Es kribbelte auf der Haut. Gerade hatte Livan Burcu den Ball links oben in den Winkel geschossen. 2:2 stand es plötzlich in einem Spiel, das die Fans des 1. FC Union Berlin schon glaubten, abschreiben zu müssen. Und dann jubelten sie. So laut, dass die kleinen Härchen auf dem Unterarm zu zittern begannen, durch die Schallwelle, die soeben durch das Stadion An der Alten Försterei gezogen war.
Zum dritten Mal stand Marie-Louise Eta am vergangenen Sonnabend an der Seitenlinie für die Männer des 1. FC Union Berlin. Zum dritten Mal schien es, als müsste sie tröstende Worte wählen, wenn sie nach Abpfiff diese Linie überschreiten würde, um mit ihren Spielern zu sprechen. Tore von Marius Bülter und Said El Mala hatten den 1. FC Köln 2:0 in Führung gebracht. Tom Rothe sorgte für den Anschlusstreffer. 2:2 (0:1) endete die Partie dank des Traumtores von Livan Burcu.
Wer wagt gewinnt?
Eta wählte eine Aufstellung, die im Stadion An der Alten Försterei den ein oder anderen Fan zu überraschen vermochte. Leopold Querfeld saß von Beginn an auf der Bank. Lange war der Österreicher ein Spieler gewesen, der bei den Eisernen mit Leistung voranschritt, doch im Laufe der Rückrunde entpuppte er sich immer öfter auch als Schwachstelle. Stanley N'Soki, der im Laufe der Saison auch nicht ohne Fehler blieb und in den jüngsten vier Spielen keine Sekunde spielte, begann statt Querfeld in der Dreierkette, an deren rechtem Flügel Josip Juranovic zum ersten Mal seit Januar von Anfang an spielen durfte. Immerhin hatte der in der Vorwoche in Leipzig eine Torvorlage geliefert.
Union begann dann in Union-Manier und spielte im Grunde so, als stünde noch immer Steffen Baumgart an der Seitenlinie. Eine tiefe Fünferkette, wenn auch anders besetzt, davor drei Sechser und ganz vorne sollten Oliver Burke und Ilyas Ansah ihr Tempo nutzen und idealerweise Tore schießen. So weit war der Plan von Baumgarts Nachfolgerin Eta abzulesen, die in ihrem dritten Spiel als Cheftrainerin von Union Berlin versuchte, erstmals einen Sieg zu feiern, wenigstens aber einen Punkt zu den bisherigen 32 der laufenden Saison zu ergänzen.
Union nutzt eigene Chancen nicht
Durchaus hatte dieser Ansatz Potenzial. Nach einer halben Stunde hatten die Eisernen schon sechsmal auf das Kölner Tor geschossen und ihrerseits nur einen Schuss der Kölner zugelassen. Klar, die Chancen, die Union besaß, waren nicht die allergrößten. Ein Tor wäre aber zu diesem Zeitpunkt nicht vollkommen unverdient gewesen. Doch Aljoscha Kemlein schoss drüber und daneben, Ilyas Ansah und Tom Rothe verpassten Flanken von Oliver Burke und so richtig brachten die Eisernen bei alledem niemanden im Köln-Trikot ins Schwitzen.
Das tat nur die Sonne, die über Berlin schien und Köpenick auf 26 Grad Celsius wärmte und die Spieler auf dem Feld schon in der ersten Hälfte zu mehreren Trinkpausen zwang.
Bülter sorgt für umstrittene Köln-Führung
Wenige Minuten nach einer solchen verlor Union tief in der gegnerischen Hälfte den Ball. Said El Mala wartete wiederum tief in der anderen auf einen langen Ball seiner Defensivkollegen, stand dabei jedoch mehrere Meter weit im Abseits. Trotzdem lief er zum Ball, als dieser im Unioner Defensivdrittel landete, ohne ihn jedoch zu berühren. Auch brach er seinen Lauf in Richtung des Balls ab, da er wusste, dass er im Abseits gestanden hatte. Er tat dies früh genug, um für Schiedsrichter Daniel Schlager und sein Gespann passiv im Abseits zu bleiben, sodass die Partie ihren weiteren Verlauf nehmen durfte und der Ex-Unioner Marius Bülter am Ende dieser Aktion das 1:0 für den 1. FC Köln erzielen konnte (33.). Das Tor hinterließ einen Beigeschmack. Besonders, weil der Linienrichter vorher die Fahne gehoben hatte. Da Diogo Leite kurz darauf entscheidend vor Kölns Lukas Waldschmidt verteidigte, blieb es bei diesem Stand bis zur Halbzeit.
Für einen ungewöhnlichen Moment sorgte dabei noch ein Balljunge, der sich weigerte, Josip Juranovic für einen Einwurf den Ball auszuhändigen. Der völlig verblüffte Verteidiger musste dem Jungen den Ball regelrecht entreißen, bevor er das Spiel fortsetzen konnte. Auffälliger war der Kroate im Spiel der Eisernen sonst nicht.
Nach etwa einer Stunde kam Kapitän Christopher Trimmel auf seine rechte Seite. Drei Minuten später durfte Kristoffer Lund auf eben dieser Seite völlig frei flach in den Strafraum flanken, wo El Mala dem anderen überraschenden Starter, Stanley N'Soki, entwischt war und zum 2:0 für den Effzeh traf (63.).
Burcu Traumtor sorgt für den Punkt
Auch für N'Soki war kurz darauf Schluss. Eta stellte auf Viererkette um und brachte Tim Skarke für den Verteidiger. „Aufwachen!“, schrien die Union-Fans auf der Waldseite. Und tatsächlich: Union kam zurück ins Spiel. Tom Rothe sorgte per Kopfball für den Anschlusstreffer (73.). Entstanden war dies, natürlich, in Union-Manier: nach Ecke.


