Epstein-Akten

Epstein mit Mandelson und Andrew: Das Grauen im Bademantel

Drei Männer sitzen zusammen, zwei davon im Bademantel. In einer idealen Welt ein Symbol für Entspannung. Wären es nicht Epstein, Peter Mandelson und Ex-Prinz Andrew.

Das neu veröffentlichte, undatierte Foto zeigt Andrew Mountbatten-Windsor und Lord Peter Mandelson mit Sexualstraftäter Jeffrey Epstein
Das neu veröffentlichte, undatierte Foto zeigt Andrew Mountbatten-Windsor und Lord Peter Mandelson mit Sexualstraftäter Jeffrey EpsteinHANDOUT

Der Bademantel ist das textile Versprechen, dass die Welt draußen warten kann. Wer ihn trägt, hat sich entschieden: für Ruhe, für Wellness und Entspannung. In Hotels hängt er am Haken wie eine stumme Verheißung. Doch durch Enthüllungen der jüngeren Geschichte erhält er einen ganz besonders bitteren Beigeschmack.

Denn aufgrund einiger mächtiger Männer erzählt dieses Kleidungsstück nun eine andere Geschichte. Es ist die Geschichte von Harvey Weinstein, der Schauspielerinnen in Hotelzimmern im Bademantel empfing – angeblich zu Drehbuchgesprächen. Produzentin Louisette Geiss berichtete, wie Weinstein den Raum verließ und im Bademantel zurückkam, sich vor ihr entblößte und sie aufforderte, ihm beim Masturbieren zuzusehen. Ashley Judd beschrieb, wie er sie im Bademantel fragte, ob sie ihm beim Duschen zuschauen wolle.

Es ist die Geschichte von Dieter Wedel, die 2018 ans Licht kam. Der deutsche Regisseur bedrängte im Bademantel bereits in den 90er-Jahren eine Schauspielerin in seinem Hotelzimmer. Es ist die Geschichte von Charlie Rose, dem US-Starjournalist, dem vorgeworfen wird, vor Mitarbeiterinnen im Bademantel erschienen zu sein und sich anschließend entblößt zu haben.

Der Bademantel als symbolische Gewalt

Und es ist die Geschichte dieses Fotos: Jeffrey Epstein in Hose und Shirt mit dem ehemaligen britischen Botschafter Peter Mandelson und Ex-Prinz Andrew Mountbatten-Windsor in Bademänteln. Drei Männer in der Uniform der Entspannung. Wenn man nicht erahnen könnte, was danach oder davor geschah.

Der Bademantel funktioniert als Waffe, weil er so harmlos aussieht. Er markiert den Übergang vom Professionellen ins Private, vom Unangenehmen ins Übergriffige. Er normalisiert die Intimität – wer protestiert, macht sich lächerlich. „Es ist doch nur ein Bademantel“, lässt sich dann noch sagen, Gaslighting in textiler Form. Er bietet dem potenziellen Täter perfekte Abstreitbarkeit.

Dabei ist die Strategie präzise: Erst die Einladung in den privaten Raum, unter einem Vorwand. Dann der Bademantel, der die Regeln der normalen Welt außer Kraft setzt. Das Frottee ist die letzte Grenzverschiebung, die noch gerade als harmlos dargestellt werden kann – und genau deshalb die gefährlichste.

Der Soziologe Pierre Bourdieu hätte darin eine besonders brutale Form symbolischer Gewalt erkannt: die Verwandlung eines Machtgefälles in eine scheinbar „natürliche“ Situation, der sich das Opfer kaum entziehen kann, ohne die eigene Karriere zu gefährden.

Denn heute wissen wir, was auf Epsteins Insel geschah, wenn die letzte zivilisatorische Hülle fiel: Wir kennen die Aussagen der Überlebenden, die Gerichtsurteile, die Flugprotokolle, die Massagetische. Und so wird das Foto zu etwas anderem: zu einem Hinweis auf eine Komplizenschaft, des geteilten Raums, der gemeinsamen Uniform. Ob Mandelson wusste, was in diesen Räumen geschah, ist Gegenstand laufender Debatten. Aber dieses Bild wird er nicht mehr los.

Kleidung als zivilisatorische Hülle

Bei den Weinsteins und Epsteins dieser Welt lauert unter dem Bademantel das Raubtier, das sein Opfer eiskalt kalkuliert in Sicherheit wiegt und dann angreift. Eine Lage Frottee trennt die Fassade des respektablen Mannes vom Primitiven, der dahinter lauert.

Das Tragische ist die Vergiftung des Harmlosen. Für die Frauen, die hinter verschlossenen Türen das Grauen erlebt haben, ist der Bademantel kein neutrales Stück Stoff mehr. Derselbe Bademantel, der im Spa Geborgenheit bedeutet, wurde im Hotelzimmer eines Mächtigen zum Vorboten des Übergriffs.

Drei Männer in entspannter Atmosphäre, zwei davon im Bademantel. In einer besseren Welt wäre das ein Schnappschuss aus dem Wellnessurlaub. In unserer Welt ist es ein Dokument – ein Bild, das die Frage stellt, wie dünn die Schicht zwischen Zivilisation und Abgrund wirklich ist.