Seit dem US-Angriff auf den Iran wird immer öfter von einem „perfekten Sturm“ gesprochen, wird der „schwarze Schwan“ gesucht – also ein unvorhergesehenes Ereignis, das einen Absturz auslöst. Spekulanten mit Insider-Wissen beschleunigen Entwicklungen. Irgendwann erreicht der Irrsinn dann auch Haushalte, Familien und die reale Wirtschaft.
Donald Trump hat mit seiner Rede am Donnerstag klargemacht, dass er nicht daran denkt zu deeskalieren. Der amerikanische Präsident kündigte an, den Iran in den kommenden Wochen „extrem hart“ zu treffen. Er machte damit die Hoffnung auf ein Ende des Kriegs im Nahen Osten zunichte.
Mehrere US-Geheimdienste sollen laut New York Times in den vergangene Tagen zu dem Schluss gekommen sein, dass die iranische Regierung nicht bereit sei, substanzielle Verhandlungen aufzunehmen. Trump sagte, Washington werde seine Kriegsziele „sehr bald“ erreichen. Und weiter in der ihm eigenen unflätigen Sprache: „Wir werden sie in den nächsten zwei bis drei Wochen extrem hart treffen. Wir werden sie in die Steinzeit zurückversetzen, dorthin, wo sie hingehören.“ Zugleich sagte er den amerikanischen Verbündeten, sie müssten „die Führung übernehmen“, um die Straße von Hormus wieder für Öllieferungen zu öffnen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erteilte der Forderung Trumps am Donnerstag postwendend eine Abfuhr. Es sei nicht möglich, die Straße mit militärischer Gewalt offenzuhalten, sagte Macron während eines Staatsbesuchs in Südkorea.
Trump hatte Macron zuvor beleidigt und gesagt, Marcon müsse sich noch immer von dem Faustschlag erholen, den ihm seine Frau verpasst hatte. Das Weiße Haus löschte das Video, das aber trotzdem seinen Weg in die Medien fand:
Ölpreis steigt nach Trump-Rede
Der Ölpreis reagierte prompt auf Trumps kriegerische Rede: Die internationale Referenzsorte Brent stieg im frühen asiatischen Handel um etwa 5 Prozent auf 106 Dollar pro Barrel. Am Abend stieg Brent um 7,8 Prozent.
Die Aktienmärkte gaben nach: Der japanische Topix-Index fiel um rund 1,2 Prozent, während Südkoreas Kospi um 3,8 Prozent absackte. Der Dax ging vor den Osterfeiertagen bei 23.168,08 Punkte aus dem Handel. Der deutsche Leitindex erholte sich damit etwas von den Verlusten am Morgen, hat aber seit Kriegsbeginn sechs Prozent verloren.
Der S&P-500-Index schloss mit einem Plus von 0,1 Prozent, nachdem er zuvor im Verlauf der Sitzung um etwa 1,5 Prozent gefallen war. Der Nasdaq 100 beendete den Handel mit 0,1 Prozent ebenfalls leicht höher und erholte sich damit ebenfalls von einem deutlichen Verlust. Der Tag zeigte, dass die Aktienmärkte in den kommenden Monaten staken Schwankungen unterliegen dürften.
Bitcoin und andere Kryptowährungen mussten Verluste hinnehmen.
Die unsichere geopolitische Entwicklung könnte schon sehr bald Auswirkungen auch für die privaten Haushalte haben. Auch wenn unklar ist, ob Trump wieder nur das Gegenteil dessen sagt, was die US-Regierung dann macht, so ist jetzt schon klar: Anders als bei Zick-Zack-Kurs in der Zollfrage kann die massive Störung der globalen Energie-Infrastruktur nicht mit einem Federstrich rückgängig gemacht werden.
Staaten sind überschuldet
Aktuell treffen nämlich viele Faktoren zusammen, die geeignet sind, Vermögen zu vernichten und Unternehmen in Schieflage geraten zu lassen. Die Lage ist deshalb kritisch, weil entscheidende Institutionen keinen Handlungsspielraum haben, um als Feuerwehr zu agieren.
Die meisten Staaten des Westens etwa sind überschuldet. Weil die Ölpreise die Inflation befeuern – in Deutschland ist sie innerhalb kürzester Zeit auf 2,5 Prozent gestiegen –, können die Zentralbanken die Zinsen nicht senken. Vor dem Iran-Krieg hatten Ökonomen erwartet, dass die Zinssätze schrittweise gesenkt werden. Sie waren davon ausgegangen, dass der Energiepreisschock von 2022, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, verarbeitet sein sollte. Nun prognostizieren einige sogar Zinserhöhungen. Anders als 2022 haben die meisten Staaten heute kaum noch Luft, um einen neuen Energiepreisschock abzufedern.
Viele private Anleger haben Aktien: Verluste drohen
In dieser Lage werden wiederum die Banken zurückhaltend, den Staaten Geld zu leihen. Erste Anzeichen von Verwerfungen sind auf dem Bond-Markt zu beobachten. Wenn die Zinsen hoch sind und die Risiken weiter zunehmen, dann drohen Abstürze an der Börse.
Die globalen Aktienmärkte haben in den vergangenen Wochen immer wieder Panikattacken gezeigt. Zeitweise Linderung gab es nur, weil Donald Trump mit wirren und widersprüchlichen Versprechungen die Börsen beeinflusst hat. Die Börsen sind vor allem in den USA längst kein Ort für Anlage-Profis und institutionelle Investoren: Der Anteil des Vermögens privater Haushalte in den USA, der in den Aktienmarkt investiert ist, ist auf knapp 40 Prozent gestiegen – gegenüber etwa 20 Prozent in den 2000er-Jahren und rund zehn Prozent im Jahr 1990. UBS-Chefökonom Arend Kapteyn hat ermittelt, dass bereits ein Rückgang des S&P 500-Index um 25 Prozent ausreichen würde, um die Finanzen der Haushalte so stark zu belasten wie während der Dotcom-Blase und der Finanzkrise 2008. Damals waren die Kurse doppelt so stark eingebrochen.
Hype um KI schlecht für die Börsen
Die hohen Ölpreise sind nicht nur wegen der Inflation schlecht. Sie können für Ärger sorgen, weil der jüngste Börsen-Hype der Künstlichen Intelligenz als Blase platzen könnte. Die für den Einsatz und die Entwicklung von KI unerlässlichen Datenzentren benötigen exorbitant viel Strom und Energie. Wenn die Preise steigen, müssen die KI-Unternehmen ihre Geschäftspläne überarbeiten. Die ohnehin schon immer rätselhaft hohen Profite werden abschmelzen, und mit ihnen die Bewertungen und vor allem die gute Laune der Investoren.
Private Schulden
Als Brandbeschleuniger einer globalen Krise könnte wirken, dass nicht nur die USA als Staat extrem verschuldet sind, sondern auch die privaten Haushalte in den Vereinigten Staaten. Dies stellt ein erhebliches Risiko für die US-Wirtschaft und in der Folge für die Weltwirtschaft dar. Man denke an die Subprime-Krise, die ihren Ausgang in den USA nahm und schließlich eine globale Finanzkrise auslöste. Die „beträchtliche Größe“ des Marktes und sein „inhärenter Mangel an Transparenz“ hätten Private Credit zu „einem Risiko für die Finanzmärkte“ gemacht, erklärte die DZ Bank in ihrem am Dienstag veröffentlichten Jahresbericht.
Blue Owl Capital: Investoren trauen Anlage nicht mehr
Es gibt erste Anzeichen von Panik in diesem Segment. Die auf Private Credit spezialisierte Investmentgesellschaft Blue Owl Capital sah sich im ersten Quartal mit einem gewaltigen Anstieg an Rücknahmeanträgen konfrontiert. Wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte, haben Investoren versucht, rund 5,4 Milliarden US-Dollar aus zwei seiner wichtigsten Fonds abzuziehen. Die Investoren hätten Zweifel an der Sicherheit der Anlageklasse und an der zentralen Rolle des Unternehmens geäußert. Andere große Anbieter von Private Credit haben die Rücknahmen aus einzelnen Fonds eingeschränkt, da Investoren versuchten, Geld abzuziehen. Private Credit finanziert viele mittelgroße Unternehmen, die sich im Besitz von Private-Equity-Gesellschaften befinden. Die Europäische Zentralbank wird eine neue Runde von Prüfungen bei den von ihr beaufsichtigten Banken einleiten. Zu den großen Kreditgebern gehören die Deutsche Bank und die Société Générale. Sie sehen noch kein „systemisches Risiko“ in ihren Büchern.
