Trainer in der Bundesliga zu sein, das ist für viele ein Traum: das Hobby zum Beruf machen und, wenn es gut läuft, bewundert werden, Geld wie Heu verdienen und den Schotter selbst im schlechtesten Fall für die Dauer des Vertrages erhalten. Zwar sitzt man immer auch auf dem Schleudersitz, doch im schlimmsten Fall hat man so viel Geld verdient, dass man am Ende „in der Klapsmühle wenigstens erster Klasse liegen“ könne. So überspitzt formulierte es einst Otto Rehhagel.
In der Bundesliga hat man als Trainer schnell ausgesorgt
Zumindest ausgesorgt sollte man haben. Das ist heutzutage in der Regel bereits nach einem Zwei-Jahres-Vertrag so gut wie geritzt. Hans Meyer, der in der DDR mit Carl Zeiss Jena schon eine große Nummer war und auch im Westen mit Borussia Mönchengladbach, dem 1. FC Nürnberg (Pokalsieg 2007) und selbst Hertha BSC (Klassenerhalt 2004 in zuvor ziemlich aussichtsloser Lage) durch die Decke geschossen ist, beschrieb es auf seine kauzige Art so: „Davon können meine Kinder und Kindeskinder noch gut leben.“
Dass andere daran allerdings zugrunde gegangen, den Druck nicht ausgehalten haben und an ihm regelrecht zerbrochen sind, gehört zur Wahrheit trotzdem dazu. Nicht in der Klapsmühle sind sie gelandet, der eine oder andere dafür in einer Entziehungsanstalt. Der tragischste Fall in der Bundesliga ist Branko Zebec. Der Jugoslawe führte 1969 Bayern München zum ersten Double der Bundesligageschichte und zehn Jahre später den Hamburger SV zu dessen erstem Meistertitel in der 1963 gegründeten Spielklasse.
Welche, die ihn gut kannten und an seiner Seite gearbeitet haben, merkten, dass die Flasche immer öfter nicht weit weg von der Trainerbank stand. Da schon lieber Bonbons an die Linienrichter, die damals wirklich noch so genannt wurden, verteilen, wie es Aleksandar Ristic, der 2004 für einen Sieg, zwei Unentschieden und sechs Niederlagen auch mal Trainer beim 1. FC Union Berlin war, pflegte.
Trainer sind, haben sie sich einen entsprechenden Namen gemacht und sind mit ihnen Erfolge verbunden, Weltenbummler. Rudi Gutendorf steht für die meisten Engagements weltweit. Sogar im Guinness-Buch der Rekorde ist er verzeichnet. 55 Stationen hat er in seiner Autobiografie „Mit dem Fußball um die Welt“ angegeben. Dass es da aber manchmal ganz fix von hier nach da und von dort nach hier ging, zeigt das Jahr 1976 mit sage und schreibe sechs – Fortuna Köln; Nationaltrainer jeweils in Trinidad und Tobago, Grenada, Antigua sowie Botswana; danach bei Tennis Borussia Berlin – Verträgen.
Da sieht der Jugoslawe Bora Milutinovic, der mit Mexiko (1986), Costa Rica (1990), den USA (1994), Nigeria (1998) und China (2002) gleich fünf Nationen bei WM-Turnieren coachte und mit Ausnahme von Mexiko, das seinerzeit Gastgeber war, mit allen anderen durch die Qualifikation musste, wie ein Novize aus. Ebenso könnte der Niederländer Guus Hiddink, der gleich zweimal Trainer der heimischen Elftal war und als Nationalcoach außerdem Südkorea, Australien, Russland und die Türkei betreute, neidisch werden.

Nicht minder der Italiener Carlo Ancelotti, der als bisher einziger Coach Teams in allen fünf europäischen Top-Ligen – AC Mailand in Italien, FC Chelsea in England, Paris St.-Germain in Frankreich, Bayern München in Deutschland, Real Madrid in Spanien – zum Meistertitel führte, als Spieler mit Mailand aber 1974 ausgerechnet am 1. FC Magdeburg im Finale des Europapokals der Pokalsieger scheiterte und so, wenn auch ganz und gar nicht nach eigenem Geschmack, am einzigen Europapokalsieg einer DDR-Mannschaft beteiligt war.
Dafür kann ein Union-Trainer mit einer ganz speziellen Note punkten, auf die er sicherlich nicht stolz ist, für die er aber auch nichts kann. Dazu sollte man diese Vorgeschichte kennen: Um in der DDR ein höherklassiges Team zu trainieren, war es Voraussetzung, an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) in Leipzig Sport studiert zu haben und das Studium mit einem Diplom abzuschließen.
Trotzdem gab es danach, die Abschlussnote spielte dabei keine Rolle, noch immer mindestens zwei Kategorien. Trainierte jemand einen Fußballklub wie zum Beispiel den 1. FC Union Berlin, dann war derjenige natürlich Trainer. Egal ob in der Oberliga oder in der zweitklassigen DDR-Liga. In gleicher Funktion bei einer Betriebssportgemeinschaft (BSG) war man zumindest viele Jahre „nur“ Übungsleiter.
Am verrücktesten erlebte das Heinz Werner, der inzwischen 90-Jährige mit langer Union-Vergangenheit. Als er Anfang 1976 zu DDR-Liga-Zeiten zu den Eisernen stieß, war er, die Eisernen gehörten ja zu den elf Fußballklubs, selbstverständlich Trainer. Erst recht in den vier Spieljahren danach in der Oberliga. Aber eben auch die zwei Jahre nach dem Abstieg. Als Werner jedoch zum damaligen Zweitligisten Stahl Brandenburg wechselte, einer BSG, war er wieder nur Übungsleiter. Dass er trotzdem regelmäßig seine Trainerlizenz auffrischen musste – geschenkt. Der Amtsschimmel kam aus dem Wiehern kaum heraus.
Zurück zu den Trainern in der Bundesliga. Sie waren Weltmeister wie Franz Beckenbauer, Jupp Heynckes, Jürgen Klinsmann und Klaus Augenthaler. Europameister wie Matthias Sammer und Markus Babbel. Viele andere sind Nationalspieler gewesen und haben als Spieler Titel über Titel gewonnen. Einige ehemalige Nationalspieler hatte der 1. FC Union Berlin mit Gerhard Körner, Georgi Wassilew, Frank Lieberam, Christian Schreier, Mirko Votava (er war 1980 sogar Europameister), Urs Fischer, Nenad Bjelica und Bo Svensson auch, wenngleich der Erfolg mit Ausnahme des „Generals“ aus Bulgarien und des Bessermachers und Menschenfängers aus der Schweiz überschaubar geblieben ist.
Darüber hinaus gibt es noch eine andere Kategorie. Die, die kein Länderspiel vorzuweisen hat und keinen Europapokalsieg. Die jedoch etwas an sich hat, das manchmal mehr für Punkte stehen kann, als beim Lehrgang zum Fußballlehrer Jahrgangsbester zu werden: Man kennt sich im Verein. Man ist miteinander nicht unbedingt dicke, dafür vertraut. Man muss miteinander nicht erst warm werden. Denn man hat das Innenleben bereits im Blut.
Steffen Baumgart und Julian Schuster mit Stallgeruch
Nicht Frank Schmidt ist gemeint, der gefühlt seit Menschengedenken den 1. FC Heidenheim coacht, in der 19. Saison nun schon. Obwohl der diesbezüglich sonst alles schaffen könnte. Doch das, was Julian Schuster und Steffen Baumgart, die Trainer, die am Sonntag um 17.30 Uhr mit dem SC Freiburg und dem 1. FC Union Berlin aufeinandertreffen, haben, eben nicht.
Das hat aus der aktuellen Trainergilde in der Bundesliga außer diesen beiden nur noch Eugen Polanski in Mönchengladbach vorzuweisen: Sie haben bei dem Verein, den sie jetzt in herausragender Position betreuen, auch gespielt. Schuster und Polanski in der Bundesliga, Baumgart zwei Jahre in der 2. Bundesliga. Dafür hinterließ „Baume“ in Köpenick ganz andere Spuren. Nach beiden Spieljahren wurde er zum „Unioner des Jahres“ gewählt.
So etwas nennt man, auch wenn es bei Baumgart etwas mehr als zwanzig Jahre gedauert hat, bis er wieder da war, Stallgeruch, diese besondere Duftmarke. Dafür hat er mit seiner Familie trotzdem viele Jahre in Köpenick gewohnt, seine Frau Katja hatte einige Zeit mit dem Union-Zeughaus zu tun und im Stadion An der Alten Försterei war Baumgart sowieso ein immer gern gesehener Gast. Wenn man so will, dann hat man sich nie aus den Augen verloren.
Union und seine Trainer – etliche sind, weil sie bei den Rot-Weißen zuerst Spieler waren, sozusagen Baumgarts Vorgänger. Ulrich Prüfke, der Anführer des Pokalsiegerteams von 1968, war gleich zweimal im Amt, ebenso Karsten Heine, Frank Vogel, Werner Voigt und André Hofschneider. Auch Ingo Weniger erfüllt das Spieler-Trainer-Kriterium. Dass außerdem Sebastian Bönig mit einer kleinen Auszeit seit Jahr und Tag zum Trainerteam zählt, gehört fast schon zwangsläufig zur DNA des Vereins.


