Die deutschen Gasspeicher sind so leer wie selten zuvor: Nach Daten des europäischen Branchenverbands Gas Infrastructure Europe sind sie derzeit nur zu rund 20 Prozent gefüllt – der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt seit 2011.
Trotzdem fordert der Branchenverband Energy Traders Europe die EU auf, ihre Füllstandsvorgaben ab 2028 abzuschaffen, wie das Energie-Nachrichtenportal Montel News berichtet. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) setzt bei der Befüllung der Speicher weiter auf den Markt. Die niedrigen Füllstände führt sie auf die frühere Ampel-Regierung zurück: Deren Gasankäufe in der Energiekrise 2022 zu „extrem hohen Preisen“ seien zwar notwendig gewesen, hätten aber falsche Anreize gesetzt und Versorger auf staatliche Käufe vertrauen lassen.
Grafik: BLZ. Quelle: Gas Infrastructure Europe
Kürzlich wurde bekannt, dass die für den deutschen Gasmarkt verantwortliche Trading Hub Europe (THE) für den Zeitraum bis Mitte März zusätzliche Gasmengen als Sicherheitspuffer ausgeschrieben hat. Kostenpunkt: rund 60 Millionen Euro, die auf die Verbraucher umgelegt werden. Reicht der Markt allein also doch nicht aus, um die Speicher ausreichend zu befüllen?
Bundesregierung: Gas-Notreserve ist „rein präventiv“
Dass THE zusätzliche Gasmengen ausschreibt, ist nicht neu. Es ist üblich, dass sich der Marktgebietsverantwortliche zu Winterbeginn Zugriff auf Regelenergie (eine Art Notreserve, Anm. d. Red.) über sogenannte Long-Term-Options (LTO) sichert, also längerfristige Reserveverträge. Auch vor diesem Winter war das der Fall, als THE im Oktober 2025 Leistungen für die Monate Januar bis März ausgeschrieben hatte. Eine kurzfristige Sonderausschreibung zum jetzigen Zeitpunkt gilt allerdings als ungewöhnlich.
Angesichts der historisch niedrigen Füllstände betrachten einige Experten den Schritt von THE als Warnsignal für strukturelle Risiken in der Gasbeschaffung. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) bezeichnete die Maßnahme von THE zwar als „rein präventiv“ – einige Vertreter in der Gasbranche werteten den Eingriff hingegen als eine Notfallmaßnahme.
Marktdaten von THE zeigen, dass sich die Kosten für die Sicherung zusätzlicher Regelenergie in Summe auf knapp 60 Millionen Euro belaufen. Die Kosten betreffen zunächst nur das Vorhalten der Mengen; bei Abruf zahlt THE die üblichen Ausgleichspreise. Die Händler müssen das Gas an Speicher liefern – beispielsweise in Bayern, wo die Füllstände besonders niedrig sind.
Zusammen mit der Ausschreibung aus dem vergangenen Herbst steigen die Kosten für die Wintervorsorge auf insgesamt mehr als 100 Millionen Euro. Die Ausgaben werden von den Gasverbrauchern über eine spezielle Umlage finanziert. Trotzdem hält die Regierung an ihrem Kurs fest, bei der Gasversorgung dem Markt zu vertrauen. Zwar ist der Gasverbrauch in Deutschland wegen der milderen Temperaturen in den letzten Tagen gesunken. Allerdings gehen einige Meteorologen davon aus, dass der Winter im März noch einmal zurückkommen könnte – und mit ihm die Kälte. Ist das Vorgehen der Politik also zu riskant?

Schlecht befüllte Gasspeicher: Wirtschaftsministerium sieht „keine Notwendigkeit für Markteingriffe“
Das BMWE teilt auf Anfrage mit, man arbeite an einer Weiterentwicklung der Füllstandsvorgaben in Deutschland und der EU. Ein Gutachten zu Fragen des Gasmarktes sei beauftragt, die Ergebnisse würden derzeit ausgewertet. Zugleich betont die Ministeriumssprecherin: „Wir halten an unserer Linie fest und sehen keine Notwendigkeit für Markteingriffe.“ Die Wintervorsorge bleibe Aufgabe von Lieferanten und Händlern.
Als Problem im vergangenen Jahr nennt das BMWE fehlende wirtschaftliche Anreize. Der Sommer-Winter-Spread sei zu gering gewesen, um Speicher-, Betriebs- und Netzkosten zu decken. Inzwischen habe sich die Situation verbessert: „Für den nächsten Winter wurden bereits 60 Prozent der Speicherkapazitäten vermarktet – deutlich mehr als im Vorjahr.“

Trotz vergleichsweise niedriger Füllstände sieht die Bundesregierung keinen staatlichen Handlungsbedarf. Grund dafür sei unter anderem der „ständige Fluss von Gas und LNG“, so die Sprecherin. „Ein Eingreifen von THE mit einer Befüllung auf staatliche Anweisung würde enorme zusätzliche Kosten für Gaskunden beziehungsweise die deutschen Steuerzahler bedeuten.“ Bei den Ausschreibungen der LTO für Februar und März habe es sich allein um eine Ausschreibung der Netzbetreiber über THE gehandelt. Diese sei mit dem BMWE wie üblich abgesprochen, aber nicht vom Ministerium in Auftrag gegeben worden.
„Durch die Ausschreibung soll sichergestellt werden, dass auch in Hochlastszenarien lokale Regelenergiebedarfe gedeckt werden können.“ Diese Notreserven dienten dem Ausgleich von Ein- und Ausspeisungen im Sinne der Netzstabilität. „Es handelt sich dabei um eine rein präventive Maßnahme zur Sicherstellung von lokalen Regelenergiebedarfen in Hochlastszenarien – das ist nicht unüblich.“ Ob die Bundesregierung künftig eine staatliche Gasreserve einführen wird, wollte das Ministerium nicht kommentieren – ebenso wie die Frage, was eine solche Reserve Staat und Steuerzahler kosten könnte.
Deutscher Gasmarkt: „Das System hat sich bewährt“
Trotz der niedrigen Speicherstände geht THE derzeit nicht von einer Gefahr für die Versorgungssicherheit in Deutschland aus. „Mit der zusätzlichen Leistungsabsicherung wollen wir dennoch vorsorglich für etwaige Regelenergie-Situationen gerüstet sein“, sagt ein Sprecher. Dadurch könnten die benötigten Mindestleistungen aus Speichern für lokale Regelenergiebedarfe auch in Hochlastszenarien weiterhin bereitgestellt werden. Mit den Ausschreibungen werde ein zusätzlicher Anreiz geschaffen, Gasmengen am Speicher bereitzustellen.
„Das derzeitige System hat sich in den vergangenen Jahren bewährt“, betont der Sprecher weiter. Ungeachtet dessen werde derzeit diskutiert, wie das System zukünftig verändert werden kann. „Dies ist auch deshalb naheliegend, da das derzeitige System im Jahr 2027 auslaufen wird“, erklärt der THE-Sprecher. Bei der Neuregelung werde die Politik sicherlich Erfahrungen mit den bisherigen Regelungen und auch Erfahrungen aus dem laufenden Winter einfließen lassen.

Deutscher Speicherbetreiber fordert staatliche Gasreserve
Weniger entspannt zeigt sich EWE, einer der größten Speicherbetreiber in Deutschland. „Wir haben bereits im vergangenen Sommer darauf hingewiesen, dass das reale Risiko besteht, dass die Speicher vor dem Winter nicht hinreichend gefüllt sein werden“, betont ein Sprecher von EWE auf Anfrage. Grund dafür sei gewesen, dass die Speichernutzer keine wirtschaftlich tragfähigen Anreize zum Einspeichern gehabt hätten und der „Staat sich aus der Verantwortung“ genommen habe.
Zwar sei Deutschland wegen der neuen LNG-Importkapazitäten derzeit ausreichend versorgt, sagt der Sprecher weiter. „Trotzdem halten wir die Situation nicht für optimal.“ Mit Blick auf kommende Winter werbe EWE daher für die Einrichtung einer „strategischen Reserve, wie es sie beispielsweise in Österreich gibt“. Eine solche staatliche Reserve würde nur in absoluten Notsituationen aktiviert werden – somit bliebe die Integrität des Marktes grundsätzlich erhalten.
Auch aus der Opposition werden Forderungen nach einer Anpassung der Gasbeschaffung lauter. Die Grünen verlangen einen „Plan B“ für den Fall, dass Marktmechanismen nicht ausreichen. Die Linke hält es für „nicht angemessen“, sich allein auf Händler zu verlassen. Selbst aus den Reihen der Regierung gibt es Rufe nach einer strategischen Gasreserve. Der energiepolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Andreas Lenz, forderte vergangene Woche, die Prüfung einer solchen Reserve „jetzt schnell“ voranzutreiben. Die SPD hingegen sieht derzeit „keine Notwendigkeit für regulatorische Eingriffe“.
Der Druck auf die Bundesregierung wächst. Die Situation ist heikel: Ein staatlicher Eingriff kostet Geld und verzerrt den Markt. Zugleich zeigt dieser Winter, wie schnell Reserven bei anhaltender Kälte schwinden können. Das erhöht die Gefahr steigender Gaspreise aufgrund kurzfristiger und teurer Beschaffungsmaßnahmen. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Politik ihren Kurs bei der Gasversorgung anpasst – und entspannter in den nächsten Winter gehen kann.
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