Baruth-Was für eine Hitze muss das gewesen sein! Was für ein Gedränge! Georg Goes steht in der Ofenhalle der einstigen Glashütte, über seinem Kopf winden sich mannsdicke rostige Stahlrohre durch den Raum. Von ihnen gehen dünnere Seitenarme ab, sie enden mit länglichen Öffnungen, ein Konstrukt wie der abgeschlagene Kopf einer stählernen Medusa. „In dieser Ofenhalle haben im 19. Jahrhundert etwa 60 Menschen gearbeitet“, sagt Goes und zeigt an die Decke. „Aus den Rohren da oben wurde kühle Außenluft in die Halle geblasen, um die Arbeit erträglicher zu machen. Einige Rohre endeten an der Außenwand dieses Ofens, um dort den Stein zu kühlen. Dadurch fraß das Glas in der Schmelzwanne den Stein nicht so schnell auf.“

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt:
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Georg Goes ist der Leiter des Museums im Museumsdorf Glashütte etwa 70 Kilometer südlich von Berlin: Ab 1716 ließ Friedrich Sigismund zu Solms-Baruth hier Glas herstellen, der Graf hatte große Waldgebiete, Holz für die Öfen war reichlich vorhanden. Die Grafen zu Salms-Baruth hatten nicht nur den Forst, sondern auch Fortune, und so wuchs das Unternehmen in den folgenden etwa 100 Jahren dramatisch schnell heran – Mitte des 19. Jahrhunderts fertigten die Arbeiter jährlich rund eine Million Lampenschirme, die weltweit versandt wurden; die vier Glasöfen verschlangen jedes Jahr rund 25.000 Kubikmeter Holz. Produkte aus der Glashütte von Baruth waren 1851 auf der Weltausstellung in London zu bestaunen, im Obergeschoss des Museums funkelt heute eine Auswahl aus der einstigen Pracht: exakt verzierte Teller, Pokale mit feinen Gravuren, kugelförmige Briefbeschwerer, in denen zarte Blüten für immer erstarrt sind – in einem abgeschiedenen Wald in Brandenburg entstand Qualität für die Welt. Noch heute wird hier Glas hergestellt, nicht viel, aber mit Liebe und Anspruch: Wer um das braune Eisenmonster in der Ofenhalle herumgeht, findet sich vor einem Glasstudio wieder, wo Glasmacher glühende Klumpen in schillernde Kleinode verwandeln, direkt vor den Augen der Besucher. „Wir erhalten nicht nur Gebäude und Objekte, sondern wir bewahren auch das immaterielle Kulturerbe der Fertigung von mundgeblasenem Glas“, sagt Goes. „Dafür sind wir auf Landes- und Bundesebene anerkannt und wir streben mit unseren türkischen, finnischen, tschechischen und französischen Partnern einen Eintrag ins Unesco-Weltkulturerbe an.“
Der gesamte Ort steht unter Denkmalschutz
Doch bei aller handwerklichen Raffinesse: In den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg blieb die Fertigung trotz einiger Neuerungen zu arbeitsintensiv, und als 1980 der Ofen ganz aus war, hatte der Verfall der Halle schon begonnen, die Arbeiter zogen weg. Aber die Gebäude der Glashütte und das Dorf, das seit dem frühen 19. Jahrhundert um sie herum entstanden war, die waren zur Zeit der Wende noch da, und so geschah in den Neunzigern etwas Besonderes: Der gesamte Ort wurde unter Denkmalschutz gestellt, die Häuser unter den hohen Kastanien sind jetzt selbst Exponate, die bewahrt, aber auch belebt werden. „Oft sind Museumsdörfer von einem Zaun umgeben und dann wird von Schauspielern in traditionellen Kostümen ein historischer Alltag vorgetäuscht, aber hier ist das anders“, sagt Goes. „Das Museum ist ein Bestandteil des Dorfes, doch die Menschen im Dorf sind keine Angestellten des Museums. Das sind ganz unterschiedliche Charaktere, die hier leben und die auf individuelle Weise künstlerisch und unternehmerisch aktiv sind.“

Und sie machen es mit einem Geschick, das dem Können der früheren Glasarbeiter in nichts nachsteht: In den Fachwerkhäusern mit den braunen Holzbalken und den weißen Fensterrahmen liegen kleine Betriebe mit liebenswürdigen Artikeln, von der Pott-Teria, einer Töpferei mit eigenem Café, über Geschäfte mit Kleidung, Seifen und Kunsthandwerk bis zum Kräutergarten, vor dem Wasser in eine Badewanne plätschert, daneben warten Kürbispflanzen mit so eleganten Namen wie Marina di Chioggia und Galeaux d’Eysines auf Menschen, die ihnen in ihren Gärten ein neues Zuhause geben.
Im einstigen Packschuppen der Glashütte betreibt Gabriele Klose einen Laden mit Schmuck- und Kunstgegenständen und einer Galerie, dort präsentiert sie aktuell eine ganz besondere Ausstellung: Aktzeichnungen der 2013 verstorbenen Gudrun Bröchler-Neumann, einer sehr angesehenen Künstlerin der früheren DDR, die vor allem für ihre Landschaftsbilder bekannt war. Die Arbeiten zeigen eine überraschende Vielseitigkeit der Künstlerin: „Ich kannte sie ganz gut, wir waren ein bisschen befreundet, und diese kraftvollen, flächigen Zeichnungen mit der deutlichen Strichführung hier vorne, die kannte ich von ihr“, sagt Klose. „Aber die Arbeiten im hinteren Bereich der Galerie, die hatte ich nicht erwartet – die sind ganz zart, die Umrisse der Körper werden durch Bleistiftlinien definiert. Mit Pastellkreiden hat sie die Raumwirkung hergestellt: Die Höhen mit gelben, rosa und pinkfarbenen Farbflächen, die Schatten mit blauen bis violetten Tönen, es schillert fast wie Perlmutt.“ Wer sich die ungewöhnlichen Bilder im Museumsdorf Glashütte anschauen möchte, der hat noch bis zum 11. August dazu Gelegenheit.

Ein gelebtes Gemälde von Renoir
Nackte Menschen in zarten Pastelltönen, ausgestellt auf ihrem Werksgelände – das hätte man den Arbeitern mal erzählen sollen, die hätten gedacht, man hat nicht alle Nadeln an der Tanne. Wer eine Ahnung davon bekommen will, wie die Menschen hier früher gelebt haben, der verbringt am besten eine Nacht bei Norbert Nehring, er betreibt in einem Glasmacherhaus von 1837 das Gästehaus Neunlinden. Das längliche Fachwerkhaus hat mehrere Eingänge und ist eigentlich ein eigenes Häuserzeilchen, in einigen der Küchen ahnt man noch ihre frühere Funktionsweise: Die Decken sind nach oben gewölbt, eine Öffnung führte direkt in den Kamin – es waren sogenannte schwarze Küchen, in denen der Rauch des Ofens durch den Raum nach oben zog, da ergaben sich die schwarzen Wände von selbst; über die Lungen der Menschen wollen wir gar nicht nachdenken.

Norbert Nehring lebt selbst hier, die anderen Wohnungen sind jetzt Ferienwohnungen, hinter dem Haus liegen die früheren Tierställe. In manchen erkennt man noch eine alte Futterkrippe, er hat die Kammern ausgebaut zu einer Küche und einer Sauna, in einem Schuppen entsteht ein Atelier für Künstler. „In diesen Wohnungen lebten früher Wald- und Glasarbeiter, die haben das Land hinter dem Haus bewirtschaftet und ein bisschen Vieh gehalten, man hatte ja nicht viel anderes“, erzählt Nehring. „Im Winter ist unser letzter Mieter gestorben, mit 90 – das war der letzte Einwohner im Dorf, der noch in der Glashütte gearbeitet hat. Seit 1953 hat er hier im Haus gelebt.“
Hinter den Gebäuden stehen jetzt Obstbäume, dazwischen schlängeln sich ausgetretene Pfade durchs hohe Gras. Als Punkte aus Licht durch die Blätter eines Baums auf Nehrings weißen Bart und seinen geflochtenen Sommerhut fallen, da wirkt es ein bisschen, als wäre die ganze Anlage eigentlich ein gelebtes Gemälde von Renoir – man möchte am liebsten bleiben, bis die Farben getrocknet sind, und bei Öl dauert das verdammt lange, Acrylfarben gab’s ja zu Renoirs Zeiten noch nicht. Was ist das da eigentlich für ein kleines Häuschen mit dem Dach, das steil bis zum Boden abfällt? „Die Tür führt in einen Erdkeller“, sagt Nehring. „Keller hatten die Häuser damals nicht, weil der Boden so weich war. So ein Erdkeller ist praktisch, der hat fast das ganze Jahr hindurch die gleiche Temperatur.“ Heute lagert Norbert Nehring da unten seinen Wein, dabei ist der Keller dafür ein bisschen zu feucht. „Uns sind da mal bei einigen Flaschen die Etiketten verschimmelt“, sagt er. „Den konnten wir keinem Gast mehr anbieten, also mussten wir ihn selbst trinken.“ Auch das moderne Leben hat seine Härten.
Unterkunft im Gästehaus Neunlinden ab circa 35 Euro pro Nacht und Person
Reif für die Islands
Leberwurst to go, tropische Strände und ein Kühlschrank, der für den Glauben an das Gute im Menschen steht: Unsere Tipps für ein harmonisches Wochenende im Museumsdorf Glashütte
Schuhe an und los Wer gerne spazieren geht oder wandert, der hat es hier besonders leicht: Einfach vom Hüttenweg aus losgehen durch die nahen Wälder, ob aus dem Moment heraus in Sneakers oder mit festen Wanderschuhen und noch festeren Etappenzielen. Die Outdoor-App Komoot schlägt mehrere Touren vor, die direkt im Ort oder in der näheren Umgebung beginnen. Ein baulich schönes, vor allem aber historisch bedeutsames Ziel ist das Schloss Baruth aus dem 17. Jahrhundert im Nachbarort Baruth, etwa neun Kilometer entfernt: Hier wurde Friedrich III. Fürst zu Solms-Baruth am 21. Juli 1944 von der SS verhaftet, weil er zur Gruppe der Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörte, der am Vortag ein Attentat auf Adolf Hitler verübt hatte. altes-schloss-baruth.de
Gasthof Reuner Zwei Gebäude im Ort stammen aus der Zeit der DDR: das Häuschen für die Bushaltestelle und der frühere Konsum gegenüber. Im Alten Konsum ist jetzt die Imbiss-Dependance des Gasthofs Reuner, hier gibt es Wurst, Brot, Stullen, Senf und andere leckere Kleinigkeiten für den kleinen bis mittleren Hunger. In Ruhe sitzen und essen kann man im Gasthof gegenüber, das Gebäude war früher ein Herrenhaus derer zu Solms-Baruth. Jedem der Gerichte schmeckt man die Qualität der regionalen Zutaten an, von der Würze der Schinkenknacker über die Kräuter in der Leberwurst auf der Stulle bis zur nussigen Fülle des Wildgulasch – sogar die Möhren in der Gemüsebeilage schmecken, als stammten sie aus einem Erdboden, den nur die allerglücklichsten Würmer Brandenburgs aufgelockert haben. Falls Sie nächtens vorbeikommen und alles ist zu: Neben dem Alten Konsum steht ein Verkaufsautomat, eine Art Fleischambulanz mit Wurst in Folie und im Glas. gasthof-reuner.de
Museumsherberge In dem sonnenblumengelb gestrichenen Haus von 1853 war bis in die 60er-Jahre die Schule von Glashütte untergebracht, die einstigen Lehrerzimmer im Obergeschoss sind heute gemütliche Gästezimmer. Das Haus ist mit Geschmack eingerichtet, im Kaminzimmer prangen Hirschgeweihe auf den eleganten Tapeten, Antiquitäten zitieren den Stil der alten Zeit. Chefin der Pension ist Maya, sie sieht aus wie ein Retriever, aber ihr Vater war ein Patou, ein französischer Herdenschutzhund: Vielleicht muss sie deshalb jeden neuen Gast mit einem schwanzwedelnden Bellen begrüßen, das steht ja bei Hütehunden gleichsam in der Stellenbeschreibung. Wer nach einer Wanderung seine Füße kühlen möchte, lässt sie draußen in dem Bioteich baumeln, das noch kühlere Bier holt man sich vorher gegen eine nicht überwachte Barzahlung aus dem „Vertrauenskühlschrank“ – ein starker Kandidat für unser Substantiv des Monats. DZ ab circa 60 Euro pro Nacht, museumsherberge.de
Tropical Islands Die Zimmer in der Museumsherberge und die Ferienwohnungen im Gästehaus Neunlinden haben genug Betten für Familien, und wer hier Kinder bei Laune halten muss, der wird sich über das rund 15 Kilometer entfernte Spaßbad namens Tropical Islands freuen: 200 Meter Sandstrand in tropischem Klima, ein künstlicher Regenwald mit 50.000 Pflanzen und ein 650 Quadratmeter großer Wasserspielplatz mit acht Rutschen und einer gesamten Bahnlänge von mehr als 300 Metern – das sollte ausreichen, um den Nachwuchs müde zu kriegen, auf dass er am nächsten Morgen etwas länger schlafe. Tagestickets ab 36,50 Euro, Kinder bis fünf Jahre kostenlos, tropical-islands.de
