Interior

Design We. Love Weimar: Designmöbel und modernes Wohnen zwischen Bauhaus und Klassik

Weimar als Bühne für klasse Design: Mark Pohl verbindet Bauhaus-Spirit, Vintage und Unternehmergeist zu einem Konzept, das zeigt, wie Wohnen zum Erlebnis wird.

Mark Pohl vor seinem Ladengeschäft in der Schützengasse 6
Mark Pohl vor seinem Ladengeschäft in der Schützengasse 6Karoline Krampitz

Alles begann auf einer Theaterbühne. Zehn Jahre lang stand Mark Pohl dort als Schauspieler – bis er merkte, dass seine Gedanken sich immer häufiger um die Kulisse drehten statt um seinen Text. „Mich hat irgendwann das Bühnenbild mehr interessiert als die Charakterisierung von Figuren“, sagt er – der Anfang einer neuen Berufung. Um in einem Atemzug aufzuzählen, was Pohl alles macht, muss man tief Luft holen:

Er ist Gründer, Wohnberater, Vintage-Händler, Produktentwickler, Markenbotschafter für Weimar – und Betreiber von sechs Ferienwohnungen, einem Store, einem Onlineshop, einem Showroom und einer eigenen Marke.

Nebenbei hat der 49-Jährige ein Patent angemeldet und dreht morgens Reels für Instagram mit Interior-Tipps, wo ihm über 24.000 Menschen folgen. Unterstützung bekommt er von Mitgründer Udo Jörke, der die Finanzen im Blick behält, und einem Team von bis zu acht Personen – von Verkauf über Lagerlogistik bis Marketing. All das wird  unter einem Namen gebündelt: Design We.Love – Design, das wir lieben. Oder auch: Design, das Weimar liebt.

Die Ferienwohnung in der Fuldaer Straße lockt auf 110 Quadratmetern mit skandinavisch-minimalistischer Gemütlichkeit.
Die Ferienwohnung in der Fuldaer Straße lockt auf 110 Quadratmetern mit skandinavisch-minimalistischer Gemütlichkeit.Karoline Krampitz

Vom Rhein nach Leipzig, von Leipzig nach Weimar

Aufgewachsen am Rhein, zog es Pohl schon früh in den Osten. Nach dem Zivildienst stand fest: Schauspiel sollte es sein – und zwar an einer ostdeutschen Schule. Diese boten in den Neunzigern aus seiner Sicht die beste Ausbildung. Seine Wahl fiel auf die Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, weniger wegen des Curriculums als wegen der Stadt.

Leipzig war für Pohl damals ein einziger Möglichkeitsraum: leer stehende Villen, wilde Partys, Aufbruchsstimmung an jeder Ecke. Ost-West-Debatten hätten keine Rolle gespielt. „Es war neu, es war die Zukunft, es war einfach nur wild“, sagt er. In dieser Zeit lernte er den Osten kennen, den er bis heute liebt – und nie wieder verlassen will.

„Bold“ – also „auffällig“ – trifft zweifellos auf den violetten Polsterstuhl zu. Dahinter steht das 2004 im schweizerischen Lausanne gegründete Designerstudio Big Game.
„Bold“ – also „auffällig“ – trifft zweifellos auf den violetten Polsterstuhl zu. Dahinter steht das 2004 im schweizerischen Lausanne gegründete Designerstudio Big Game.Design We.Love

Schlechte Hotelzimmer, gute Geschäftsidee

2001 zog er nach Weimar, spielte Theater und Film und war viel unterwegs. Eingebucht wurde er meist dort, wo Kreativität oder Wohlfühlatmosphäre eher Mangelware waren: abgelebte Hotels, beliebige Ferienwohnungen. Räume, die mit gutem Geschmack ungefähr so viel zu tun hatten wie eine Autobahnraststätte mit Sterneküche. Pohl, selbst Fan von Apartments und Boutique-Hotels, suchte vergeblich nach Alternativen. Also schuf er sie selbst.

2012 entwickelte er die Design-Apartments Weimar: Ferienwohnungen, eingerichtet mit Designklassikern und Vintage-Stücken. Keine musealen Räume, sondern Orte, die sich wie ein zweites Zuhause anfühlen und zeigen, wie man mit guten Möbeln lebt. Gedacht zunächst für Künstler, wurde schnell ein breiteres Publikum aufmerksam. Über Instagram kamen Designinteressierte, Lifestyle-Touristen und Neugierige. Auch Schauspielerin Nora Tschirner wohnte während ihrer Zeit als „Tatort“-Kommissarin dort.

Testen, wohnen, kaufen – ein patentiertes Konzept

Schnell merkte er, dass Gäste wissen wollten, woher die Möbel stammen – immer wieder dieselben Fragen. Also machte Pohl ein Geschäftsmodell daraus: Er legte iPads in die Wohnungen und baute einen Onlineshop auf. Das Prinzip ist einfach: Man erlebt, was man mag, und bestellt es direkt. Wenn die Gäste nach Hause zurückkehren, wartet die Einrichtung bereits auf sie. Für dieses Konzept meldete Pohl sogar ein Patent an.

Daraus entwickelte sich der Onlineshop – heute das wirtschaftliche Rückgrat des Unternehmens mit über 20.000 Kunden pro Jahr. Im Sortiment stehen Marken wie Ferm Living, HAY, String Furniture oder HKLiving – ergänzt durch Vintage-Funde und eigene Produkte.

Zarte Pastelltöne und große Fenster laden Licht und Leichtigkeit in die Altbauwohnung ein.
Zarte Pastelltöne und große Fenster laden Licht und Leichtigkeit in die Altbauwohnung ein.Karoline Krampitz

2019 folgte der nächste logische Schritt: ein Ladengeschäft in Weimar. Viele Kunden kamen längst aus der Stadt selbst, konnten bisher aber nur online kaufen. Diese Lücke wurde mit der Anlaufstelle in der Schützengasse 6 geschlossen. Die gesamte Logistik läuft heute über ein 400 Quadratmeter großes Lager nahe Weimar.

Made in Thüringen

Neben dem Handel bietet Pohl eigene Entwürfe an, die in Zusammenarbeit mit lokalen Manufakturen und Handwerkern entstehen: Kissen, Schurwolldecken, Holzarbeiten, Kerzen, Porzellanvasen oder Schneidebretter. Produziert wird ausschließlich in Thüringen. Die Idee dahinter ist klar: die eigene Reichweite nutzen, um regionales Handwerk sichtbar zu machen und Arbeitsplätze zu sichern.

Aus diesem Antrieb heraus sicherte sich Pohl nach der Schließung der Weimarer Porzellanmanufaktur auch die Rechte an den Vasen des Designers Georg Küspert. Heute werden sie in Rudolstadt weiterproduziert – Designgeschichte, die ohne Pohl verschwunden wäre. Eigene Möbel sind der nächste Schritt. Noch bremsen hohe Produktionskosten in Deutschland. „Das braucht sehr viel Zeit und sehr viel Investitionskapital“, so der Unternehmer. Aufhalten lässt er sich davon nicht.

Vintage statt Fast Interior

Ein weiteres zentrales Thema für Pohl ist Vintage. Über Händlernetzwerke, Flohmärkte, Ebay-Kleinanzeigen und persönliche Kontakte findet er Möbel mit Geschichte. Zwei Handwerksbetriebe bereiten sie auf – ein Tischler, eine Polsterei. Seine Haltung ist klar: gegen „Fast Interior“, gegen schnellen, beliebigen Konsum. Vintage ist nachhaltiger und oft auch wertstabil. Ein Klassiker von Thonet, Tekta oder Vitra bleibt, während Billigmöbel schnell im Müll landen.

In der Beratung bringt er es auf den Punkt: „Wohnen ist immer ein Blick in die Seele. Wir wohnen so, wie wir uns selbst sehen.“ Ein Ansatz, den er selbst lebt. Seine Wohnung ist ein eklektischer Mix, ständig im Wandel. Freunde, die regelmäßig zu Besuch kommen, würden bei ihm nicht selten auf einem anderen Stuhl landen, als noch Monate zuvor.

Der Lounge-Stuhl aus Rattan und Holz ist angelehnt an Designklassiker der späten 50er-Jahre von Pierre Jeanneret, nun in die Gegenwart geholt von Detjer.
Der Lounge-Stuhl aus Rattan und Holz ist angelehnt an Designklassiker der späten 50er-Jahre von Pierre Jeanneret, nun in die Gegenwart geholt von Detjer.Design We.Love

Bauhaus-Stadt mit italienischem Flair

Neben Pohls persönlichem Bezug zu Weimar ist der Standort auch wegen seiner  Designgeschichte ein spannender Platz: Die Stadt verbindet Bauhaus-Tradition mit lebendiger Gegenwart. Die Bauhaus-Universität bildet bis heute Designer aus, mit deren Absolventen Pohl eng zusammenarbeitet. Für Pohl ist das Bauhaus vor allem eines: ein praktischer Ansatz. Gestaltung hört nicht beim Entwurf auf, sondern reicht bis zur Herstellung und zur Nutzung im Alltag. Gute Produkte entstehen dort, wo Designer, Handwerk und Anwendung zusammengedacht werden. Genau dieses Verständnis prägt auch die Arbeit bei Design We.Love – von den Apartments bis zum Shop.

Und dann ist da noch das Weimarer Lebensgefühl. Nach über 20 Jahren fühlt sich Weimar für Pohl immer noch wie Urlaub an. Kurze Wege, viel Kultur, Altbau, farbige Fassaden. Manche sprechen von italienischem Flair – vielleicht, so Pohl, ein Nachhall von Goethes Italienreise.

Die Wiederentdeckung von Ostdesign

Parallel beobachtet er eine neue Aufmerksamkeit für DDR-Design. Hellerau-Möbel, Chromleuchten aus Halle, Kunststoffmöbel der Space-Age-Ära. Lange unterschätzt, erleben sie gerade eine Renaissance. Ein Grund für die späte Anerkennung liegt in der fehlenden Sichtbarkeit der Gestalter. In der DDR standen selten Designer-Namen im Vordergrund. Anders als im Westen, wo Persönlichkeiten wie Charles Eames ganze Epochen prägten, blieben viele Entwürfe anonym.

Das ändert sich nun. „Es entsteht ein neues Ost-Vintage“, sagt Pohl. VEB-Produkte werden neu entdeckt, der Space-Age-Trend bringt die Sechziger und Siebziger zurück. Mit Design We.Love will er diese Entwicklung mitgestalten.

Mark Pohl hat die Theaterkulisse hinter sich gelassen – und doch ist sie noch da. Wie ein Bühnenbild, so Pohl, erzählt jeder Raum eine Geschichte, erzeugt Stimmung und lenkt den Blick. Ob minimalistisch und klar oder farbenfroh und verspielt – jede Einrichtung transportiert eine Haltung, eine Emotion, ein Bild von sich selbst. Wohnen als Inszenierung des eigenen Lebens.

Design We.Love. Schützengasse 6, 99423 Weimar. Weitere Informationen unter designwe.love