Berlin-Der Undiplomat der Saison rumpelstilzt mal wieder herum: Andrij Melnyk, noch bis zum 14. Oktober Botschafter seiner ukrainischen Heimat in Deutschland, missfiel eine Äußerung des demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Bundeslandes Sachsen, Michael Kretschmer, weshalb Melnyk eine Einladung in die Ukraine zurückzog. „Nacht ooch“, sächselte er in die Wochenendfinsternis und warf „Sie sind nicht erwünscht. Punkt“ auf den Twitter-Worthaufen.
Kein Drama. Eher ein dankbar aufzunehmender, belehrender Hinweis auf das Demokratieverständnis des Gastes in Berlin. Unterschiedliche Meinungen aushalten? Wie lästig.
Kretschmer hatte am Mittwochabend bei Lanz den Einmarsch Russlands in die Ukraine ein „furchtbares Verbrechen“ genannt und gesagt, Putin dürfe den Krieg nicht gewinnen. Und dann wies er darauf hin, dass der Krieg „schlimme Folgen für uns alle“ haben könne – um dann die Idee vorzutragen, den festgefahrenen Ukraine-Krieg einzufrieren.
Er schlug eine wirklich große, internationale Verhandlungsoffensive vor. Man kann das derzeit aussichtslos finden, als Schwächung der ukrainischen Kampfkraft verstehen. Trotzdem: Es handelt sich um eine von starken Argumenten gestützte Position. Die ist nicht indiskutabel, sondern bedarf vielmehr großer öffentlicher Diskussion. Viele Menschen denken so und suchen Orientierung.
Markus Lanz und Michael Kretschmer in der Rolle als Putins Dackel
Dass Melnyk die Meinungsäußerung nicht erträgt, ist das eine. Das andere war die Art, wie die Lanz’sche Runde, voran der Moderator, dem ostdeutschen Ministerpräsidenten ein ums andere Mal das Wort im Munde umdrehte, ihn partout missverstehen wollte, ihn als Putins Dackel dastehen lassen wollten.
Andere Politiker hätten das Studio verlassen. Der Christdemokrat Michael Kretschmer aber ist im Widerstand gegen Pegida, AfD und Wutbürger gestählt genug, um auch im öffentlich-rechtlichen ZDF geduldig immer wieder seine legitime Meinung zu erläutern. Lanz ließ erschaudern. Da war Kretschmer als Quotenbringer erwünscht. Wirklich hören wollte man ihn offenbar nicht.


