Wer dem FC Bayern München als erstes Bundesligateam in diesem Spieljahr keinen Sieg erlaubte, der sollte beim FC St. Pauli locker gewinnen können. Oder? Das ist mit dem 1:0 vor einer Woche zwar nicht locker, mit ein wenig Glück dennoch gelungen. Wer das geschafft hat und auf Tabellenplatz acht geklettert ist, müsste, trotz allen Respekts, auch gegen den Tabellenletzten was reißen. So zumindest die Erwartung.
Die Frage ist dennoch: Gilt das auch für den 1. FC Union Berlin? Sind die Eisernen in solch einem Flow, dass ihnen für weiteren Punktezuwachs eine Partie gegen ein Bundesliga-Schlusslicht auf dem Silbertablett serviert werden könnte? Oder ticken die Uhren in Köpenick doch ein wenig anders?
Spiele gegen Schlusslichter sind kein Geschenk
Fakt ist: Spiele gegen einen Träger der Roten Laterne sind alles andere als Geschenke. Zumindest für das Team um Kapitän Christopher Trimmel. Solche Partien sind eher was für Psychologen. Die können hierbei allerbeste Studien betreiben von David gegen Goliath, von der drohenden Blamage hier und dem Wir-können-doch-nichts-verlieren da, auch dass die Rollen als haushoher Favorit einerseits und krasser Außenseiter andererseits doch nicht in Stein gemeißelt sind.
Manchmal läuft es sogar wie verhext. Es ist noch gar nicht lange her, in der Saison 2023/24 war es, da trat Borussia Mönchengladbach fünfmal gegen einen Tabellenletzten an – und gewann nie: 3:3 in Darmstadt, 2:2 gegen Mainz, 1:3 in Köln, 1:3 beim 1. FC Union Berlin (es war das schlimme Jahr mit der Rettung in letzter Sekunde), 0:0 gegen Darmstadt.
Nur zwei weitere Vereine trafen in der 62-jährigen Bundesligahistorie innerhalb eines Spieljahres fünfmal auf ein Schlusslicht und blieben dabei sieglos: Eintracht Frankfurt 1987/88 mit Uli Stein im Tor, Karl-Heinz Körbel in der Abwehr und Andreas Möller im Mittelfeld sowie Bayer Uerdingen 1985/86 als amtierender Pokalsieger mit den Funkel-Brüdern Wolfgang und Friedhelm. Fan-Fact am Rande: Sowohl bei der Eintracht als auch bei Bayer hieß der Trainer Karl-Heinz Feldkamp.
Das Team von Trainer Steffen Baumgart hat, obwohl erst in seiner siebten Saison im deutschen Oberhaus, mit alldem bereits einige Erfahrungen gemacht. Es hat dabei schon beide Rollen eingenommen. Die des Schlusslicht-Bezwingers als auch die des vom Träger der Roten Laterne gefoppten Gegners. Letzteres sogar als Tabellenführer. Dabei waren die Gelegenheiten dafür selten. Erst an acht Spieltagen nämlich hatten die Eisernen die übrigen 17 Teams hinter sich. Und doch passierte es im Oktober 2022 bei einem 1:2 in Bochum, als Milos Pantovic einen Elfmeter vergab und für den VfL neben Gerrit Holtmann auch Philipp Hofmann traf, der zuvor ernsthaft als Union-Zugang gehandelt worden war, dessen Verpflichtung sich auf der Zielgeraden aber zerschlug.
Allerdings befinden sich die Rot-Weißen als von einem Schlusslicht gerupfter Tabellenführer in ehrenwerter Gesellschaft. Gleich in der ersten Saison 1963/64 widerfuhr es dem 1. FC Köln mit einem 1:3 gegen den 1. FC Saarbrücken. Wobei: Dem einen schadete es nicht, denn Köln wurde dennoch Meister, dem anderen nutzte es nicht, denn Saarbrücken stieg trotzdem ab. Und: Man mag es kaum glauben, die stolzen Bayern erlitten gegen einen Träger der Roten Laterne schon viermal eine Abfuhr: 1968/69 mit der großen Mannschaft um Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier bei Absteiger 1. FC Nürnberg, vor 19 Jahren beim VfL Wolfsburg und gleich zweimal, ohne selbst auch nur ein Tor zu erzielen, bei Energie Cottbus. Beim ersten Coup der Lausitzer hießen die Protagonisten hier Tomislav Piplica und der mit einer Union-Vergangenheit versehene Christian Beeck, bei den Münchnern Oliver Kahn, Willy Sagnol und Giovane Elber. Beim zweiten Mal zog der zum Teil in Köpenick ausgebildete Ervin Skela die Kreise bei Energie, für die Bayern blieb mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Franck Ribery und Miroslav Klose wieder nur die Totalblamage.
Psychologen finden dafür viele Gründe. Beim Tabellenführer sind das Übermut, Selbstzufriedenheit, falsche Selbstsicherheit, das Gefühl der Unverwundbarkeit und dass man für den Erfolg nicht mehr das allerletzte Fitzelchen an Kraft und Konzentration aufbringen muss. Beim Schlusslicht eine Jetzt-erst-recht-Stimmung und der Ehrgeiz, es gerade dem Souverän zu zeigen. Außerdem ist es vor allem in solchen Partien auch zum Großteil eine Sache des Kopfes.
Vor genau diesem Problem steht der 1. FC Union Berlin am Sonnabend, 15.30 Uhr, gegen den 1. FC Heidenheim. Vielleicht hilft den Eisernen dabei ein kryptischer Rechtsstreit des Schlusslichts gegen den FC Hansa Rostock. Der Bundesligist aus dem Süden beansprucht beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) die Rechte an der Abkürzung „FCH“ – und will dem Drittligisten aus dem Norden damit weitreichende Nutzungen untersagen. Geht’s noch? Sind sie inzwischen alle übergeschnappt? Was soll erst werden, sollten Heidenheim – als Letzter nicht ausgeschlossen – und Rostock – nach zuletzt 14 Punkten aus sechs Spielen in der 3. Liga nur noch fünf Punkte von einem Aufstiegsplatz entfernt – in der kommenden Saison in der 2. Bundesliga aufeinandertreffen? Sorgen gibt’s …
All das möge der 1. FC Union Berlin ausblenden. Denn gegen Schlusslichter haben die Köpenicker in der Bundesliga vor allem zu Hause fast schon alles erlebt: pure Erleichterungen, schiere Erlösungen, noch öfter aber herbe Enttäuschungen. Einen Schönheitspreis haben sie so gut wie nie geholt. Nur wenige dieser Begegnungen sind gut ausgegangen, von spielerischer Überzeugung waren sie oft weit entfernt, manche waren sogar totale Rohrkrepierer.

Beispiel Paderborn: Auch ein Eigentor, so wie das Mitte Juni 2020 beim 1:0 gegen den damaligen Mitaufsteiger durch Ben Zolinski, kann Glücksgefühle auslösen. Damit stand fest, dass die Eisernen die Klasse halten. Der eiserne Kapitän, der sich nach getaner Schicht von Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus verabschiedete, hieß schon damals Christopher Trimmel. Paderborns Trainer dagegen Steffen Baumgart.
Beispiel Schalke: Gleich in drei Spielen gegen den 1. FC Union Berlin waren die Königsblauen im Besitz der Roten Laterne. Immer trotzten sie den Köpenickern ein Unentschieden ab. Im Oktober 2020 (1:1) holten die einstigen Eurofighter im vierten Saisonspiel ihren ersten Punkt. Im Rückspiel in Köpenick reichte es für die Gastgeber bei 20:5 Torschüssen, aber 1:6 Ecken und lediglich 38 Prozent Ballbesitz nur zu einem 0:0. Im Februar 2023, Eisern war Tabellenzweiter nur einen Zähler hinter den Bayern, gab es zu Hause wieder nur eine Nullnummer.
Beispiel Fürth: Nach 14 Runden standen die Franken abgeschlagen im Keller der Tabelle. Einen Punkt erst hatten sie erobert. Im 24. Bundesliga-Heimspiel (Jahre zuvor hatten sie sich ohne Heimdreier durch die Saison gequält) gelang ihnen gegen den Tabellensechsten mit 1:0 Historisches. Im Rückspiel, die Gäste standen bereits als Absteiger fest und die Eisernen befanden sich auf dem Weg in die Europa League, gab es ein enttäuschendes 1:1.
Beispiel Darmstadt: Das 1:0 Ende Januar 2024 durch einen Treffer von Benedict Hollerbach war hochwichtig für den Klassenerhalt, dennoch alles andere als eine Offenbarung. Prädikat Arbeitssieg.
Beispiel Bochum: Als Tabellenführer ein 1:2 „anne Castroper“ – das hatten wir schon. Noch schlimmer zeigten sich die Ereignisse vor einem Jahr. Das ohnehin maue 1:1 Mitte Dezember wurde Monate später am grünen Tisch zum 0:2. Fragen über Fragen und Vorwürfe über Vorwürfe inklusive.
Beispiel Kiel: Nichts passt besser zu diesem Spiel Anfang März dieses Jahres als das Rudi-Völler-Bonmot vom „tiefsten Tiefpunkt“. Ein 0:1 gegen den Aufsteiger, der zuvor in elf Auswärtsspielen nur drei Punkte aus Unentschieden geholt hatte und seine Quote in der Fremde mit dem Treffer von Armin Gigovic auf einen Schlag verdoppelte. Danach mussten die Eisernen frustriert zuschauen, wie die „Störche“ noch auf dem Rasen für ihr Vereinsmuseum ein Gruppenbild mit Holstein-Banner schossen.
Beispiel Stuttgart: Sieh an, es geht auch lupenrein. Zumindest ist es im Frühjahr 2023 das 3:0 gegen den VfB mit Treffern von Sheraldo Becker, Kevin Behrens und einem Eigentor von Genki Haraguchi, der erst wenige Wochen zuvor aus Berlin ins Ländle gewechselt war. Könnte eine der Ursachen für den klaren Erfolg eventuell sein, dass die Partie am 1. April stattfand?
Heidenheim ist für den 1. FC Union Berlin ein dicker Brocken
Nun also Heidenheim. Für die Rot-Weißen erfahrungsgemäß ein dicker Brocken. Noch keine der vier Partien in der Bundesliga (0:1, 2:2, 0:2, 0:3) ging gut für den 1. FC Union Berlin aus. Nicht einmal in ihrem Aufstiegsjahr in die Bundesliga hatten die Köpenicker nachhaltig Erfolg. Das 1:1 zu Hause ist auf ewig mit dem Kopfballtor von Keeper Rafal Gikiewicz in letzter Nachspielsekunde verbunden, im Osten Baden-Württembergs gab es ein 1:2. Der letzte Dreier um Punkte gegen die von Langzeit-Trainer Frank Schmidt (18 Jahre im Amt!) betreuten Heidenheimer gelang mit 1:0 einst durch einen Treffer von Bobby Wood. Eine gefühlte Ewigkeit ist das her, viereinhalb Monate fehlen an zehn Jahren.


