Mobilität

Elektro-Lkw-Boom in China: Warum deutsche Spediteure jetzt Alarm schlagen

In China zeigen neue Daten den enormen Hochlauf von E-Trucks. In Europa und Deutschland stellt der Markt bislang noch eine Nische dar. Muss sich das ändern?

Lkw von Daimler gibt es auch als E-Variante. Nur stockt der Verkauf in Europa noch stark.
Lkw von Daimler gibt es auch als E-Variante. Nur stockt der Verkauf in Europa noch stark.imago/Hollandse Hoogte

Die weltweite Transportbranche erlebt gerade eine Welle, die viele überrascht: In China steigen die E-Lkw-Zulassungen sprunghaft — und könnten die globalen Märkte und damit auch Europa und Deutschland tiefgreifend verändern. Das zeigt ein aktueller Bericht des in Peking ansässigen Truck-Datenunternehmen Commercial Vehicle World, den die US-Nachrichtenagentur AP analysiert hat.

Noch vor wenigen Jahren war Chinas Markt für schwere Lkw ein Diesel-Monopol. Laut dem Bericht waren 2020 praktisch alle neu zugelassenen Lastwagen mit Dieselmotor unterwegs. Nur fünf Jahre später sieht die Bilanz ganz anders aus: Bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2025 waren 22 Prozent aller neu zugelassenen schweren Lkw elektrisch angetrieben, nachdem der Anteil im Vorjahr bei 9,2 Prozent lag. Analysten erwarten, dass der Anteil bis Ende 2025 auf 46 Prozent steigen könnte — und 2026 womöglich sogar auf 60 Prozent. In Deutschland verläuft die Elektrifizierung der LKW-Flotten hingegen bislang schleppend. Verpennt die Bundesrepublik erneut eine Chance?

Deutsche Logistikbranche schlägt Alarm: nur 0,4 Prozent der Lkw elektrisch

Laut dem Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) liegt der Anteil elektrisch betriebener schwerer Lkw in Deutschland derzeit bei etwa 0,4 Prozent. Wie Vorstandssprecher Dirk Engelhardt auf Anfrage der Berliner Zeitung klarstellt, ist das für einen echten Klimaeffekt deutlich zu wenig – gerade bei schweren Lkw könne auf langen Strecken mit hohem Energieverbrauch der Umstieg auf Elektroantrieb einen Unterschied machen.

„China macht Tempo – aber selbst dort stößt die Elektrifizierung der Langstrecke an klare Grenzen“, sagt Engelhardt. „Das zeigt: Der E-Lkw ist ein wichtiger Baustein, aber nicht die alleinige Lösung.“ Nur mit grünem Strom, verlässlichen Ladepunkten und Energiepreisen, die für mittelständische Betriebe tragbar seien, könne die Antriebswende zur CO₂-Reduktion beitragen. Der BGL-Vorstandssprecher betont: „Was wir brauchen, ist der schnelle Ausbau einer flächendeckenden Mega-Charger-Infrastruktur und ein verlässlich günstiger Transportstrompreis.“

Solange ein Ladevorgang teurer sei als eine Diesel-Tankfüllung und die Ladeinfrastruktur in Deutschland praktisch nicht existiere, so Engelhardt, werde der E-Lkw „kein Business-Case“.

In einem CATL-Werk im Süden Chinas werden Lithium-Batterien für Elektroautos für die Auslieferung vorbereitet.
In einem CATL-Werk im Süden Chinas werden Lithium-Batterien für Elektroautos für die Auslieferung vorbereitet.AFP

China sieht in E-Trucks nur Vorteile

Der rasante Wandel in China hat mehrere Ursachen: Laut AP fallen Elektro-Lkw in China über ihre Lebensdauer deutlich günstiger aus – trotz höherer Anschaffungskosten. Der Grund sei, dass Strom billiger als Diesel ist und sich das langfristig rentiert.

Hinzu komme eine deutlich schnellere Infrastrukturentwicklung als in vielen anderen Ländern: In Metropolen wie Peking oder Shanghai entstehen Schnelllader-Hubs, in Logistikregionen wie dem Yangtse-Delta würden Ladeparks entlang wichtiger Transportkorridore gebaut. Einige Hersteller setzen demnach auf Wechselakku-Stationen: So habe der weltweit größte Batteriehersteller CATL ein landesweites Netz angekündigt, mit dem der Akku eines 40-Tonners binnen Minuten ausgetauscht werden könne – was lange Ladezeiten vorbeuge, analysieren die AP-Autoren.

China senkt mit der Verbreitung von E-Lkw zudem seinen Dieselverbrauch drastisch. Schon 2024 fiel der Dieselbedarf um elf Prozent – der stärkste Rückgang seit 2021. Analysten warnen, dass China mit seiner schieren Marktgröße damit den globalen Dieselmarkt deutlich beeinflussen könnte.

Europa hängt bei Elektrifizierung der Trucks hinterher

Der Blick nach Europa zeigt ein ganz anderes Bild. Laut aktuellen Zahlen des europäischen Mobilitätsverbandes ACEA waren in der EU im ersten Halbjahr 2025 nur etwa 3,6 Prozent der neu zugelassenen Lkw elektrisch.

Selbst in relativen Vorreiterländern wie den Niederlanden oder Schweden bleibt der Anteil gering. Und trotz der grundsätzlich zunehmenden Nachfrage: Die Zahl der Neuzulassungen schwerer E-Lkw wächst, aber deutlich langsamer als in China.

Vor diesem Hintergrund befürchtet eine wachsende Zahl europäischer Branchenvertreter, dass die EU-Anstrengungen zur Dekarbonisierung des Güterverkehrs nicht ausreichen könnten, um mit dem Tempo Chinas mitzuhalten.

Deutsche Hersteller geraten zunehmend unter Druck, ihre Strategie in Europa völlig neu auszurichten. Sonst droht Deutschland bei der Mobilitätswende noch weiter abgehängt zu werden.

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