An einer Wand im Esszimmer hing ein Schwarz-Weiß-Foto von einem Feldweg, an dem ein unscheinbares Haus steht. Das Foto war etwas unscharf. Wahrscheinlich hat er es von einem sehr viel kleineren Format auf DIN A4 vergrößern lassen. Für meinen Großvater muss es das Sehnsuchtsbild schlechthin verkörpert haben, eine der wenigen Aufnahmen – vielleicht die einzige – des Orts seiner Kindheit: Friedrichshof im Kreis Ortelsburg in Ostpreußen, das heute Rozogi heißt und in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren liegt. Wer als Nachgeborener verstehen will, was den Masuren ihre frühere Heimat bedeutet haben muss und welche wechselvolle Geschichte dieser Landstrich erlebt hat, hat jetzt eine kompakte und kurzweilige Möglichkeit: Der Historiker Andreas Kossert hat die Reihe „Gebrauchsanweisung für“ um den Band „Masuren“ ergänzt.
Im Lauf der rund 200 Seiten verstehe ich immer mehr über meine Großeltern, Großtanten und Großonkel. Zum Beispiel die Sache mit dem schwarz-weißen Foto. Andreas Kossert, der 2020 das mehrfach preisgekrönte Buch „Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“ veröffentlicht hat, erklärt, dass viele Masuren wegen der Umstände ihrer Ausreise oft kaum persönliche Erinnerungsgegenstände mitnehmen konnten. Diese wenigen präsentierten sie dann auch nicht unbedingt mit Stolz: Die direkt nach dem Krieg Heimatvertriebenen waren im kriegszerstörten Westdeutschland, wo die Menschen eigene Probleme hatten, nicht unbedingt willkommen.
Es musste Polnisch gesprochen werden
Und auch meine Großeltern, die zwar nicht vertrieben wurden, sondern in den 1950er-Jahren freiwillig ausreisten, schienen eine ungewisse Scham zu fühlen: Sie sprachen einen Dialekt, der sie klar als Zugereiste erkennbar machte. Sie kamen aus einer Gegend, die jetzt polnisch war – und hatten sich mit der neuen Administration nicht besonders gut angefreundet. Auch das ist bei Kossert nachzulesen: Wie einst die Preußen und später noch schlimmer die Nationalsozialisten versuchten, aus der multiethnischen Region eine eindeutig deutsche Provinz zu machen, versuchte die polnische Regierung nach dem Krieg mit aller Macht, Masuren zu polonisieren.

Großonkel und Großtante erzählen oft, wie nach 1945 manchmal abends Späher am Küchenfenster standen und horchten, ob die Familien wie befohlen Polnisch und nicht Deutsch sprachen – ansonsten habe die Mutter des Haushalts tageweise ins Gefängnis gemusst. Das konnten sich die bäuerlichen Haushalte, die oft noch auf in den Krieg gezogene oder in ihm gefallene Männer verzichten mussten, kaum leisten.
Zusammenhänge über die Region im Nordosten Polens
Sie erzählen solche Erinnerungen mit einem Dialekt, den ich erstmals in Kosserts „Gebrauchsanweisung für Masuren“ als solchen beschrieben bekam, wenn er von seiner Tante Lotte erzählt: „Personalpronomen ignorierte man gern. ‚Willst noch zu ejner Schejbe Brot‘, fragte sie. Das kurze Wort ‚Nejjjjn‘ klang, liebevoll gestreckt, gedehnt wie ein Lied. Rief sie ein wahnsinnig lang gezogenes ‚Wirrrst‘, war das die Aufforderung, etwas zu unterlassen. Auf Hochdeutsch wäre es wohl wiederzugeben mit ‚Wirst du das wohl sein lassen‘. In Ostpreußen gab man sich eher wortkarg – vielleicht wegen der langen Winter und der klirrenden Kälte?“

Mit anekdotischen Passagen wie diesen verleiht Andreas Kossert, der bereits mehrere, eher wissenschaftliche Bücher über Ostpreußen und Masuren veröffentlich hat, seiner Gebrauchsanweisung einen persönlichen Anstrich. Selten gibt er konkrete Reisetipps – zum Beispiel zu einer Paddeltour auf den malerischen Seen oder dem Fluss Krutynia (Krutinna), die man am besten im schönen Ort Sorkwity (Sorquitten) beginne, oder einem Ausflug in die Einsamkeit der Johannisburger Heide. Oft schlägt hingegen der historische Wissenschaftler durch und man erfährt menschheits- und erdgeschichtliche Zusammenhänge über die Region im Nordosten Polens.
Hommage an die alten Ortsnamen
Am spannendsten ist das immer, wenn diese Zusammenhänge mit menschelnden Geschichten vermittelt werden. Dass es schon Ende des 19. Jahrhunderts zu einer großen Ausreisewelle aus Ostpreußen nach Westdeutschland kam, erklärt der Autor zum Beispiel anhand einer Kontroverse um den Fußballverein Schalke 04: Gelsenkirchen war schon zur Gründung des Vereins 1904 eine Hochburg gebürtiger Masuren und ihrer Nachfahren, weil man mitten im Kohlerevier Arbeitskräfte aus dem Osten gut brauchen konnte.
Viele Teammitglieder wie Ernst Kuzorra oder Fritz Szepan entstammten diesen Familien und verkörperten den Aufstieg von masurischen Arbeiterkindern zu Profifußballern. Als Schalke 1934 Meister wurde, reklamierte eine polnische Zeitung den Titel für sich – Kuzorra und Szepan hingegen zeigten vor Pressekameras den Hitlergruß.
Immer wieder lässt der Historiker, der selbst Wurzeln in Masuren hat, eine Wehmut über die durch die Wirren des 20. Jahrhunderts praktisch verlorene Kultur der Region durchscheinen und schreibt ein ganzes Kapitel als Hommage an die alten Ortsnamen, die erst eingedeutscht, dann polonisiert wurden.
Entwurzelte, die ihre Heimat verloren haben
Er zitiert dazu wie an vielen weiteren Stellen einen Autor, dessen Wiederentdeckung man sich nach der Lektüre wünschen würde: Robert Budzinski hat noch vor der Nazizeit seine heute nur antiquarisch zu bekommende „Entdeckung Ostpreußens“ veröffentlicht, in der er schreibt: „Bei meinen Wanderungen stieß ich wiederholt auf Ortschaften mit nicht sehr bekannten, aber desto klangvolleren Namen, so dass ich oft glaubte, mich in einer verzauberten Landschaft herumzutreiben. So fuhr ich einmal mit der Bahn von Groß-Aschnaggern nach Liegetrocken, Willkischken, Pusperschkallen und Katrinigkeiten, frühstückte in Karkeln, kam über Pissanitzen, Bammeln, Babbeln und abendbrotete in Pschintschikowsken, übernachten wollte ich in Karßamupchen.“
Ganz zu sich selbst kommt der Historiker, wenn er auch in der Gebrauchsanweisung zwei konkreten Fluchtgeschichten Raum gibt. „Die erste handelt von einer masurischen Familie, die 1945 ihre Heimat für immer verlassen musste, die zweite von einer polnischen Familie, die ihr Zuhause im heutigen Litauen verloren hatte, um 1946 in Masuren anzukommen.“ Die zweite Geschichte ist eine spannende Erweiterung der Perspektive der Nachgeborenen deutscher Heimatvertriebener, denn auch die neuen Masuren sind eigentlich Entwurzelte, die ihre Heimat verloren haben. Deswegen kommt es oft zu verständnisvollen, auch tränenreichen Begegnungen, wenn die alten Masuren die Orte ihrer Sehnsucht besuchen.
Ostpreußen in den neuen deutschen Grenzen
Mit der ersten von Kosserts Fluchtgeschichten erfahre ich wieder etwas über die eigene Vergangenheit. Sie handelt vom 70-jährigen Bauern Friedrich Biella, der im Januar 1945 bei mehr als minus 20 Grad Frost mit zwei Pferdefuhrwerken und seiner Familie den Hof im Kreis Ortelsburg verlassen musste, weil die sowjetischen Truppen die Provinz angriffen.
Auch ein Teil der Familie meiner Großmutter ist zu dieser Zeit geflohen – meine Urgroßmutter bekam dabei erstaunlicherweise Unterstützung durch einen russischen Kriegsgefangenen, der ihr zur Hilfe am Hof „zugeteilt“ wurde. Flucht hieß damals: mit Pferden zu versuchen, 40 oder 50 Kilometer von den Frontlinien wegzukommen. Nach Kriegsende im Frühjahr konnte meine Urgroßmutter zurückkehren, mit den Zurückgebliebenen den Hof wieder übernehmen. Friedrich Biella gelang das nicht – und er blieb als einer von vielen Millionen geflohenen Ostpreußen bis zu seinem Tod innerhalb der neuen deutschen Grenzen.
Andreas Kossert: Gebrauchsanweisung für Masuren, Piper Verlag, 222 Seiten, 16 Euro










