Es klingt ziemlich einfach: Werder Bremen an diesem Sonntagabend ab 17.30 Uhr, danach St. Pauli, Wolfsburg, Köln und zum Abschluss am 16. Mai Augsburg. Das sind die Gegner des 1. FC Union Berlin, die in dieser Spielzeit noch nach Köpenick kommen. Ein Top-Team, das um den Titel spielt oder um das Erreichen eines Platzes für die Champions League, ist nicht darunter. Auch einen anderen europäischen Wettbewerb hat realistischerweise kein Gegner im Blick. Eher, so wie die Rot-Weißen aus dem Berliner Südosten auch, den frühen Klassenerhalt.
Einfach aber hat der 1. FC Union Berlin selten gekonnt. Zu oft haben sich die Eisernen, wenn es im Stadion An der Alten Försterei gegen vermeintlich nicht so starke Mannschaften ging, fast die Haxen gebrochen, das gegnerische Tor zu selten gefunden, dafür das eigene nicht gut genug abgeschottet. Greuther Fürth (1:1), Holstein Kiel (0:1), Bochum (vor zwei Jahren 3:4, danach das 1:1, das als 0:2 gewertet wurde), erst vor ein paar Wochen Mainz (2:2 nach 0:2-Rückstand) und in den drei Jahren gemeinsamer Zugehörigkeit zur Bundesliga auf Teufel komm raus immer wieder Heidenheim (2:2, 0:3, 1:2; auch an der Brenz gab es in bisher zwei Spielen noch keinen Punkt und nicht einmal ein Tor) taugen zur Abschreckung und zur Warnung gleichermaßen. Der Vorteil: Die Kleeblätter, die Störche und die „vonne Castroper“ sind längst zurück in der 2. Bundesliga, Heidenheim und Mainz haben ihre Beute in dieser Saison an der Wuhle schon gemacht.
Es ist verrückt, doch gegen die Riesen der Branche haben die Männer von Trainer Steffen Baumgart aktuell mehr gerissen als gegen den Rest. Stuttgart, längst auf Kurs Richtung Königsklasse, verdaddelte gleich den Saisonauftakt mit 1:2. Die Bayern kamen erst in der Nachspielzeit zu einem 2:2 und mit einem blauen Auge davon. Leipzig kassierte am 14. Spieltag mit einem 1:3 erst die dritte Saison-Niederlage. Leverkusen wiederum stolperte vor zwei Wochen mit einem 0:1 erstmals in der Rückrunde.
Das ist einerseits erstaunlich, andererseits aber, so pflegt es zumindest Kapitän Christopher Trimmel auszudrücken, „Union-like“. Das heißt, die Großen ärgern. Mit den Tugenden der Rot-Weißen – unerbittliche Zweikämpfe, nimmermüde Laufbereitschaft, enorme Kampfkraft, das Über-die-eigenen-Grenzen-Gehen – kommen einige großkalibrige Gegner nicht sonderlich gut klar. Schönspielerei dagegen war noch nie das Ding der Köpenicker.
All das hat in der Bundesliga längst die Runde gemacht. Alle Gegner wissen davon, finden aber hin und wieder kein Mittel dagegen. Im Vorfeld der Partie vor zwei Wochen sagte Leverkusen-Trainer Kasper Hjulmand gar: „Das wird das schwierigste Spiel der Saison.“ Geflüstert kann das dem Dänen vielleicht sein Landsmann Frederik Rönnow haben, als der jetzige Bayer-Coach Nationaltrainer von Danish Dynamite war und Unions Schlussmann noch dazugehörte. Da tauscht man sich schon mal aus über solche Dinge. Oder er hat das von Robert Andrich, seinem Kapitän, in den beiden ersten Jahren der Eisernen in der Bundesliga einer der ihren. Andrich beklagte nach dem verlorenen Spiel: „Du kriegst hier keinen Spielfluss hin. Es ist schwierig mit den zweiten Bällen. Immer kommt einer an und stört.“ Dabei hat auch er das damals hier praktiziert.
Schon die großen Bayern, die im Herbst innerhalb von dreieinhalb Wochen gleich zweimal in Köpenick spielten und auch im Pokal alles aufbieten mussten, um mit 3:2 das Viertelfinale zu erreichen, äußerten sich voller Respekt. „Die Heimstärke von Union ist deutlich“, sagte Trainer Vincent Kompany, „es ist ein kompaktes Team, sie sind alle zweikampfstark, laufstark, haben viel Erfahrung, verteidigen Flanken super weg, machen sofort Druck auf den Ball.“ Zudem machte der Belgier eine Stärke aus, die für die meisten fast schon zur Selbstverständlichkeit geworden ist: „Es ist ein Mannschaftsmomentum, an sich zu glauben, das haben sie. Ich jedenfalls habe sehr viel Respekt.“
Lange vor Kompany wusste bereits Xabi Alonso, als Spieler mit Spanien Welt- und Europameister, danach Trainer von Bayer Leverkusen, von der Köpenicker Besonderheit. Der Spanier nannte als einen der Gründe, warum im Berliner Südosten jeder Gast vor einer Herkulesaufgabe steht: „Es ist dort ein schönes, kleines Stadion. Ich mag solche Stadien und ich habe gesehen, dass dort eine ganz besondere Stimmung herrscht. Zudem gibt es eine besonders starke Beziehung zwischen den Fans und der Mannschaft.“ Der berühmte 12. Mann, der die Rot-Weißen in ausnahmslos jedem Spiel trägt. Darauf dürfen sich die Anfeuerer und Einheizer vor allem auf der Waldseite und überhaupt im ganzen Stadion durchaus was einbilden.
Auch wegen dieser nahezu einmaligen Unterstützung der eigenen Mannschaft gelang in diesem Spieljahr neben Überraschungsteam Hoffenheim von den Etablierten nur Borussia Dortmund ein Sieg im Stadion an der Alten Försterei. Ein Grund dafür mag sein, dass BVB-Coach Niko Kovač als Berliner die Eisernen schon viel länger kennt als die meisten anderen seiner Trainerkollegen und seinen Spielern das einfache wie wirksame Gegenmittel gepredigt hat: „Gegenhalten und viel laufen.“ Und versuchen, den Gegner mit dessen eigenen Mitteln zu schlagen, was den Schwarz-Gelben mit einem 3:0 deutlich gelungen ist.
Trotzdem ist die zumeist schnörkellose Spielweise das, was die Eisernen für die anderen so unangenehm macht. Vor der Saison schon hatte Steffen Baumgart folgende Devise ausgegeben: „Wir wollen die Mannschaft sein, über die der Gegner sagt: Tut weh!“ Das schließt allerdings ein, spielerisch nicht mit jedem Team mithalten zu können und auch nicht sonderlich viel Ballbesitz zu haben. Aber das wissen sie seit dem Aufstieg vor gut sieben Jahren und seit den ersten 90 Minuten im deutschen Oberhaus. Dennoch sind sie, die eine oder andere temporäre Ergebnisdelle inbegriffen, immer wettbewerbsfähig geblieben.
Trotz aller Anerkennung von den oft besser platzierten Gegnern lauert vor dem Saisonendspurt dennoch eine Gefahr: Was die vermeintlichen Branchenriesen fürchten, ficht die vermeintlichen Außenseiter kaum an. Sie haben nichts zu verlieren und fürchten keine Häme, denn eine Niederlage in Köpenick hat schon ganz andere getroffen. Auch streben die Gegner aus der unteren Tabellenhälfte keinen übermächtigen Ballbesitz an, sie wollen nicht dominieren, nicht glänzen und auch nicht zwingend ein Tor des Monats erzielen. Sie wollen die Punkte mehr noch als jeder andere Gegner, weil sie sie unbedingt brauchen, um auch in der nächsten Saison erstklassig zu sein. Wenn nichts anderes hilft, dann mit Kampf, mit Laufstärke, mit Leidenschaft, mit Physis. Vorzugsweise mit Kontern. Und mit dem, was sie alle brauchen und worauf sie in allen Tabellenregionen schwören: Mentalität. Vorteil Union? Kann, muss aber nicht sein. Manch einer der kommenden Gegner steht bereits dermaßen mit dem Rücken zur Wand, dass der Zweck die Mittel heiligt. Das setzt manchmal längst verschüttet geglaubte Kräfte frei.
Zu sicher sollten die Köpenicker in ihre restlichen Heimspiele deshalb nicht gehen. Die Heimtabelle sieht, ja, auch weil alle Top-Teams schon da waren, trotzdem so rosig nämlich nicht aus. Platz elf ist es dort lediglich, je zwei Punkte vor Köln und St. Pauli und jeweils vier vor Mainz und Bremen. Augsburg und selbst Aufsteiger Hamburger SV liegen in dieser Listung vor Union. Für das Baumgart-Team, dem, als der Trainer noch Urs Fischer hieß, einst eine Saison ohne Heimniederlage gelang, gibt es somit reichlich Luft nach oben.
Bei aller Ungewissheit zehn Spieltage vor Saisonende dürfte andererseits klar sein: In den Kampf gegen den Abstieg sollte sich der 1. FC Union nicht mehr verwickeln lassen. Zu stabil sind die Köpenicker zumeist aufgetreten, auch wenn die Resultate dem manches Mal widersprachen. Immer wieder mal haben sie die Kurve nicht bekommen und sind aus der Bahn geraten. Aber immer wieder haben sie zurückgefunden in die Spur.
