In Phasen, in denen es im Leben gerade nicht so läuft, wie man es gewohnt ist oder sich eigentlich vorstellt, sucht man gerne nach positiven Erlebnissen in der Vergangenheit. Übertragen auf eine Fußballmannschaft sind es Gegner, gegen die man meist gut ausgesehen hat und Erfolgserlebnisse feiern konnte. Noch spezieller aber scheint der Fall bei einem Stürmer gelagert zu sein. Der muss es im Laufe einer Karriere wohl am besten lernen, einen Umgang mit negativen Phasen zu meistern. Als solche wird bei einem Angreifer immer die Zeit ausgemacht, in der er kein Tor erzielt hat.
Anderthalb Jahre bei Union als Spiegelbild der Karriere
Mit seinen noch 25 Jahren – am 3. April wird er 26 – befindet sich Andrej Ilic im Mittelteil seiner Karriere als Profifußballer. Bei seinen Stationen im Heimatland Serbien, aber auch danach in Lettland, Norwegen oder Frankreich hat er als Stürmer immer mal wieder Phasen erlebt, in denen er nicht traf oder erst gar nicht zum Einsatz kam. So gesehen sind seine mittlerweile gut anderthalb Jahre beim 1. FC Union Berlin, mit dem er am Sonntag (17.30 Uhr) beim SC Freiburg am 26. Spieltag der Bundesliga ran muss, auch ein Spiegelbild einer Laufbahn, in der er einen Umgang mit Rückschlägen gefunden hat.
Konnte schon die vergangene Saison mit einem ersten Halbjahr ohne Einsatz und einer zweiten Jahreshälfte mit sieben Toren unterschiedlicher kaum sein, so gelang dem Serben erst vor knapp einem Monat im 22. Anlauf der erste Saisontreffer. Doch auch in diesem für ihn persönlich so erlösenden Spiel beim Hamburger SV traf er in der ersten Hälfte das leere Tor nicht und brachte Steffen Baumgart hinterher zur Verzweiflung.
Der Union-Trainer aber war früher selbst Stürmer und kann sich bestens in seinen Stoßstürmer hineinversetzen. Tägliche Schelte und Schuldzuweisungen helfen bei einer Torflaute nicht. Nein, es braucht eher die mental aufbauenden Erinnerungen an die Momente, wo alles etwas einfacher schien. Ein Moment wie dieser, vor knapp einem Jahr am 27. Spieltag der Vorsaison beim SC Freiburg.
Zweimal hatte Ilic zuvor beim 4:0-Sieg bei der TSG Hoffenheim und bei der 1:2-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach zwar schon getroffen, aber Ende März des vergangenen Jahres im Breisgau seinen ersten spielbeeinflussenden Treffer erzielt. Aus einem 0:1-Rückstand hatten die Köpenicker einen 2:1-Erfolg gemacht und Ilic für die Wende gesorgt. Nachdem er unter Bo Svensson erst gar keine Chance bekommen hatte, schenkte ihm Baumgart das Vertrauen und Ilic zahlte es zurück. Insgesamt sieben Tore in 16 Einsätzen waren nach Ablauf seiner Leihe vom OSC Lille schlussendlich ein überzeugendes Argument für eine feste Verpflichtung des Stürmers.
Unter Steffen Baumgart ist Ilic auch in dieser Saison weiterhin gesetzt, verpasste durch eine Gelb-Sperre bislang lediglich die 0:1-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach. Bei seiner Rückkehr in die Startelf gegen Werder Bremen machte der Serbe wieder das, was der Trainer von ihm erwartet: Er war bei langen Bällen immer anspielbar, machte Bälle fest und rackerte für die Mannschaft. Ein Tor aber blieb ihm erneut verwehrt.
Dass er in 24 Einsätzen bislang nur einen Treffer erzielt hat, liegt sicher auch am verschossenen Elfmeter im Hinspiel gegen den HSV und den ausgelassenen Großchancen im Rückspiel gegen die Hanseaten oder beim Aufeinandertreffen mit dem FSV Mainz 05. Ein weiterer Hauptgrund aber ist im Fehlen eines Mitspielers auszumachen, der im zurückliegenden Sommer eben nach Mainz gewechselt ist und in besagtem Spiel selbst traf: Benedict Hollerbach.
Der flinke Offensivmann war in der vergangenen Saison mit neun Treffern nicht nur erfolgreichster Torschütze der Eisernen, sondern vor allem auch Wegbereiter für viele Tore seiner Mitspieler. Seine vierte und letzte Torvorlage am letzten Spieltag beim 2:1-Sieg in Augsburg zum zwischenzeitlichen 1:1 von Andrej Ilic war so etwas wie ein Abschiedsgeschenk an seinen damaligen Sturmkollegen, aber nicht der eigentliche Wert für die gesamte Union-Offensive.
Als freies Radikal, welches nicht auf eine Position festzulegen war, sorgte Hollerbach immer wieder mit Tiefenläufen, Seitenwechseln und Tempodribblings für Gefahr. Die Unberechenbarkeit in seinen Taten im Verbund mit einer großen Torgefahr waren die größte Waffe des 24-Jährigen, der aus der 3. Liga nach Köpenick gekommen war.
Symbolisch sei an dieser Stelle noch einmal der 2:1-Siegtreffer von Andrej Ilic vor knapp einem Jahr beim SC Freiburg zu nennen. Der wurde zwar schlussendlich von Tim Skarke vorbereitet, aber Hollerbach war es, der mit seinem Laufweg auf den ersten Pfosten einen Gegenspieler mit sich zog und dadurch erst den freien Raum für Ilic schaffte. Aus kurzer Distanz hatte der Serbe schlussendlich beim Torabschluss leichtes Spiel.
Als Geschäftsführer Horst Heldt im Sommer des vergangenen Jahres Hollerbach für zehn Millionen Euro nach Mainz transferierte, war es nicht so, dass er und Trainer Baumgart nicht dessen Wert für das Funktionieren der Offensive kannten. Die sportlich Verantwortlichen aber waren der Meinung, dass Spieler wie Rückkehrer Livan Burcu und Bremen-Einkauf Oliver Burke die entstandene Lücke würden schließen können.
Burcu und Burke können Hollerbach nicht ersetzen
Was sie zu diesem Zeitpunkt freilich nicht wissen konnten, war einerseits die lange verletzungsbedingte Ausfallzeit von Burcu, aber schon gar nicht die Leistungsfähigkeit von Burke. Gerade der Schotte hat immer wieder Chancen bekommen, konnte aber noch keinen nachhaltig überzeugenden Eindruck hinterlassen – und das in 22 Saisoneinsätzen. Burcu hingegen hat nach überstandener Verletzung in so manchen Situationen aufblitzen lassen, warum Heldt und Baumgart die Fantasie in sich tragen, dass er die Rolle von Hollerbach übernehmen kann.


