Über Jahrzehnte war Deutschland der zentrale Gas-Knoten Europas: günstig versorgt, mit West und Ost vernetzt, industriepolitisch im Vorteil. Nord Stream machte das Land zum wichtigsten Verteiler russischen Pipeline-Gases in der EU.
Diese Rolle ist verschwunden. Während die Bundesrepublik heute mit hohen Energiepreisen und steigenden Produktionskosten ringt, verschiebt sich das Kräfteverhältnis langsam zugunsten von Ungarn. Neue Daten zeigen nun, wie stark sich die europäischen Gasströme inzwischen auf eine einzige Route konzentrieren, nämlich TurkStream.
Bruegel-Daten: Neue Lieferrekorde über TurkStream
Nach aktuellen Zahlen des europäischen Thinktanks Bruegel exportierte Russland im vierten Quartal 2025 insgesamt 5,065 Milliarden Kubikmeter Erdgas über die Pipeline TurkStream Richtung EU, vor allem nach Ungarn und in die Slowakei. Damit übertrafen die Lieferungen den bisherigen Höchstwert aus dem dritten Quartal um 0,349 Milliarden Kubikmeter – ein neuer Rekord innerhalb eines Jahres. Auf das Gesamtjahr gerechnet flossen 18,13 Milliarden Kubikmeter russischen Gases über TurkStream in die EU, so viel wie nie zuvor über diesen Korridor.

Zwar wird Deutschland weiterhin mit Erdgas beliefert, vor allem über norwegische Pipelines sowie über LNG-Importe an deutschen und benachbarten Terminals. Verändert hat sich jedoch die Funktion im System: Deutschland ist heute Endabnehmer in einem stark diversifizierten, aber kostenintensiven Importmodell – mit höheren Beschaffungs-, Netz- und Umlagekosten und damit einem klaren Standortnachteil für die Industrie. Die frühere Rolle als günstiger Transit- und Preisknoten existiert nicht mehr.
Niedrige Energiekosten: Ungarn lockt Bosch und Mercedes-Benz
Ungarn ist ebenfalls Endabnehmer – jedoch unter anderen Bedingungen. Das Land bleibt direkt an eine verbliebene Pipeline-Achse angebunden, mit stabilen Flüssen, hoher Netzauslastung und vergleichsweise niedrigen Systemkosten. Diese Struktur spiegelt sich in deutlich niedrigeren Energiepreisen wider. Laut dem letzten Strom-Report auf Basis von Eurostat-Daten lagen die Haushaltsstrompreise in Deutschland Ende 2025 mit durchschnittlich 38,3 Cent pro Kilowattstunde rund viermal so hoch wie in Ungarn.
Entsprechend investieren Industriekonzerne wie Bosch und Mercedes-Benz verstärkt in Ungarn oder verlagern einzelne Produktionsschritte dorthin. Wo Pipeline-Gas verfügbar bleibt und Strompreise niedrig sind, sinken die Kosten – und steigen Planungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Genau diesen kombinierten Kosten- und Strukturvorteil kann Deutschland derzeit kaum bieten.
TurkStream: Ungarns Rolle von Brüssel abhängig – Serbien hat die Spielkarten
Nach Informationen des ungarischen Energie-Portals Ceenergynews, die sich auf Angaben des ungarischen Netzbetreibers FGSZ stützen, ist Ungarns Gasnetz 2025 deutlich besser ausgelastet als die Netze in Nachbarländern – vor allem durch hohe Import- und Verbrauchsmengen über TurkStream. In Österreich und der Slowakei treiben dagegen unterausgelastete Netze die Tarife nach oben.
Offen bleibt allerdings, wie tragfähig diese neue Rolle Ungarns über den geplanten EU-Ausstieg aus russischem Pipeline-Gas hinaus ist. Brüssel will nämlich spätestens zum 1. November 2027 komplett aus russischem Pipeline-Gas und damit auch aus den TurkStream-Lieferungen aussteigen.
Anders als Ungarn agiert Serbien außerhalb dieser Logik. Belgrad hat den Liefervertrag über TurkStream zuletzt nur bis Ende März 2026 verlängert und vermeidet bewusst langfristige Festlegungen, um politischen und wirtschaftlichen Spielraum zu behalten. Analysten gehen dennoch davon aus, dass die südöstliche Gasroute auch über 2027 hinaus relevant bleiben könnte: Daniela Miccoli von Energy Aspects erwartet ab 2028 Gasflüsse von rund drei Milliarden Kubikmetern pro Jahr – etwa in Höhe des serbischen Inlandsbedarfs.



