Mode ist in Friedenszeiten oft ein Spiegel des Zeitgeists, ein Spiel mit Ästhetik und Konsum. In der Ukraine jedoch hat sie längst eine andere Funktion angenommen: Sie ist Ausdruck von Trotz, Widerstandskraft und Lebenswillen.
Vom 12. bis zum 15. März 2026 zeigte die 58. Saison der Ukrainian Fashion Week mit den Herbst/Winter-Kollektionen 2026/27 in Kiew, wie eng Kreativität und Resilienz miteinander verwoben sein können. Unter Bedingungen, die jede Form von Planung infrage stellen, wurde Mode hier zur kulturellen Selbstbehauptung.
Ursprünglich früher terminiert, musste die Saison aufgrund anhaltender Angriffe auf die Energieinfrastruktur verschoben werden. Dass sie dennoch stattfinden konnte, wirkt wie ein logistischer Kraftakt – und wie ein bewusstes Signal. Mehr als 40 ukrainische Labels präsentierten ihre Kollektionen in Shows, Installationen und Präsentationen.

Für Iryna Danylevska, Gründerin und CEO der Plattform, geht es längst um mehr als Kleidung: „Heute schaffen ukrainische Designer weit mehr als nur Modekollektionen – sie schreiben ein neues Kapitel für die ukrainische Modeindustrie, sichern ihre Weiterentwicklung im eigenen Land und festigen zugleich ihren Platz in der globalen Fachwelt.“

Die Kollektionen selbst spiegelten diese Vielschichtigkeit. Poustovit etwa eröffnete mit leichten, fast schwebenden Silhouetten aus Chiffon, durchzogen von floralen Motiven. Dem gegenüber standen die klar konturierten, körperbetonenden Entwürfe von J’amemme, deren Lederarbeiten in tiefen Bordeauxnuancen Stärke und Kontrolle inszenierten.

Bei Sidletskiy wurde Mode zur Architektur: scharf gesetzte Schultern, komplexe Layerings, eine reduzierte Farbpalette. Und mit dem Newcomer Serotoninn fand auch eine rohe, punkige Energie ihren Platz – ein bewusster Bruch mit Konventionen.

Wie sich diese Atmosphäre anfühlt, beschreibt Elena Guranda, Designerin des gleichnamigen Labels, eindrücklich. Die Stimmung sei „zutiefst emotional und bedeutungsvoll“, geprägt von Zusammenhalt und einem gemeinsamen Ziel. Es gehe nicht mehr nur um Mode, sondern um Identität und die Fähigkeit, Kreativität selbst unter extremen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Ihre eigene Show, die zugleich das zehnjährige Bestehen ihres Labels markierte, sei von Stolz, Verantwortung und Dankbarkeit begleitet gewesen. Eine Kollektion zu präsentieren, so Guranda, sei heute ein Akt der Kontinuität – und ein Mittel, die eigene Stimme international hörbar zu machen.


