Kriminalitätsrate ist hoch, viele Gewerbeeinheiten stehen leer. Heike Melba-Fendel hält das für genau den richtigen Ort, um Kino als gemeinsamen Erfahrungsraum zu erleben, als Ort der Begegnung.
Bei der Filmauswahl hat sie sich an den Wünschen der Anwohner orientiert, an diesem Freitag läuft „Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten“, ein Kinofilm, der aus der Kika-Kinderwissenssendung hervorgegangen ist. Susanne Lenz
Kino am Mehringplatz 27. August, 20 Uhr, Einlass ab 19 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos, die Platzzahl begrenzt. Vorbestellungen sind unter folgender Mailadresse möglich: mkino@barbarella.de
Exil: Die Crew des Kiewer Clubs HVLV hostet eine Solidaritätsparty in Berlin
Das HVLV in Kiew war sieben Jahre lang ein Ort, an dem sich die LBTQ+-Community der Stadt und Kiewer Künstlerinnen und Künstler einfanden. Tagsüber eine Craftbeer- und Cocktailbar, wurde das HVLV bei Nacht zu einem Multigenre-Club, in dem internationale Künstlerinnen und Künstler auftraten. Mit dem Beginn des Ukrainekrieges musste die HVLV-Bar, wie fast alle kulturellen Institutionen in der Ukraine, schließen. Zwar darf die Hybrid-Venue tagsüber wieder öffnen, der Clubbetrieb aber bleibt weiter eingestellt.

Teile des Teams befinden sich nun in Berlin und wollen hier ihrer Kiewer Underground-Kultur eine neue Heimat geben. In diesem Sinne findet im Kreuzberger Club Re:mise (ehemals fiese Remise) eine HVLV-Solidary-Party statt. Sie wird unter dem Namen „EXILE“ von der HVLV-Crew veranstaltet. Knapp 20 DJs bespielen am Sonnabend ab 21 Uhr bis zum Sonntagmittag die Floors der Re:mise. Zu hören gibt es auch ganz in der Tradition von HVLV Musik verschiedener Genres: HipHop, Breakbeat, UK Garage, Italo Disco und mehr. Mit einem ukrainischen Pass und/oder mit Flüchtlingsstatus ist der Eintritt von 25 auf zehn Euro reduziert. Friedrich Conradi
Re:mise: „EXILE“, HVLV Solidarity Party, 27. August, Einlass 21 Uhr. Eintritt 10–25 Euro an der Abendkasse.
Konzerte: Die Ärzte
Welche Band ist mehr Berlin als Die Ärzte? Rammstein höchstens, würden wohl viele Ost-Berliner sagen. Aber während uns Rammstein dieses Jahr „nur“ zwei Mal (im Olympiastadion) hart berockten und uns an Silvester sogar in München fremdrocken sollten, spielen Die Ärzte zurzeit gefühlt an mehr Berliner Orten, als es brauchbare Pizzerien in dieser Stadt gibt. Die Fans von Farin, Rod und Bela B. freuts freilich. Und Fans sind bei einer Band, die ein Nummer-eins-Abo in den Charts hat, natürlich: halb Berlin.

Also genau richtig so, dass Die Ärzte allein an diesem Wochenende gleich drei Mal auf dem Tempelhofer Feld spielen. (Update: Das Konzert am Freitag fällt leider witterungsbedingt aus.) Also: feiern, bis Die Ärzte kommen, äh, gehen. Stefan Hochgesand
Tempelhofer Feld 27. August, 18 Uhr, 28. August, 17 Uhr
Die Nacht der Fledermäuse
Wenn man sich überlegt, wie viele Kunstwerke von der Fledermaus inspiriert wurden, darf die „Batnight“ wohl durchaus als Kulturtipp durchgehen. Die ersten Fledermausnächte fanden in den 90er-Jahren in Polen und Frankreich statt, seitdem schließen sich immer mehr Länder, 38 sind es mittlerweile, der Initiative mit dem Ziel an, über die Tiere mit ihrem doch eher schlechten Ruf zu informieren und für ihren Schutz zu werben.

In Deutschland organisiert der Naturschutzbund Nabu verschiedene Aktionen in den Nächten vom 26. bis 28. August, auch in Berlin: Am Freitag kann man die Tiere im Britzer Garten bei der Nahrungssuche beobachten, am Samstag gibt es u. a. eine Fledermaus-Führung im Bürgerpark sowie einen Workshop für Menschen mit Hörbeeinträchtigung mit anschließendem „Nosferatu“-Screening im Fahrradkino im Spreepark. Claudia Reinhard
Batnight Berlin, 26.–28. August
Das African Book Festival
Gerade erst (am Donnerstag) hat sich ein neuer Buchverlag mit einem kleinen Fest in Berlin-Mitte vorgestellt: Interkontinental heißt er, genauso wie die Buchhandlung, die Karla Kutzner und Stefanie Hirsbrunner schon 2018 am Ostkreuz gegründet haben. Afrikanische und afrodiasporische Literatur erscheint hier, die ersten vier Bücher gibt es schon, eine Anthologie und drei Romane. Deren Autoren A. Igoni Barrett aus Nigeria, Lauri Kubuitsile aus Botswana und Jennifer Nansubuga Makumbi aus Uganda treten am Wochenende gleich noch einmal auf. Denn dann findet zum vierten Mal das African Book Festival statt, mit einem Programm jeweils von 11 Uhr morgens bis in den Abend auf vier Bühnen in der Alten Münze. Es wird gelesen, in verschiedenen Runden diskutiert, Musiker treten auf und Kinderunterhaltung ist auch geplant.

Interkontinental ist auch Veranstalter des Festivals, das afrikanischer Literatur hierzulande den Weg ebnen will, sie genauso selbstverständlich machen will wie übersetzte Bücher aus Spanien oder Großbritannien. Apropos Weg: Nicht alle Gäste mussten einen weiten Weg zum Festival auf sich nehmen, auch schwarze deutsche Autoren sind dabei, Olivia Wenzel und Ijoma Mangold, außerdem der in Berlin lebende Musa Okwonga, dessen Roman „Es ging immer nur um Liebe“ in zwei Wochen erscheint. Cornelia Geißler
African Book Festival, 27. und 28. August, Alte Münze, Molkenmarkt 2






