Berlin-Es ist doch interessant, sagte ein Freund, dass der Osten im Westen nur dann zum Thema wird, wenn man Angst vor ihm hat. So wie der drohende Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt wieder zu der Frage führte: Wie ist denn der Osten drauf? Reflexartig sucht der verunsicherte Westen nach Erklärungen. West-Feuilletonchefs rufen Bekannte im Osten an, fragen, ob sie dazu etwas schreiben können. So erklärt der Osten wieder den Osten, und das oft in Beilagen und Blättern, die man im Westen gar nicht liest. Die Hamburger Zeit-Beilage „Zeit im Osten“ kann man etwa in Hamburg nicht lesen. Bücher von Ostdeutschen werden von Ostdeutschen rezensiert. Und inzwischen gibt es richtige Profi-Ossis, Berufs-Ossi-Versteher. Vermutlich bin auch ich auf dem Weg, einer von ihnen zu werden und muss erkennen, dass Empowerment Ost – die Gestaltung der Narration der eigenen Geschichte durch Ostdeutsche – am Ende doch nur Ostdeutsche beschäftigt.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt:
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen
Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin
Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?
Die großen Food-Seiten: Einer der besten Lahmacun-Läden in Wedding und ein Backshop für Cool Kids in Kreuzberg. Und: Ein Porträt über das hippe Hotel Henri am Kudamm
https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe
Wenige Tage vor der Wahl fühlen sich parteiübergreifend 75 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt laut Befragungen noch immer als „Bürger zweiter Klasse“. Und es sind auch nicht die von Marco Wanderwitz ausgemachten „diktatursozialisierten“ Rentner, die überwiegend die AfD wählen, sondern junge Wähler, daheimgebliebene Ost-Männer, denen die Frauen in den Westen davongelaufen sind – und irgendwie auch die Hoffnung. Die Erinnerung an die Reformideen von 1989/90 blieb selbst im Osten lange blass. Heute brauchen wir einen anderen Blick auf die DDR und die Wiedervereinigung. Wir brauchen eine Debatte, die den Osten nicht mehr bloß als Entwicklungsgebiet sieht. Denn die von den akuten Sorgen um die Demokratie angestoßene Kurzzeitaufmerksamkeit für die neuen Länder ignoriert meist deren divergierende Wahrnehmung der Wiedervereinigungsgeschichte.
Gegen das 99:1 Verhältnis hilft nur Occupy History
Dagegen hilft nur Occupy History: das Einschleusen anderer Stimmen, der Versuch, andere Erfahrungen sichtbar zu machen, ohne Schuldzuweisungen, die heute ohnehin nichts mehr ändern. Es geht um das komplette Bild. Gegen das 99:1 Verhältnis, etwa in den Leitungsebenen der Leitmedien, geht es um die Einbeziehung der Erfahrungen der Ostdeutschen, deren intersektionelle und feministische Seite, es geht um Empathie und die Suche nach den Wende-Verbündeten von heute.
„Die Menschen im Osten haben Großartiges geleistet“, hört man immer wieder. Und sofort möchte ich König Kurt Biedenkopf Zepter und Zeugnisheft aus der Hand nehmen und sagen: Ach ja? Die Rede von dieser Art Erfolg ist eine Rede über den Erfolg von Geld, vom Nachhilfekurs der westlichen Regelschule. 30 Jahre sind wir nun im Nachholen trainiert worden, im Kotau vorm Etablierten. Außer vielleicht an Frank Castorfs Volksbühne, an Heiner Müllers BE oder in Andreas Dresens Filmen. Aber ihr habt doch so viel gewonnen!, sagt König Kurt. Es ist die alte Helfergeschichte, die Trotz-allem-wird-alles-gut-Geschichte. Das war 30 Jahre lang der Modus der Vereinigung. Es ist der alte Singsang wie an den Meldestellen für Migranten, egal wie gebildet sie sind.
Überhaupt kommt immer, wenn etwas „alternativlos“ wird, das Geld ins Spiel. Dieser Zug spiegelt sich eklatant auch in den Milliardenhilfen zur Pandemiebekämpfung. Wieder lösen wir mit Geld, was wir uns ansonsten nicht zu ändern trauen. Corona, Wirtschaftsflaute, Kurzarbeit – all das holt Verborgenes hervor. Die Bundespolitik machte in den letzten anderthalb Jahren eine traumatisierende Unsicherheits-Erfahrung. Diese betraf nicht nur Teile des Landes wie nach 1989, sondern alle. Nie hätten wir erwartet, Einschränkung bürgerlicher Freiheiten oder temporäre Betriebs- und Schulschließungen erleben zu müssen. Oder mit Triage und Bundesnotbremse konfrontiert zu werden. Die Mehrheitsgesellschaft machte Erfahrungen von Ohnmacht und Angst, die zuvor nur Teile der Gesellschaft betroffen hatten.
Ähnlich wie 1989 reagiert die Politik darauf mit Stabilisierungsversuchen. Das sicherste Mittel ist Geld. Man kann, so scheint es, auch zu reich sein für Veränderungen. Wie 1990 stehen wir vor einem Scheideweg: Führt die Reise in die Expansion des Bestehenden? In eine erfolgreiche Stabilisierung des Alten, wo nur kleine Umweltschräubchen gedreht werden? Oder nutzen die Systeme ihre Erschütterung für einen echten Leitbildwechsel? 1989/90 gab es, wie jetzt, eine Vielzahl von Reformakteuren: Menschen, die neue Bewegungen bildeten, andere Modelle des Widerstands, der Arbeit, der Medien. Es war, wie Elske Rosenfeld sagt, die erste Revolution des 21. Jahrhunderts – ohne Programm, radikal basisdemokratisch. Sie beendete eine Diktatur und war auch eine Revolution gegen vergiftete Landschaften, die Erschöpfung der Erde durch den Menschen.
Wir sollten die neuen Bewegungen ernst nehmen
Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matter haben eine Generation später generationenübergreifende Proteste mobilisiert. Im Osten sind bürgerschaftliche, von der jungen Generation getragene Initiativen zur Geschichtsbefragung entstanden, die die alternative Realität, die kaum 30 Jahre zurückliegt, noch einmal neu und offen betrachten. Sie stellen Fragen wie die, wie man in Volkseigenen Betrieben eigentlich gearbeitet hat – oder welche Rolle die Gewerkschaften spielten.
Diese Sichtweisen sollten wir ernst nehmen. Wir brauchen einen neuen Blick auf unsere Geschichte, abseits des Blicks der Mehrheitsgesellschaft. Wir sollten langsam und freundlich anfangen, diese Geschichte selbst zu erzählen. Das geschieht in Alexander Osangs Reportagen, in den Büchern von Steffen Mau oder in den Graswurzelinitiativen, Podcasts und Twitterforen der jungen Ostdeutschen.
Auch die von Westdeutschen gern abfällig als „krawallig“ bezeichneten Proteste von Wolfgang Thierse oder Sahra Wagenknecht zählen dazu. Die bedenkliche Variante, darauf zu antworten, ist die Systemverachtung der AfD. Auch in ihr kommt ein Fiktionsbruch mit der Leiterzählung unseres Landes zum Ausdruck – ein Bruch mit der Erzählung, dass alle gleich seien, gleiche Chancen hätten, eine gleichwertige Stimme. All das hat man im Osten nach der Wende anders erlebt.
Westdeutsche Amts-Helfer in den neuen Ländern erhielten eine „Buschzulage“, vieles ging in den 90ern zu Bruch, Betriebe, Infrastrukturen, Beziehungen. Diese Kränkung ist bislang nicht Teil unserer Erzählung geworden. Bis heute befragt der Westen den Osten, sich selbst in dieser Hinsicht aber kaum. An diesem Punkt, am dem die Fiktion der Mehrheitsgesellschaft Risse bekommt, setzen die rechten Populisten an. Sie spalten das Land. Sie legen den Finger auf die neuralgischen Punkte des Fiktionsbruchs: den Mangel an Aushandlung, der im Osten nach 1990 stattfand, die verspielte Revolution, die als aufoktroyiert empfundenen Spielregeln des kosmopolitisch-ironischen Westens im pathetischen Osten. All diese Herabsetzungen machen sie zu „ihrer“ Sache.
Vom Potenzial der ostdeutschen Revolution von 1989, ihren alternativen Szenarien einer Wiedervereinigung, ihren Netzwerken in Osteuropa, ihren Reformvorschlägen und ihrem Verfassungsentwurf ist letztlich wenig in Erinnerung geblieben. Wir brauchen einen offenen Blick auf die Erfahrungen der neuen Länder, auf die Massenmigration von Ost nach West nach der Öffnung der Mauer, auf die Treuhand-Traumata, auf andere Formen von Malerei, Design, Architektur und Literatur und die neuen Fragestellungen, die dort vor 30 Jahren entstanden sind und immer noch entstehen.
Wir dürfen die Erfahrungen des Ostens nicht der AfD überlassen
Wenn an der jüngeren Geschichte nichts Positives bleibt außer sächsischem Bürgerfleiß, kehren viele Wähler eben zu noch Älterem zurück: Konzepten des Identitären. Aus ihnen strickt die populistische Rechte ihre neue nationale Erzählung, in deren Zentrum Sprache, Volk und Religion steht. Mit der DDR-Geschichte hat das wenig zu tun, mit den letzten 30 Jahren sehr viel. Dass ausgerechnet die AfD heute „Vollende die Wende“ sagt, ist eine bittere Ironie der Geschichte und macht deutlich, wie wichtig es ist, das auf Veränderung zielende Erbe der Revolution von 1989 sowie die komplexen Erfahrungen des Übernommen-worden-Seins nicht den Rechten zu überlassen. Es ist weniger Sachpolitik, mit der die AfD sich positioniert, als vielmehr Identitätspolitik, mit der sie geschickt Herausforderungen wie Generationengerechtigkeit, Migration oder soziale Ungleichheit kulturalisiert. Ihr Kulturkampf von rechts agiert heute wirkungsvoller als der von links nach 1968.
Unsere Leiterzählung vielstimmiger zu gestalten, ist wirklich das Einzige, was mir im Angesicht all dessen alternativlos erscheint. Die Ostdeutschen haben nicht weniger, sondern oft mehr und anderes gelernt als die Mehrheitsgesellschaft. Das verbindet sie mit den Wende-Denkerinnen und -Aktivisten der alten Länder. Die Pandemie hat nicht nur die Stabilisierungs-Schatulle des Finanzministers geöffnet, sondern auch das Denken. Das zeigt sich etwa in den Büchern von Maja Göpel, Bénédicte Savoy oder Eva von Redecker, die versuchen, die alte Dominanzgesellschaft zu verwandeln. Sozialpartnerschaftlich, aber auch im Hinblick auf Umwelt, andere Kulturen oder historische Erfahrungen und Kompetenzen, wie Migranten sie einbringen.
1990 wurden Entscheidungen grundlegender Art als alternativlos bezeichnet. Das hat sich in den Augen vieler Ostdeutscher, insbesondere im Hinblick auf die Treuhand, als falsch erwiesen. Auch heute gibt es Alternativen zur Klimapolitik, Wirtschaftspolitik, zu unserer Art, zu reisen oder mit der Pandemie umzugehen. Es ist doch erstaunlich, dass es für eine weltweite Pandemie, ebenso wie für die Wiedervereinigung, keinerlei Pläne gab. Niemand war vorbereitet.
Das Erste, was man damals wie heute in die Hand nahm, war Geld. Geld, das im Rückblick einfach immer zu wenig erscheint – für den „Aufbau Ost“ wie für den „Neustart Kultur“. Denn Geld an sich ist zu wenig. Wenn es nur ums Geld geht, stellt sich auch hier sofort eine ungute Verbindung zum Wort „alternativlos“ ein. Nimm es, sei still. So funktioniert Entwicklung nicht. Erste Hilfe funktioniert so. Sie ist wichtig und ich bin heilfroh, dass es sie gibt. Gegen die Angst vor dem Verlust von Arbeit und Sicherheit hilft das Stabilisierungsgeld, das Trostgeld, das Begrüßungsgeld. Aber langfristig stabilisiert und tröstet es nicht. Es ist Geld für ein wenig Ruhe, für erkaufte Atempausen in einer Zeit, wo die Ideen für Alternativen blühen. Und vielleicht geht da ja doch noch was.
Thomas Oberender wurde 1966 in Jena geboren. Er ist Autor und Dramaturg und seit Januar 2012 Intendant der Berliner Festspiele.


