Kolumne

Berlin-Neukölln, Radweg Kottbusser Damm: Was der Anblick dieses Handschuhs in mir auslöste

Unsere Autorin überkamen beim Anblick eines bereits platt gefahrenen Handschuhs starke Gefühle und ein paar Ideen.  

Einzelne Handschuhe auf einer Wäscheleine. Es gibt kaum ein stärkeres Sinnbild für das Alleinsein als einen Handschuh, der seinen Partner verloren hat.
Einzelne Handschuhe auf einer Wäscheleine. Es gibt kaum ein stärkeres Sinnbild für das Alleinsein als einen Handschuh, der seinen Partner verloren hat.Chris Emil Janflen/imago

Die Zeit der einsamen Handschuhe ist wieder angebrochen. Man sieht sie auf Fensterbrettern, so als ob es noch Hoffnung gäbe, an Laternenmasten, aber vor allem auf der Straße. Heute früh erst radelte ich an einem vorbei, der bereits platt gedrückt wie ein Flunder auf dem Radweg entlang des Kottbusser Damms lag, auf der Neuköllner Seite.

Ein schwarzer Fingerhandschuh aus Wolle oder ähnlichem Material. Und ein herzzerreißender Anblick, so empfinde ich es jedenfalls. Es gibt kaum ein stärkeres Sinnbild für das Alleinsein als einen Handschuh, der seinen Partner verloren hat und damit seinen Sinn, ja seine Daseinsberechtigung. Einen einzelnen Handschuh kann man nicht mehr brauchen, selbst der nicht verloren gegangene Partner wird wahrscheinlich im Müll landen.

Ich bin nicht die Einzige, die dieser melancholische Anblick beschäftigt. Der Fotograf Karl Braun stellte eine ganze Fotoserie dazu her: „111 verlorene Handschuhe“. Es gibt einen kanadischen Dokumentarfilm mit dem Titel „Gebet für einen verlorenen Handschuh“, der im Fundbüro von Montreal spielt. Der Tokioter Ishii fotografiert seit fast 20 Jahren jeden einsamen Handschuh, den er erblickt, und dokumentiert die Begleitumstände. Auch Instagram-Accounts wie „Long Lost Gloves“ oder „Lost Glove Sightings“ widmen sich dem Phänomen.

Und in Berlin gab es wenigstens für kurze Zeit die Norwegerin Katja Cappelen und Jürgen Breiter mit ihrem Projekt „stadtfund“. Auch sie ließen sich Mitte der 2010er-Jahre vom Anblick verlorener Handschuhe rühren, sammelten sie und verhalfen ihnen zu neuen Partnerschaften. „Es macht tierischen Spaß, hundert Handschuhe auf einem Tisch auszubreiten und zu gucken, wer mit wem könnte“, sagte mir Jürgen Breiter damals. Es gab bei ihnen sogar Paare, die aus einem Fingerhandschuh und einem Fäustling bestanden. Nur ähnlich groß und ähnlich warm sollten sie sein.

Gegen das Diktat der Modeindustrie, dass ein Paar Handschuhe aus zwei gleichen bestehen muss

Ein sentimentales Moment hatte ein verlorener Handschuh für die beiden auch. Aber ihnen ging es vor allem um Wiederverwertung und Nachhaltigkeit. Sie wollten mit ihrem Projekt Konsumgewohnheiten kritisieren und das Diktat der Modeindustrie, das besagt, dass ein Paar Handschuhe aus zwei gleichen zu bestehen habe. In der U-Bahn lege er seine Hände mit einem seiner Handschuhpaare für alle sichtbar auf die Knie, sagte Jürgen Breiter. Er glaube, sehen zu können, wie es in den Köpfen der Mitfahrer zu arbeiten beginnt.

Man müsste ihre Idee wieder aufleben lassen: eine Paarvermittlung für Handschuhe. Wer jetzt allein ist, muss es nicht bleiben.