Dass Berlin ein Sammelbecken unterschiedlichster Lebensstile und -entwürfe ist, ist jedem klar, der die Stadt einmal besucht hat oder täglich in ihr lebt. Die Laufstege am zweiten Tag der Berlin Fashion Week spiegelten diese Vielfalt wider.
Manche Designs stimmten nachdenklich, manche fröhlich, wieder andere machten einfach Spaß. Genau das sollte in besten Falle Mode leisten. Lesen Sie hier, was sich die Designerinnen und Designer Nowrubi, Marke, William Fan, Andrej Gronau und Lou de Bétoly für die Herbst-Winter-Saison 2026/27 ausgedacht haben.
Nowrubi: Erwachsenwerden auf dem Laufsteg
Die Herzen schlugen höher, als am Samstagnachmittag die erste offizielle Show von Ruben Nowak, dem Mann hinter dem Label Nowrubi, begann. Das lag zum einen an dem emotionalen Thema, dem sich Nowak widmete: Unter dem Titel „Innocence“ setzte er sich mit dem Erwachsenwerden auseinander. Zum anderen trugen elektronische Beats, die dem pulsierenden Klang eines EKGs nachempfunden waren, zur besonderen Atmosphäre bei.
Die ersten Looks referenzierten mit Fake-Fur, Schleifendetails und zarten Farben das verspielte und verträumte Kindheitsalter. Inspiriert war diese Phase davon, wie Nowaks fünfjähriger Sohn die Welt sieht. Anschließend widmete sich der Designer seiner eigenen Kindheit und Jugend, der bewussten und unbewussten Rebellion sowie der damit verbundenen Frage nach Identität.

Auf dem Laufsteg zeigte sich dies mit dunklen Leder-Looks, Rollkragenpullovern, die bis über die Nase gezogen waren, und stacheligen Punk-Frisuren. Im Finale wurde es wieder gediegener: Schwarze Anzüge, Hornbrillen und elegante Mäntel – eine Metapher für das Erwachsenwerden und das Gefangensein im Nine-to-Five. Allerdings nicht ohne eine nostalgische Note des Zurückblickens und Erinnerns an frühere Träume, wie Ruben Nowak nach der Show erklärte.
Eine direkte Referenz an seinen eigenen Werdegang: Bevor er sich in einem zweiten Karriereweg voll und ganz der Mode verschrieb, war er über ein Jahrzehnt als Offizier bei der Luftwaffe tätig. Als nach dem letzten Look der Heartbeat verstummte, herrschte zunächst andächtige Stille. Diese wurde jedoch schnell von kräftigem Applaus aus den prall gefüllten Zuschauerrängen abgelöst – im Publikum Berliner Modegrößen wie Christiane Arp oder Sven Marquardt. Ein Debüt, das sich sehen lassen kann und zeigt: Nowrubi ist an diesem Samstagnachmittag inmitten der Berliner Modeszene erwachsen geworden.
Marke: Die Entdeckung der Langsamkeit
Spätestens wenn auf dem Sitzplatz ein Gedicht von Hegel liegt, auf dem Boden klassische Literatur und getrocknete Rosenblätter verstreut sind und die ersten Noten des Oboenkonzerts in D-Moll von Alessandro Marcello erklingen, ist klar: Hier geht es um mehr als nur um Mode.
Die Gesellschaft entwickle sich „rückwärts in einen Zustand vor der Aufklärung“, sagt der Designer Mario Keine über die Inspiration zu seiner Kollektion für Herbst und Winter 2026. Einen „Widerstand gegen den Fortschritt“ beobachte er ebenso wie „schwindende Empathie“.

Sein modischer Gegenvorschlag: eine Rückkehr zu humanistischen Werten. Gefühlvolle, melancholisch dreinblickende junge Rosenkavaliere mit Krawatten aus Hemdsärmeln und in (Schlaf-)Anzügen mit adretten Nachtmützen schritten den Laufsteg entlang und vereinten gleich zwei Helden der Romantik: den „Leser“ und den „armen Poeten“ von Carl Spitzweg – eine humanistisch gedachte Männlichkeit.
„Die Kollektion wurde von einem Gefühl der Hilflosigkeit inspiriert, das beim Konsumieren der endlosen Informationsflut in den sozialen Medien entsteht, wo Kontext und Wissen an Bedeutung verlieren und in einem Meer aus oberflächlicher, schnell konsumierter Ästhetik und Inhalten leicht in Vergessenheit geraten“, sagte der Designer über die Inspiration zu seiner Kollektion. Dieser rauschhaften Überforderung setzt er also langsames Handwerk entgegen. Graue Dreiteiler, stoffüberzogene Knöpfe, Jogginghosen aus feinem Zwirn und Bomberjacken mit Tüllüberzug. Sanft – und gerade dadurch sexy.
William Fan: Die sichere Bank der Fashion Week
Eigentlich ist es erstaunlich, dass William Fan uns nach zehn Jahren seines Schaffens immer noch begeistern kann. Mit seinen Locations, mit seiner Musikauswahl und natürlich mit seiner Mode. Und das, obwohl er sich so konsequent treu bleibt, nicht allzu viel verändert, seine DNS immer wieder neu kopiert und zusammensetzt: Pailletten, Perlen, Brokatstoffe, gedeckte Töne, Workwear. Und doch: Genau wie in der Biologie entsteht dabei immer wieder ein neues Wesen seiner Kollektionen.

Mit dem reinen Kopieren des Erbguts ist es natürlich nicht getan: Neu hinzugekommen sind in der Saison Herbst/Winter 26 Jacken mit Pagoden-Print, die auf die chinesische Herkunft des Designers verweisen, Daunenmäntel sowie Falten- und Rüschenröcke.

Der Model-Cast war wie gewohnt gespickt mit alten Bekannten aus der Kultur-, Kreativ- und Medienszene. Darunter der DJ Tülin Tekkal, Kirsten Landwehr, die Kuratorin und Macherin des Grill und des Château Royal, die Agenturinhaberin Nadja von Busek und –neu dabei – Susanna Lau, einst bekannt als Bloggerikone Susie Bubble, die für William Fan ihr Laufstegdebüt gab. Dazu lief ein Cover des Madonna-Songs „Get into the Groove“ der chinesischen Sängerin Anita Mui. Erstaunlich, wirklich, wie uns William Fan immer wieder als Fans überzeugt. Aber unerwartet? Keineswegs. William Fan ist die sichere Bank, die Berlin verdient.
Andrej Gronau: Gemütlich mit Stil
Als die Gäste noch im Treppenaufgang der Charlottenburger Altbauwohnung warten, kommt plötzlich ein großer, grauer Pudel die Stufen hinuntergetappt, wird kurz darauf zurückgerufen und verschwindet wieder. Ein Moment, der beiläufig, fast versehentlich wirkt – und doch den Ton dieser Show vorgibt. Denn Gronau präsentiert seine Kollektion „Room for Play“ in einer großzügigen Charlottenburger Altbauwohnung, nicht auf einem klassischen Laufsteg. Die Models bewegen sich von Zimmer zu Zimmer, von Flügeltür zu Flügeltür.

Die intime Inszenierung unterstreicht eine Kollektion, die Komfort als Haltung versteht: Ornamentale Jacquardstoffe, Pferdemotive und florale Muster, die an alte Tapeten erinnern, treffen auf sanfte Türkis-, Rosa- und Orangetöne. Kniestrümpfe, Cardigans und Seitenscheitel verleihen dem Gemütlichen eine preppy Note. Cozy, aber kontrolliert – gemütlich, ohne nachlässig zu wirken.
Lou de Bétoly: Gefährliche Weiblichkeit
Als die Show von Lou de Bétoly beginnt, steht die Sonne bereits tief, strahlt mit letzter Kraft durch die kleinteiligen Fenster des Rathauses Schöneberg und taucht den Raum in ein mystisches Licht. Blaue Teppichböden, dunkle Holzvertäfelungen – eine Kulisse, die schwer und würdevoll wirkt. Dazu setzt eine bedrohlich anmutende Musik ein, die Spannung erzeugt und den Ton der Show bestimmt.



