In Krisensituationen wird Verlässlichkeit zur wichtigsten politischen Währung. Gerade dann wird erwartet, dass die politisch Verantwortlichen sagen, was ist. Denn in Ausnahmesituationen werden Einschränkungen, Unsicherheit und Zumutungen hingenommen – im Vertrauen darauf, dass Entscheidungen auf verlässlichen Informationen beruhen und die Politik spür- und sichtbar Verantwortung übernimmt.
Doch in Berlin wurde in den vergangenen Tagen erneut deutlich, dass die Existenz dieser Vertrauensbasis schamlos ausgenutzt werden kann. Öffentliche Darstellungen politischer Vertreter müssen nicht mehr deckungsgleich mit der Realität sein. Falsche oder unvollständige Aussagen haben keinen erkennbaren Preis. Sie geraten in Vergessenheit, sobald die Krise zur Erinnerung wird und aus „Es ist schwierig“ ein „Es hätte schlimmer kommen können“ wird.
Die Konsequenz: Politiker leben von der Vergesslichkeit. Unwahrheiten werden nicht korrigiert, sondern überlebt. Danach wird weiterregiert.
Lautes Schweigen
Rückblick: Am frühen Samstagmorgen der vergangenen Woche wird im Südwesten Berlins gezielt kritische Infrastruktur angegriffen. Unbekannte setzen eine Strombrücke über dem Teltowkanal in Brand. Wenig später bekennt sich die linksextreme Vulkangruppe zu der Tat. Der Strom fällt in Teilen von Nikolassee, Wannsee, Zehlendorf und Lichterfelde aus. Heizungen bleiben kalt, Aufzüge stehen still, Pflegeheime müssen auf Notstrom umstellen und später evakuiert werden. Draußen herrschen Minusgrade. Rund 50.000 Haushalte und mehr als 100.000 Menschen sind betroffen.

Wenige Stunden nach dem Anschlag wird klar, welches Ausmaß die Krisensituation haben wird. Die beschädigte Strombrücke lässt sich nicht kurzfristig reparieren. Die Arbeiten werden Tage dauern. Notunterkünfte werden eingerichtet, Schulen bleiben geschlossen, Einsatzkräfte arbeiten im Dauereinsatz, und spätestens jetzt befindet sich Berlin im Ausnahmezustand.
In einer solchen Lage entscheidet sich politische Führung nicht im Krisenstab, sondern im öffentlichen Raum. Nicht durch operative Zuständigkeit, sondern durch Präsenz und Verantwortungsübernahme. Wer in einer Ausnahmesituation schweigt, trifft damit selbst eine Entscheidung. Er überlässt Verunsicherung, Gerüchten und Zufällen das Feld und entzieht sich der Rolle, die dieses Amt in genau solchen Momenten hat.
Und genau in diesem entscheidenden Moment bleibt der Regierende Bürgermeister Kai Wegner stumm. Während sich abzeichnet, dass zehntausende Menschen bei Minusgraden über Tage ohne Strom und Heizung auskommen müssen, ist die politische Spitze der Stadt nicht präsent. Zehn Stunden lang schweigt Wegner und bleibt bis zum Folgetag öffentlich unsichtbar.

Erst am späten Nachmittag meldete sich der Regierende Bürgermeister Kai Wegner mit einer Pressemitteilung zu Wort. Der Ton war routiniert, der Inhalt banal. Diese erste Wortmeldung markierte keinen Wendepunkt. Sie machte vor allem eines deutlich: Die Krise wurde kommunikativ verwaltet, nicht politisch geführt.
Am Sonntag, einen Tag nach Beginn des Stromausfalls, besuchte er die betroffenen Gebiete persönlich. Angesprochen auf seine Nichtpräsenz betonte Wegner, er habe den gesamten Samstag gearbeitet. Er sei telefonisch eingebunden gewesen, habe koordiniert, habe sich „wortwörtlich zu Hause eingeschlossen“. Der Eindruck, den diese Darstellung vermitteln sollte, war eindeutig: maximale Einsatzbereitschaft, permanente Erreichbarkeit, volle Konzentration auf die Krise. Nicht mal für die Fahrt ins Rote Rathaus wollte sich der Regierende von seinem Schreibtisch lösen, so seine Erzählung –obwohl man heute ja auch im Auto telefonieren und an Videoschalten teilnehmen kann.
Der massive Stromausfall im Berliner Südwesten betrifft sehr viele Menschen, Krankenhäuser und Betriebe. Er ist für die Betroffenen eine enorme Belastung. Der Senat setzt alles daran, sie schnellstmöglich wieder mit Energie zu versorgen. 1/5
— Kai Wegner (@kaiwegner) January 3, 2026
Die Liebe zum Sport und die Leichtigkeit der Unwahrheit
Diese Version wurde in mehreren Auftritten wiederholt. Präsenz vor Ort sei nicht entscheidend gewesen, wichtiger sei es gewesen, im Hintergrund für Ordnung zu sorgen. Bilder, so ließ er wissen, seien zweitrangig. Damit war eine klare Erzählung gesetzt: ein Regierender Bürgermeister, der im Krisenmodus arbeitet, aber dabei lieber unsichtbar bleibt. Ein politischer Führungsanspruch, der sich nicht über Anwesenheit, sondern über Ergebnisse definieren will.
Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde die Darstellung Wegners angezweifelt. Am Mittwochabend, vier Tage nach Beginn des Stromausfalls, kam es dann raus: Der Regierende Bürgermeister von Berlin hatte gelogen.
Der RBB berichtete, dass Wegner am Samstag zwischen 13 und 14 Uhr Tennis gespielt hatte. Zu einem Zeitpunkt, als die Dramatik der Lage klar war. Wenig später bestätigte Wegner seine sportliche Aktivität in einem Interview bei Welt-TV.
Gespielt habe er, so seine Erklärung, „um den Kopf freizukriegen“. Er sei währenddessen erreichbar gewesen und habe danach sofort weitergearbeitet. Ein weiteres Detail: Auf dem Platz soll der Regierende gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, gestanden haben. Das behauptet er zumindest.
Grundversorgung als Errungenschaft
Damit stand fest, dass die offizielle Darstellung dieses Samstags nicht zutraf. Was folgte, war jedoch keine politische Zäsur, sondern rasch der Übergang zur Normalität. Konsequenzen gab es nicht. Kaum war der Strom im Südwesten Berlins wieder da, begann die politische Selbstentlastung. Aus einer tagelangen Notlage wurde binnen Stunden eine Erfolgsgeschichte. Nicht, weil die Krise gut bewältigt worden wäre, sondern weil sie früher endete als von Wegner ursprünglich angekündigt. Aber wer weiß, ob nicht intern ohnehin immer von Mittwoch ausgegangen wurde?

Fünf Tage ohne Strom galten plötzlich als Beleg für funktionierendes Krisenmanagement. Der Ton war entsprechend. Innensenatorin Iris Spranger dankte den Berlinern für ihre „Besonnenheit, Geduld und gegenseitige Rücksichtnahme“. Der Regierende Bürgermeister verwies darauf, dass die Stromversorgung „einen Tag früher als geplant“ wiederhergestellt worden sei.
Auch Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey beteiligte sich an dieser Erzählung. Auf Instagram präsentierte sie die Wiederinbetriebnahme des Heizwerks Wannsee wie eine persönliche Leistung. Als sei die Rückkehr zur Grundversorgung nicht selbstverständlich, sondern ein Grund, die Korken knallen zu lassen.
Nicht mehr die Frage nach Vorbereitung oder politischer Verantwortung stand im Mittelpunkt, sondern die Erleichterung darüber, dass es nicht noch schlimmer gekommen war. Denn in Berlin wird Mittelmaß längst als Erfolg gefeiert.
Aufsichtsräte landeseigener Betriebe sind Orte politischer Kontinuität
Der Blackout im Südwesten ist keine Ausnahme, sondern Teil eines Musters einer Stadt, die von der Substanz vergangener Jahre zehrt. Brücken werden gesperrt, weil sie akut einsturzgefährdet sind. Schulgebäude verfallen, weil Sanierungen verschoben werden. Verwaltungsprozesse funktionieren nur noch unter Improvisation. Und die kritische Infrastruktur wird ganz offensichtlich nicht annähernd ausreichend geschützt.
Zuständig ist mit Stromnetz Berlin ein landeseigenes Unternehmen. Es verwaltet eine kritische Infrastruktur, deren Verwundbarkeit nicht erst seit diesem Anschlag bekannt ist. Zuletzt im Sommer 2025 zerstörten dieselben Täter Stromleitungen. Insgesamt verübte die Vulkangruppe elf Anschläge in elf Jahren auf die Infrastruktur, zu denen sie sich bekannt hat. Und was ist seitdem passiert? Richtig. Nichts.
Hinzu kommt ein politisches Geflecht, das Verantwortung verschleiert. Aufsichtsräte landeseigener Betriebe sind seit Jahren Orte parteipolitischer Kontinuität. Wer sich den Aufsichtsrat von Stromnetz Berlin anschaut, sieht, wie eng diese Verflechtungen sind. Ehemalige Senatoren, Staatssekretäre und Parteifunktionäre wechseln in Kontrollgremien, ohne dass damit ein Bruch oder eine Neuaufstellung verbunden wäre. Scheitern führt hier nicht zum Abgang, sondern oft nur zum Wechsel der Zuständigkeit.
Konsequenzen? Fehlanzeige
So entsteht ein System, in dem sich Verantwortung auflöst. Politische Fehler haben fast nie personelle Folgen, strukturelle Defizite werden verwaltet statt behoben. Der Blackout reiht sich ein in eine Serie von Warnsignalen, aus denen keine Konsequenzen gezogen wurden. Nicht, weil sie unbekannt wären. Sie bleiben schlicht folgenlos.
Was sich in Berlin zeigt, ist kein Sonderfall. Es folgt einer politischen Logik, die längst über die Hauptstadt hinausreicht. Eine Logik, in der Verantwortung nicht mehr an Konsequenzen gebunden ist – selbst dann nicht, wenn Entscheidungen, Versäumnisse oder Unwahrheiten gravierende Folgen haben.
Ein prominentes Beispiel ist Olaf Scholz. Als Hamburger Bürgermeister und später als Bundesfinanzminister spielte er eine zentrale Rolle im Cum-Ex-Skandal, einem der größten Steuerraubzüge der deutschen Geschichte. Erinnerungslücken, widersprüchliche Aussagen, offene Fragen – politisch hat ihm das keinesfalls geschadet. Scholz wurde Bundeskanzler. Die Affäre blieb folgenreich für den Staat und den Steuerzahler. Der Verantwortliche selbst kletterte derweil die Karriereleiter hoch.

Ähnlich verlief der Fall Andreas Scheuer: Als Verkehrsminister verantwortete er die gescheiterte Pkw-Maut, die den Bund am Ende hunderte Millionen Euro kostete. Verträge wurden geschlossen, obwohl rechtliche Risiken bekannt waren. Politische Konsequenzen hatte das nicht. Scheuer schied nicht wegen des entstandenen Schadens aus dem Amt, sondern mit dem regulären Ende der Legislatur.
Durchhaltevermögen statt Verantwortung
Und am Ende führen alle Wege wieder nach Berlin. Denn kaum ein Fall zeigt die Logik der Konsequenzlosigkeit deutlicher als der von Franziska Giffey. 2021 verlor sie ihren Doktortitel wegen „wissenschaftlichen Fehlverhaltens“. Zuvor hatte sie die Vorwürfe wiederholt relativiert, ihre Arbeit verteidigt, Zweifel zurückgewiesen. Die Aberkennung des Titels markierte keinen Wendepunkt, sondern eine Zäsur ohne Folgen. Politisch schadete ihr der Vorgang kaum. Giffey wurde Regierende Bürgermeisterin von Berlin und ist heute Wirtschaftssenatorin.
Der entscheidende Punkt ist nicht der Titelverlust selbst. Es ist der Umgang damit. Eine nachweislich falsche Darstellung blieb ohne politische Konsequenz. Nicht einmal temporär. Die Karriere setzte sich fort, als wäre nichts geschehen. Täuschung wurde nicht sanktioniert, sondern überstanden. Früher war das anders, wie im Falle von Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan. Beide verloren ihren Doktortitel und mussten ihre politische Karriere beenden.
Heute scheint ein politischer Skandal nichts weiter als eine Push-Benachrichtigung auf dem Handy zu sein. Und so schließt sich der Kreis zur aktuellen Krise. Wer erlebt, dass selbst nachweisliche Unwahrheiten keine Karriere kosten, sondern höchstens einen Imageknick bedeuten, lernt schnell die entscheidende Lektion dieses Systems: Nicht Wahrhaftigkeit ist entscheidend, sondern Standfestigkeit. Nicht Verantwortung, sondern Durchhaltevermögen.
Gefährliche Normalität
In anderen Bereichen wäre ein solches Verhalten undenkbar. Pflegekräfte, die in einer Ausnahmesituation falsche Angaben machen, verlieren ihren Job. Feuerwehrleute, die Einsätze verschweigen oder ihre Anwesenheit falsch darstellen, werden suspendiert. In der Privatwirtschaft gilt Ähnliches: Wer in einer Krise die Unwahrheit sagt, gilt als Risiko und wird umgehend ersetzt.
An dieser Stelle stellt sich eine unbequeme Frage: Was können Bürger in diesem System überhaupt tun? Sie können nicht kündigen, nicht wechseln, nicht ausweichen. Der Staat ist kein Anbieter unter vielen. Er ist die einzige Instanz, auf die man angewiesen ist, und dessen Führungsfiguren lediglich alle paar Jahre abgewählt werden können. Wenn überhaupt. Denn bedauerlicherweise entstehen politische Konsequenzen nicht aus Erfahrung, sondern aus Aufmerksamkeit, und die ist flüchtig.








