Nizza Calling

Französische Riviera: Unverschämter Eskapismus für politisch müde Berliner

Unsere Autorin hat sich trotz der steigenden Lebenskosten einen achttätigen Urlaub an der Côte d’Azur gegönnt. Die Flucht vor politischem Stress hat sich gelohnt.

Zwei Frauen gehen mit einem Sonnenschirm auf der „Promenade des Anglais“ in der französischen Riviera-Stadt Nizza, am 17. Juli 2022.
Zwei Frauen gehen mit einem Sonnenschirm auf der „Promenade des Anglais“ in der französischen Riviera-Stadt Nizza, am 17. Juli 2022.AFP

Vor dem Ukrainekrieg bin ich im Spätsommer öfter in die Heimat nach Südrussland geflogen. Mit der Familie an die Schwarzmeerküste fahren, die leckeren Wassermelonen aus der Region Astrachan genießen, und dann noch Flusskrebse aus der Manytschniederung, und die jungen Maiskolben… Das war, so oberflächlich das klingen mag, mein Stück Heimat.

„Privilegiert ist, wer in die Heimat zurückkehren kann“, schrieb zuvor eine Kollegin zu ihrem Besuch in Irland. Der Krieg in der Ukraine macht für mich eine Reise in meine Heimat derzeit aus mehreren Gründen unmöglich. Wohin sonst soll ich von Berlin aus in den Urlaub fahren? Nach längerem Zögern und Gewissensbissen (darf ich das im Krieg überhaupt?) habe ich mich doch für Nizza entschieden: Ich wollte ans Meer und wusste im Unterbewusstsein noch, dass Südfrankreich für russische Emigranten und gerade Künstler nach der Oktoberrevolution zur zweiten Heimat wurde. Ich wollte die französische Riviera nun erleben: aus der russischen, aber auch aus der Berliner Perspektive.

An der Côte d’Azur scheint das Leben in der Tat wie von allen Problemen dieser Welt abgeschnitten. Sorglos steuern die Reichen ihre Jachten durch die azurblauen Gewässer und parken sie in den Häfen von Nizza, Cannes und Antibes. Muss man hier unbedingt neidisch sein? „Das Geld macht dich nicht unbedingt glücklich, aber gibt dir die Freiheit“, sagte mal ein Weiser. Ein kleines Boot, eine Flasche französischer Wein und gute Gesellschaft reichen aber, um von der malerischen Hafenanlage Saint-Jean-Cap-Ferrat in Nizza aus die Küste zu erkunden und sich – ja – frei zu fühlen. Am Meer scheinen alle Probleme kleiner, belangloser, banaler. Es ist ein Luxus, für ein paar Tage alle Sorgen und selbst den Krieg zu vergessen. Ein unverschämter Luxus, der dem gestressten Kopf so gut tut.

Ich weiß, dass das scheinbare Dolce Vita in Marseille schon aufhört. Die Realität ist jedoch auch in Nizza angekommen. An einem Tag lerne ich einen Russen kennen, der kurz nach dem 24. Februar Moskau verlassen hat und jetzt versucht, in Nizza eine zweite Heimat zu finden. Er ist Friseur, lernt fleißig Französisch und wagt einen Neuanfang. Es sind nicht nur die superreichen Russen, die vor allem in Monaco und Saint-Tropez willkommen sind. In Nizza leben und urlauben viele „normale“ russische Aussiedler, die eben in russischen Supermärkten wie „Sankt Petersburg“ einkaufen. Ein Musée National für den Künstler Marc Chagall, der in den 1920ern aus Sankt Petersburg nach Moskau und dann nach Frankreich übersiedelte und später auch in Nizza lebte, ist übrigens sehenswert.

Abends fällt mir bei einem Spaziergang durch die Stadt auf, dass alle öffentlichen Gebäude in Farben der Nationalflagge beleuchtet werden und auf die Beleuchtung nicht verzichtet wird, als hätte man keine Energiekrise. Und das, obwohl Frankreich unter einem Stromengpass leidet. Eine Einheimische schmunzelnd dazu: „Man will wohl keine neuen Proteste. Wir Franzosen gehen für jede Sache auf die Straße.“ Diesen Gerechtigkeitsanspruch und das Demokratieverständnis mit dem Hauch von „Liberté, Égalité, Fraternité“ verdanken sie wohl der Französischen Revolution, und sie dürften von dieser Erfahrung mehr geprägt sein als andere europäische Nationen. Dieses selbstbewusste französische Flair bekommt man deswegen auch in Nizza zu spüren – trotz seiner Offenheit für andere Kulturen.