Wintergeschichten

Der einsame Handschuh auf der Straße hat auch etwas mit Freiheit zu tun

Achtlos zurückgelassene Handschuhe haben zuletzt einige Künstler inspiriert. Dabei rufen sie kindliche Traumata hervor – aber auch das Bedürfnis nach Befreiung.

Anderswo eine Art Winterschmuck. Handschuhe auf der Leine im schwedischen Kiruna.
Anderswo eine Art Winterschmuck. Handschuhe auf der Leine im schwedischen Kiruna.imago

Winter ist, wenn auf der Windschutzscheibe niedergehender Schneeregen die Assoziation eines Pfeilhagels auslöst: kleine spitze Geschosse, die umgehend die Illusion zerstören, dass ein Auto ein sicheres Gehäuse sei. Recht so, höre ich seitens der Klimaaktivisten, denen nichts wichtiger scheint, als einer falschen automobilen Geborgenheit den Prozess zu machen.

Also habe ich mir vorsorglich ein Paar Handschuhe gekauft, textiles Rüstzeug für die kommenden Wochen. Seit meine Kollegin Susanne Lenz uns jedoch auf das längst auch künstlerisch ausgearbeitete Phänomen des verlorenen Handschuhs aufmerksam gemacht hat, ist mein mentaler Wärmeschutz bereits wieder dahin.

Das Gefühl kalter Finger ist eine der prägendsten Erfahrungen der Kindheit, das sich sogleich mit stechend-kribbelnden Schmerzen verbindet, wenn sich die reglosen Körperteile langsam wieder erwärmen. Die Idee, einen achtlos zurückgelassenen Handschuh auf der Straße umgehend mit künstlerischer Energie aufzuladen, rührt vermutlich von dieser Kälteerfahrung her, eine Erinnerung an das kindliche Hinausgehaltensein in das Nichts (Martin Heidegger).

Schlimme Demütigung während der Kindheit

Und doch kam es, dass Handschuhe in meiner frühen Sozialisation nicht Teil der Lösung waren, sondern ein neues, geradezu demütigendes Problem aufwarfen, ziemlich genau an jener Nahtstelle, an der die Fürsorge meiner Mutter umschlug in haushälterischen Pragmatismus. Auf dass ich unachtsames Kind die eigens von ihr hergestellten Strickfäustlinge nicht verliere und so das Wohlergehen der Familie beeinträchtige, verband sie ihre Handarbeit mit einem festen Faden, der fortan durch die Jackenärmel gezogen wurde. Nur wenige Dinge meiner Kindheit waren demütigender als diese Gängelung in Form der mütterlichen Vorkehrung gegen den Handschuhverlust. Obwohl ich nicht das einzige Kind in meiner Umgebung war, das diesen Faden im Nacken zu spüren bekam, an dem die Fäustlinge, sobald sie sich von der Hand lösten, schlaff aus dem Ärmel hingen, war er mir doch ein quälendes Zeichen meiner Gefangenschaft als viel zu langsam heranwachsendes Kind.

In den sich im Straßenbild und bevorzugt an Haltestellen zeigenden Long Lost Gloves, die nicht zuletzt Geschichten von Einsamkeit und der Verdinglichung der Welt erzählen, vermag ich seither einen Hauch von Freiheit zu erkennen: der verlorene Handschuh als ein Stück Emanzipation. Der Verlusterfahrung nicht durch Vermeidungsstrategien zu begegnen, sondern sie als Freiheitsmoment zu betrachten, ist eine kostbare, manchmal auch kostspielige Einsicht. Nicht nur im Winter.