Die cognacfarbene Lederjacke sieht abgewetzt aus, fleckig, speckig und abgegriffen – wie ein Erbstück von Opa oder ein nostalgisches Andenken an die Jugendjahre, ein treuer Begleiter, der als Erinnerung aufbewahrt wird. Und dabei ist sie nagelneu. Und hat einen stolzen Preispunkt von 5800 Euro. Die Rede ist von einem Miu-Miu-Lederblazer aus der kürzlich vorgestellten „Making of Old“-Linie.
Von Handtasche über Lederstiefel bis Lederrock – all das wird hier in aufwendiger Handarbeit künstlich altern gelassen: gebürstet, zerknittert, besprüht und gewachst, um einen Patina-Effekt zu erzeugen. Das hat seinen Mehrpreis: So kostet eine Handtasche des Modells „Wander“ im abgenutzten Look mit 2450 Euro noch einmal mehr als das reguläre Modell für 2300 Euro. „Abnutzungserscheinungen werden zu charakteristischen Merkmalen, die die Einzigartigkeit eines jeden Modells betonen“, heißt es auf der Website des Luxuslabels.

Miu Miu ist kein Einzelfall. Bei der Show von Chanel für Frühjahr/Sommer 2026 bekam selbst die berühmte „2.55“-Handtasche einen demolierten Look verpasst, der an einen Unfall mit Totalschaden erinnert. „Die einzigartige Behandlung des Leders und die Form erinnern an verstrichene Zeit“, heißt es in der Produktbeschreibung online hochgestochen.
Plötzlich ist also begehrenswert, was lange Zeit als Makel galt – zumindest in den gepflegten Sphären des Luxus: Gebrauchsspuren. Patina. Das leicht Kaputte. Während die High Fashion sie nun mühsam inszeniert, können Berliner nur müde abwinken. Hier kennt man den Used Look schon lange, schließlich ist er seit jeher Teil der DNA der Stadt.
Berlin konnte das schon immer
„Arm, aber sexy“ – mit diesem legendären Satz spielte der damalige Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit zwar auf die wirtschaftliche Lage der Stadt an, er beschreibt aber auch äußerst treffend die typische Berlin-Ästhetik. Abgewetzte Jeans, ausgebeulte Bikerjacken, verwaschene Hemden – die Geburtsstunde dieses Looks liegt womöglich schon in der Nachkriegszeit, definitiv aber in der Punk- und Hausbesetzer-Szene.
Während der Teilung zog das isolierte West-Berlin Studenten, Künstler und Aussteiger an, die aus dem Mangel eine Tugend machten: Secondhand statt Boutique, Flohmarkt statt Designerladen – nicht nur aus Geldgründen, sondern auch als bewusste Absage an bürgerliche Hochglanzästhetik. Diese Haltung erreichte mit der Berliner Punkbewegung der 80er-Jahre ihren Höhepunkt. Der bewusst kaputte Look – zerrissene Kleidung, Lederjacken, Sicherheitsnadeln – wurde damit endgültig zu einem ästhetischen Statement, das bis heute eng mit der Stadt verbunden ist.

Es ist jedoch kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt plötzlich Alterserscheinungen zelebriert werden – und das in einer Branche, die seit Jahren penetrant Jugend und Makellosigkeit zum Idealbild erklärt hat. Dahinter steckt zum einen der Boom von Secondhand-Kleidung – ein stetig wachsender Milliardenmarkt. Laut dem Online-Monitor 2025 des Handelsverbands Deutschland ist der Second-Hand-Markt online im Jahr 2024 um rund sieben Prozent auf 9,9 Milliarden Euro angewachsen. Längst konkurrieren Modemarken mit Secondhand-Plattformen wie Vinted oder Vestiaire Collective. Gebrauchte Mode ist entstigmatisiert, und Patina prägt das Stadtbild, das nun Luxusmarken inspiriert.
Patina als ultimatives Statussymbol
Hinzu kommt, dass in Zeiten von künstlicher Intelligenz, Schönheitsfiltern und Operationen Perfektion und Makellosigkeit zunehmend gewollt und fake wirken. Fälschungen sind längst so gut, dass Laien sie kaum noch von Originalen unterscheiden können. All das führt zu einem Zeitgeist, in dem Gebrauchsspuren zum neuen Maßstab für Authentizität werden.
Zerbeulte Luxus-Handtaschen strahlen eine Old-Money-Ästhetik aus, die mit einer gewissen Überlegenheit einhergeht: Man schmückt sich zwar mit Designerteilen, hat es aber nicht nötig, besonders auf sie zu achten. Eine Disziplin, die kaum jemand so gut beherrschte wie Stilikone Jane Birkin, die Namensgeberin der Luxus-Handtasche schlechthin: der Hermès Birkin Bag.
Sie behandelte ihre Birkin Bag berühmt-berüchtigterweise schlecht: stopfte sie bis oben voll, beklebte sie mit Stickern, schmückte sie mit Anhängern. Fortgesetzt wurde diese Mentalität von Mary-Kate Olsen und Ashley Olsen in den 2000er-Jahren. Die Schauspieler-Zwillinge machten sich einen Namen mit ihrem lässig-schicken Streetstyle – inklusive zerbeulter und zerkratzter Birkin Bags in der Armbeuge.

Nach Jahren, in denen Mode mit Fast Fashion zum Wegwerfobjekt wurde und ständig neue Trends die Lebensdauer von Kleidung drastisch verkürzt haben, wirkt der Used Look fast wie ein stiller Hilferuf nach Beständigkeit: einem treuen Begleiter, der von jahrelangen gemeinsamen Erlebnissen gezeichnet ist. Was strahlt schließlich mehr Selbstbewusstsein aus als ein charakteristischer Look? Wer jahrelang dieselbe Lederjacke oder Handtasche trägt, lebt nicht nur nachhaltiger, sondern hat auch sich und seinen Stil gefunden.
Das Paradoxe am künstlichen Used Look ist natürlich, dass er versucht, Authentizität und Ungezwungenheit auszustrahlen, dabei aber selbst ziemlich fake und inszeniert ist. Wie lange diese künstlich gealterten Teile im schnellen Trendkreislauf überleben, ist also fraglich. Immerhin sehen sie jetzt schon ziemlich alt aus.


