Wir reden über die Energiewende, aber messen wir sie an den richtigen Kennzahlen? Seit Jahren konzentrieren wir uns auf den Ausbau von Wind und Sonne, während eine entscheidende Frage unbeantwortet bleibt: Wie reduzieren wir tatsächlich CO₂ – sicher, zuverlässig und bezahlbar?
Als begeisterter Maschinenbauingenieur mit 23 Jahren Erfahrung in der Kerntechnik habe ich Höhen und Tiefen dieser Branche miterlebt. Und dabei habe ich eines immer wieder beobachtet: Über Kernenergie wird emotional diskutiert, Fakten geraten ins Hintertreffen. Was bleibt, sind Missverständnisse und verkürzte Argumente. Dabei steckt in der Kernenergie ein enormes Potenzial. Lassen Sie uns einen nüchternen Blick darauf werfen: aus Sicht eines Ingenieurs, der erklärt, warum Kernenergie unverzichtbar für eine zukunftsfähige Energiewende ist.
Jede technische Entwicklung beginnt mit klaren Anforderungen. Man definiert, welche Eigenschaften ein System erfüllen muss, um erfolgreich zu sein. Für die Energiewende wäre das naheliegende Ziel die Reduktion von CO₂-Emissionen. Doch genau daran messen wir sie offensichtlich nicht.
Nach mehr als einem Jahrzehnt Energiewende sind wir stolz darauf, dass wir 2025 etwa 65 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Quellen gewonnen haben. Gleichzeitig sollte es uns jedoch beunruhigen, dass immer noch über 30 Prozent des Stroms aus fossilen Verbrennungskraftwerken stammen. Das ist im europäischen Vergleich ein sehr hoher Wert und führt dazu, dass mit unserem Energiemix sehr viel CO₂ pro erzeugter Kilowattstunde Strom freigesetzt wird. Dieser CO₂-Wert ist teilweise um den Faktor zehn schlechter als der von anderen europäischen Industrienationen. Wenn das eigentliche Ziel tatsächlich die CO₂-Reduktion ist, dann sollten wir nicht einfach den Anteil erneuerbarer Energien maximieren, sondern stattdessen die Verbrennung von Kohlenstoff minimieren. Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Wenn Erneuerbare nicht reichen: Ein System unter Druck
Man mag argumentieren, dass CO₂-Emissionen irgendwann sinken werden, wenn wir uns nur weiter dem „Ideal“ der 100 Prozent Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien annähern. Aber ist das ein sinnvolles Ziel? Da uns Sonne und Wind bekanntermaßen keine Rechnung schicken, müssten die Stromkosten mit wachsendem Anteil dieser erneuerbaren Energien sinken. Tatsächlich beobachten wir das Gegenteil. Die Gesamtkosten des Systems steigen, weil wir die Schwankungen der erneuerbaren Energien ausgleichen müssen. Und unsere Kosten sind bereits jetzt sehr hoch, obwohl wir noch weit von einer CO₂-freien Stromerzeugung entfernt sind. Länder im europäischen Ausland sind diesem Ziel deutlich näher und zahlen dafür gleichzeitig weniger. Die Frage ist also: Warum schaffen sie das, während wir uns vergeblich bemühen?
Unsere Energieversorgung ist ein hochkomplexes System. Der Strombedarf entsteht unkontrolliert, da sich Verbraucher jederzeit zu- oder abschalten können. Die dadurch entstehende Bedarfskurve ist unabhängig von der aktuellen Erzeugungslage. Und dieser Bedarf muss jederzeit gedeckt werden, um die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Bisher war das Energiesystem so konzipiert, dass es den flexiblen Bedarf jederzeit abdeckt. Heute kehren wir dieses Prinzip um: Wir versuchen, den Verbrauch an eine schwankende Erzeugung anzupassen. Doch Energieerzeugung ist kein Selbstzweck, sondern muss die Anforderungen aller Verbraucher erfüllen, insbesondere der Industrie.
Mit zunehmendem Anteil von Wind- und Solarenergie steigen die Schwankungen im System. Es gibt Phasen hoher Einspeisung und Zeiten, in denen kaum Strom erzeugt wird. Je extremer diese Schwankungen werden, desto aufwendiger und teurer wird es, das System stabil zu halten. Das liegt daran, dass die Möglichkeiten zur Stabilisierung begrenzt und teuer sind. Momentan betreiben wir fossile Kraftwerke, die immer unrentabler werden und dennoch CO₂ emittieren. Wenn wir diese durch Langzeitspeicher ersetzen, dann steigen die Systemkosten weiter, da Speicher keine Energie produzieren und daher zusätzlich zu Wind und Solar aufgebaut werden. Letztlich bleiben nur noch Stromimporte, die teuer sind und unsere Autonomie untergraben.
Unser Energiesystem lässt sich mit einem Lebenserhaltungssystem auf der Intensivstation vergleichen. Es reicht nicht, wenn es an den meisten Tagen funktioniert und nur an wenigen Tagen versagt – denn dann steht das Leben auf dem Spiel. Das System muss so konzipiert sein, dass es 100 Prozent Versorgungssicherheit garantiert. Die Kosten sind bereits heute enorm – gleichzeitig können wir auf diese Sicherheitsgarantie nicht verzichten.
Warum andere Länder besser abschneiden
Viele Länder verfolgen deshalb einen anderen Ansatz. Sie setzen auf einen ausgewogenen Energiemix: Erneuerbare Energien werden konsequent ausgebaut, während stabile, regelbare Partner die Schwankungen ausgleichen. Diese stabilen Partner sollten v-arm sein, daher wird hier häufig Wasserkraft (sofern ausreichend vorhanden) und Kernenergie genutzt. Und das funktioniert.
International zeigt sich also, dass man minimale CO₂-Emissionen nicht durch die Maximierung einiger weniger Technologien erreicht. Vielmehr liegt das Optimum darin, das ideale Zusammenspiel von sich ergänzenden Technologien zu finden. Ein Mix aus schwankenden, erneuerbaren Energien, sowie regelbaren CO₂-armen Energien – wie der Kernenergie – sichert die Versorgungssicherheit, stabilisiert das System und begrenzt gleichzeitig Kosten.
Missverstandene Kernenergie: Die nächste Generation
Also lassen Sie uns die „missverstandene“ Kernenergie etwas genauer betrachten – ohne in die tiefsten Tiefen der Reaktorphysik abzutauchen. Kernenergie basiert auf einer Technologie, die sich ständig weiterentwickelt. Eine Entwicklung zeichnet sich derzeit besonders ab: Small Modular Reactors, kurz SMR. Wir erinnern uns: Umweltminister Schneider hat diese Reaktoren kürzlich als „saugefährlich“ und „großen Mythos“ bezeichnet. Stimmt das?
Zunächst muss man verstehen, dass ein SMR genau genommen gar kein neuer Reaktortyp ist, sondern ein neues Fertigungsprinzip. SMR werden von vornherein in Modulen geplant, die man unabhängig voneinander, und somit parallel fertigen kann. Durch die Parallelisierung werden die Bauzeiten deutlich verkürzt und damit die Kosten gesenkt. Die modulare Fertigung ist kein theoretisches Konzept, und schon gar kein „Mythos“. Sie wurde bereits erfolgreich bei neuen Reaktoren in den USA und China angewandt.
Ein weiterer Vorteil der SMR liegt in ihrer Größe. Bei einem kleinen Reaktor sind auch die Module klein – und zwar so klein, dass sie in zentralen Fabriken in Serie produziert werden können. Dadurch sinken wiederum die Herstellungskosten – ähnlich wie in der Automobilindustrie. Auch ein Kleinwagen wird erst durch die industrielle Serienproduktion erschwinglich. Hinzu kommt, dass ein kleiner Reaktor zwangsläufig eine geringere Leistung hat. Um den gleichen Gesamtbedarf zu decken, werden entsprechend mehr Reaktoren benötigt. Dadurch steigt die Stückzahl, und die Kosten in der Serienfertigung sinken weiter.
Die Idee hinter SMR besteht darin, die Reaktoren bewusst klein zu halten, sodass die Module in Fabriken vorgefertigt und auf die Baustelle geliefert werden können, während gleichzeitig die Nachfrage durch die geringere Einzelleistung steigt.
Das SMR-Prinzip lässt sich grundsätzlich auf jeden Reaktortyp anwenden. Wir sehen, dass andere Länder zunächst bewährte Reaktoren als SMR bauen werden – also Leichtwasserreaktoren der Generation III+. Diese SMR sind daher nicht „saugefährlich“, sondern sie verbinden die neuesten Sicherheitskonzepte der großen Reaktoren mit der Robustheit von kleinen, kompakten Anlagen.
Den modularen SMR-Reaktoren der Generation III+ werden in absehbarer Zeit die Reaktorkonzepte der nächsten Generation IV folgen. Diese Konzepte eröffnen völlig neue Möglichkeiten. Sie ermöglichen eine deutlich effizientere Nutzung von Brennstoffen, reduzieren Abfallmengen und liefern Prozesswärme für industrielle Anwendungen oder die Wasserstoffproduktion. In heutigen Reaktoren werden nur etwa 4 Prozent des Urans genutzt, der Rest landet im zukünftigen Endlager. Gen-IV-Anlagen können diesen Brennstoff wesentlich effektiver einsetzen und so die Menge an hochradioaktivem Abfall pro Kilowattstunde enorm senken.
All dies ist – im besten Sinne! – Zukunftsmusik. Andere Länder erschließen sich diese Zukunft, indem sie die Kerntechnik aktiv ausgestalten. Deutschland tut dies momentan nicht. Wenn wir das ändern wollen, brauchen wir eine funktionierende nukleare Industrie: Lieferanten, Betreiber, Gutachter, Behörden, Studiengänge, Reaktorpersonal, um nur einige Beispiele zu nennen. Deutschland verfügte lange über eine Industrie mit ausgesprochen hohen Standards, doch sie droht verloren zu gehen.
Vor diesem Hintergrund wird auch die Debatte über die Wiederinbetriebnahme abgeschalteter Kraftwerke verständlich. Als Ingenieur würde ich grundsätzlich lieber neue Kraftwerke bauen, statt alte wieder in Betrieb zu nehmen. Dennoch: In einer akuten Energiekrise wäre die Reaktivierung einzelner Kraftwerke eine logische Maßnahme. Unabhängig von politischen Bewertungen ließen sich so kurzfristig große Mengen CO₂-armen Stroms bereitstellen. Jedes Kraftwerk könnte auf einen Schlag rund 1400 MW ans Netz bringen, innerhalb weniger Jahre. Damit würde die Industrie gestärkt und die Grundlage geschaffen für den Bau von SMR. Langfristig ermöglicht dies den Übergang zu Reaktoren der Generation IV, schafft Zeit auf dem Weg zu einer Wasserstoff-Wirtschaft und ermöglicht schließlich Kernfusion im industriellen Maßstab.
Und genau darin liegt der entscheidende Punkt: Die Energiewende ist kein Wettbewerb zwischen Technologien. Sie ist eine Systemaufgabe. Die Lösung besteht nicht im Ausschließen von Optionen, sondern im klugen Zusammenspiel ihrer Stärken. Der Ausbau erneuerbarer Energien bleibt zentral, reicht aber nicht aus. Das System braucht verlässliche CO₂-arme Partner, um dauerhaft stabil zu funktionieren.
Kernenergie liefert eine skalierbare, CO₂-arme und stabile Energieversorgung und unterstützt so optimal das Zusammenspiel mit erneuerbaren Energien. Kernenergie ist kein Ersatz, sondern ein unverzichtbarer Partner im Energiesystem der Zukunft.
Kernenergie basiert auf einem physikalischen Prinzip, das seit über einem Jahrhundert bekannt ist. Bei der Kernspaltung wird ein winziger Teil der Masse m in eine große Menge Energie E umgewandelt, beschrieben durch Einsteins berühmte Formel E = m·c². Dieses Wissen lässt sich nicht „abschalten“. Die Kerntechnik bietet noch enormes Potenzial – die Frage ist nur, ob wir es nutzen wollen.
Wenn wir Klimaschutz, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit ernst nehmen, dürfen wir diese Zukunftstechnologie nicht länger ausklammern. Wir müssen sie aktiv nutzen, weiterentwickeln und konsequent in den Energiemix integrieren.
Die Kernenergie ist bereit für die Zukunft – wir sollten es auch sein.



