Kommentar

Fußball-WM in den USA: Der Boykott kommt nicht – darüber reden müssen wir trotzdem

Getötete Zivilisten und Massenabschiebungen im Vorfeld der WM 2026 in den USA: Klar, lasst uns einfach entspannt beim Fußball zusehen. Oder eher nicht?

Die Fußball-WM findet eigentlich in drei Nationen statt, nämlich in den USA, Mexiko und Kanada. Warum ist das eigentlich nicht nach dem Alphabet sortiert?
Die Fußball-WM findet eigentlich in drei Nationen statt, nämlich in den USA, Mexiko und Kanada. Warum ist das eigentlich nicht nach dem Alphabet sortiert?Chris Carlson/AP

Im Jahr 2026 bekommen wir wieder einen WM-Sommer! Die Gedanken wandern bei solch großen Turnieren immer noch zum gemeinsamen Grillen auf der Terrasse, zu kalten Getränken und Public Viewing im Biergarten mit gut gelaunten Fremden, denen wir nach Toren jubelnd in den Armen liegen.

Warte. So richtig stimmt das nicht, oder?

Natürlich nicht.

Zu präsent ist beim Gedanken an die WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada das Bild, das mir in den Kopf kommt, auf dem Donald Trump nach dem Endspiel stolz den goldenen Pokal präsentieren wird, zu präsent sind die Gedanken an Renée Good und Alex Pretti, an Massenabschiebungen, an Venezuela und an Grönland.

Und plötzlich lese ich auf der Sportseite dieser Zeitung, im Ressort also, dem ich angehöre, einen Artikel, der sich darüber lustig macht, dass wir schon wieder eine Boykott-Diskussion führen.

„Moralapostel“, schon klar ...

„Die Moralapostel stehen in den Startlöchern“, schreibt der Kollege aus dem Politik-Ressort. Dieses Wort dient, ähnlich wie die Bezeichnung einer Sache als „woke“, dazu, jene zu diskreditieren, die Missstände ansprechen und kritisieren, die den Sprecher selbst nicht betreffen oder ihn einfach nicht interessieren. So fällt es leicht, Argumente der Gegenseite zu ignorieren. Vielleicht lesen Sie ja trotzdem weiter.

Im deutschen Fußball ist St.-Pauli-Präsident Oke Göttlich einer dieser „Moralapostel“. Er möchte zwar keinen Boykott, aber wenigstens eine Diskussion darüber führen. „Das Leben eines Profifußballers ist nicht größer als das Leben von sehr vielen Menschen in verschiedenen Regionen, die derzeit von dem WM-Gastgeber direkt oder indirekt angegriffen oder bedroht werden“, sagte er der Hamburger Morgenpost.

Mein Kollege führt als Beispiel den CDU-Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter an, der sagte: „Wenn Präsident Donald Trump seine Drohungen in Bezug auf Grönland umsetzt und einen Handelskrieg mit der EU anzettelt, ist für mich kaum vorstellbar, dass europäische Länder an der Fußball-WM teilnehmen.“

Da es aktuell nicht danach aussehe, ist sich mein Kollege sicher, „findet sich schon etwas anderes Kritikwürdiges, das den Fußballkonsum zu einem Politikum verklärt“. Dazu habe ich Fragen: Wurde da tatsächlich noch nichts gefunden? Außer dem Grönland-Thema ist in den USA gerade alles cool und entspannt? Und haben Sport und Politik tatsächlich nichts miteinander zu tun?

Athleten und Verbände in den USA beziehen Stellung

Gastgeber-Kritik sei laut meinem Kollegen eine „deutsche Zusatzdisziplin“. Doch während sich deutsche Fußballspieler in Ausreden flüchten, wie Joshua Kimmich, der „nicht an politischen Diskussionen teilnehmen“ wolle, sprechen die größten Athleten Nordamerikas offen über Missstände. „Die NBA-Spieler können nicht länger schweigen. Mehr denn je müssen wir jetzt das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen und uns mit den Menschen in Minnesota solidarisieren, die protestieren und ihr Leben riskieren, um Gerechtigkeit zu fordern“, hieß es in einem Statement der Gewerkschaft der NBA-Profibasketballer nach den Toden von Renée Good und Alex Pretti, die von ICE-Agenten getötet worden waren. Einer der bekanntesten NBA-Spieler, der Franzose Victor Wembanyama, sagte am vergangenen Dienstag nach einem Spiel: „Jeden Tag sehe ich die Nachrichten und bin entsetzt. Ich finde es verrückt, dass manche Leute es so darstellen oder klingen lassen, als sei die Ermordung von Zivilisten akzeptabel.“

Auch die National Football League setzte bereits klare Zeichen gegen Trump. Für die musikalische Begleitung des Super Bowls, des größten jährlichen Sportevents in den USA, wurden die Band Green Day und der Rapper Bad Bunny ausgewählt, also Künstler, die offen Trump-kritisch sind, was dazu führte, dass der Präsident selbst dort wohl nicht erscheinen wird.

Auch bei der Thematik eines Boykotts sind die USA eigentlich Vorreiter. Oke Göttlich verwies auf die Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan war die USA federführend im Boykott der Spiele und bewegte unter anderem die BRD dazu, nicht teilzunehmen.

Nun geht es heute aber ja um die Fußball-Weltmeisterschaft und die Argumentation meines Kollegen liest sich, als wäre es sinnlos, gar albern, über einen Boykott zu sprechen, denn darüber wurde ja schon bei den Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar diskutiert.

Alles lächerlich

„Die Debatte um vermeintlich schwierige WM-Gastgeber ist dabei nicht neu“, schreibt er. Diese „vermeintlichen“ Schwierigkeiten waren zum Beispiel die Annexion der Krim durch Russland oder zehntausende tote Arbeitsmigranten in Katar, von der Verfolgung homosexueller Menschen ganz zu schweigen. Aber, so liest sich der Artikel, auch diese Turniere wurden ja nicht boykottiert, weswegen die nun gestartete Diskussion lächerlich sein muss.

Natürlich wird es auch in diesem Jahr wieder nicht zu einem Boykott kommen. Der DFB braucht das Geld, das die Prämien aus Siegen einspielen könnten, und die Spieler wollen den Ruhm, den sie durch gute Leistungen auf der größten Bühne des Weltfußballs erhalten. Darüber sprechen, ob das alles wirklich so sein sollte, ob wir es gut finden sollten, dass die WM in den USA stattfindet, bei allem, was nun einmal vor sich geht, das müssen wir sogar.