Dem Schnee, dem Eis, der Kälte Berlins entflohen, bereiten sich die Unionerinnen in Oliva Nova an der Ostküste Spaniens mit Blick aufs Meer auf die Rückrunde vor. „Seit heute scheint sogar die Sonne, es ist schön“, erzählt Judith Steinert, als sie sich per Videocall nach Berlin zuschaltet. Sie wirkt gut gelaunt, lacht und grinst, während sie erzählt. Natürlich hat sie derzeit allen Grund dazu. „Es fühlt sich voll schön an, dass so viele da sind. Wir haben im Training heute direkt ein Elf-gegen-Elf gespielt“, freut sich die Linksverteidigerin der Eisernen über den rappelvollen Kader, mit dem sie derzeit wieder trainieren darf, nachdem im Verlauf der Hinrunde so viele Spielerinnen verletzt ausgefallen waren. Obwohl es auch sehr „voll“ sei, woran sie sich nach den ruhigen Weihnachtstagen erst einmal wieder gewöhnen müsse.
Winterpause zwischen Mosbach und London
Die Feiertage hat Steinert in ihrer Heimat Mosbach bei ihren Eltern verbracht: „Sie haben mich nach dem letzten Spiel der Hinrunde in Nürnberg abgeholt, das ist ja nicht so weit weg.“ Zu anderen Jahreszeiten wäre sie in einem der Wälder ihrer Heimat Pilze sammeln gegangen, ein großes Hobby der Spielerin. Auch mit ihrer Schildkröte Helge konnte sie keine Zeit verbringen, schließlich befindet sie sich im Winterschlaf. „Ich muss ihn im Frühjahr besuchen, wenn er erwacht“, erklärt sie. Trotzdem tat die Woche zu Hause „megagut“.
Bevor es zurück an die Arbeit ging, verbrachte Steinert noch einige Tage in London. Bilder von diesem Ausflug teilte sie auf Instagram mit ihren 11.000 Followern und speicherte sie in ihren Story-Highlights unter dem Titel „Cities“ ab. Sind Städteurlaube ihr Ding? „Teils, teils, am liebsten habe ich eher Strand, Meer, Sonne. Aber Städte sind schon ganz cool, auch wenn ich nach London vielleicht noch mal so zwei, drei Tage frei gebraucht hätte. Dafür bin ich ja jetzt hier am Strand“, lacht sie.
Den Trip nach London unternahm sie gemeinsam mit der deutschen Nationalspielerin Jule Brand. „Hasret (Kayikçi) und Jule sind meine engsten Freundinnen.“ Mit Brand spielte Steinert bei der TSG Hoffenheim zusammen. „Ich bin dankbar, dass die Freundschaft aufrechterhalten ist. Sie ist gerade in ihrer Welt bei Lyon, ich jetzt hier, aber gerade während der Pausen sehen wir uns immer oder gehen zusammen in den Urlaub.“ Von Kayikçi hatte sich Steinert als Kind noch Unterschriften abgeholt. „Es war ganz süß, weil ich früher eher ein Fan von ihr war und dann eine Freundschaft entstanden ist und wir tatsächlich (beim SC Freiburg) zusammen gespielt haben.“
Warum die Karriere als Verkäuferin nicht geklappt hat
Bei der TSG Hoffenheim begann Steinerts Karriere als Fußballerin, dabei hatte sie eigentlich Verkäuferin werden wollen – in einem Sportgeschäft natürlich. „Es war tatsächlich mein Traum, weil ich immer in Sportgeschäfte gegangen bin, das fand ich so cool!“ Besonders die Erinnerung an ihren ersten „Kickschuh“, ihren ersten Fußballschuh, lässt sie schwärmen. „Das war für mich ganz besonders, in dem habe ich dann auch immer geschlafen und alles.“ Ihre Idee: „Wenn ich dann eine Verkäuferin bin, habe ich da viel mehr Zugriff drauf.“
Daraus wurde allerdings nichts. „Irgendwie bin ich halt in den Fußball gerutscht“, sagt Steinert. 2011 ging sie als 15-Jährige zur U17 der Sinsheimerinnen, nicht weit entfernt von ihrer Heimat. Zwei Jahre später feierte sie ihr Debüt in der Bundesliga. Insgesamt blieb sie elf Jahre im Verein, mit dem sie zum Schluss sogar in der Champions League auftrat, bevor sie zum SC Freiburg ging. Der Wechsel zu Union zwei Jahre später überraschte durchaus. Champions League mit der TSG, ein Pokalfinale mit Freiburg und immerhin 150 Bundesligaspiele hatte sie vor dem Schritt in die zweite Liga auf dem Konto. „Am Anfang war es schon nicht ganz easy, freiwillig in die zweite Liga zu gehen – gerade mit meinem Ego“, sagt sie.
Steinert braucht klare Ziele – und bekommt sie beim 1. FC Union
In Freiburg haben ihr jedoch klare Ziele gefehlt. „Wir waren zu gut, um abzusteigen, aber es hat auch niemand gesagt: ‚Okay, wir wollen jetzt in die Champions League‘, oder so“, erklärt sie. Obwohl sie bei Union eine Liga tiefer starten würde, merkte sie: „Die haben wirklich Ambitionen“, und auch die zugedachte Rolle als Führungsspielerin habe ihr gefallen. „Dann habe ich das ganze Drumherum gesehen und mein Bauchgefühl hat mir gesagt: ‚Das ist es.‘“ Die forschen Töne der Geschäftsführerin Jennifer Zietz, die trotz der schwachen Hinrunde jüngst „Platz fünf bis acht“ als Ziel für die Abschlusstabelle ausgab, gefallen Steinert daher: „Das zeigt, dass sie an uns glaubt.“

Sportlich hatte sich die 30-Jährige mit dem Wechsel nach Berlin vor eineinhalb Jahren verkleinert. Geografisch jedoch zog sie aus dem beschaulichen Freiburg in die größte Stadt des Landes. „Ich bin aus Heidelberg und Freiburg eher so Altstadt und Natur gewohnt, das ist so ein bisschen süßer und kleiner. Deshalb war es am Anfang recht viel.“ Geholfen habe ihr aber, dass ihre Schwester ebenfalls in Berlin lebt, erklärt Steinert, die stets betont, wie wichtig ihr die Familie sei. „Und wenn man zum Fußball herkommt, ist man eh so in einer kleinen Bubble.“
Modehauptstadt Berlin
Eines gefällt ihr sehr an der Hauptstadt: „Hier kann jeder so rumlaufen, wie er möchte.“ Für Steinert, die Mode und Fashion als Hobby bezeichnet, ein Glücksfall. „Das gibt natürlich manchmal noch mehr Selbstbewusstsein, Dinge auszuprobieren, die man vielleicht nicht immer ausprobieren würde.“ Am besten gefallen ihr Vintage-Pieces und Retro-Fußballtrikots. „Ich habe eins von Barcelona, das mag ich sehr gerne, und eins von Zidane, das mag ich vielleicht noch mehr, so ein richtig altes von Frankreich, ich glaube von 1998“, berichtet sie stolz.
Als eine der wenigen Spielerinnen war Steinert 1998, als Zidane Frankreich zum WM-Titel führte, bereits auf die Welt gekommen. Mit 30 Jahren ist sie die älteste Spielerin im Kader der Eisernen und mit 159 Bundesligaspielen auch eine der erfahrensten. Logisch also, dass sie Teil des Mannschaftsrats ist. „Ich habe kein Problem damit, Verantwortung zu übernehmen oder voranzugehen“, sagt sie. Mittlerweile habe sie ein gutes Gefühl dafür entwickelt, wann eine Mitspielerin vielleicht Unterstützung gebrauchen könnte, so Steinert. „Gleichzeitig erlebe ich oft, dass auch gerade junge Spielerinnen aktiv auf mich zugehen und mich nach Tipps fragen, wie sie Situationen besser lösen können. Das finde ich ganz cool, weil es auf Augenhöhe ist von beiden Seiten.“
Neben ihrer Rolle als Führungsspielerin besetzt Steinert übrigens noch eine weitere wichtige Position im Team: „Ich bin der DJ!“, lacht sie. „Ich freue mich sehr, dass das Team mir da vertraut.“ Und was läuft in der Union-Kabine? „R’n’B, HipHop, Afro-Beat, ein bisschen Deutsch auch, ich mache so einen Mix, damit für alle was dabei ist – auch wenn mich persönlich nicht immer alles anspricht“, sagt sie, so wie es sich für eine Führungsspielerin eben gehört.


