USA und Kuba

Blackout und Benzin für 7 Dollar: Wie ein Deutscher die Folgen der Trump-Blockade gegen Kuba erlebt

Kuba leidet unter einer extremen Energiekrise. Benzin kostet 7 Dollar pro Liter, das Land liegt im Dunkeln. Hier berichtet ein Deutscher exklusiv aus Havanna.

Zwei Männer reparieren in Havanna einen Oldtimer.
Zwei Männer reparieren in Havanna einen Oldtimer.IMAGO / PEMAX

Seit Jahren lebt und arbeitet der Historiker Rainer Schultz in Havanna und beobachtet die gesellschaftlichen Entwicklungen Kubas aus nächster Nähe. Im Interview beschreibt er die aktuelle Lage auf der Insel seit der Verschärfung der US‑Sanktionen und der damit verbundenen Energie‑ und Versorgungskrise. Schultz zeichnet dabei ein widersprüchliches Bild: Während zentrale staatliche Strukturen wie Schulen, Krankenhäuser und Teile des öffentlichen Lebens weiterhin funktionieren, prägen Treibstoffmangel, steigende Preise, häufige Stromausfälle und eine zunehmende soziale Ungleichheit den Alltag vieler Menschen.

Besonders die eingeschränkte Energieversorgung wirkt sich auf nahezu alle Lebensbereiche aus – von Transport und Lebensmittelversorgung bis hin zu Bildung und medizinischer Infrastruktur. Gleichzeitig verweist Schultz auf die Fähigkeit der kubanischen Gesellschaft, in Krisenzeiten kreative Lösungen zu entwickeln, etwa durch lokale Initiativen, den Ausbau von Solarenergie oder internationale Solidarität. Das Interview beleuchtet somit nicht nur die aktuellen Herausforderungen, sondern auch mögliche Perspektiven für die Zukunft des Landes zwischen politischem Druck, wirtschaftlicher Krise und gesellschaftlicher Anpassungsfähigkeit.

Herr Schultz, Sie leben und arbeiten seit Jahren in Kuba. Wie erleben Sie persönlich die aktuelle Situation im Land seit Beginn der US-Ölblockade von Präsident Donald Trump, die gestern sogar zum landesweiten Blackout geführt hat?

Es ist eine surreale Situation. Einerseits gibt es eine gewisse Kontinuität: Kinder gehen zur Schule, Menschen werden im Krankenhaus behandelt, Kulturveranstaltungen finden statt, Diskotheken und Restaurants sind teilweise gefüllt. Auch Busse fahren noch, allerdings deutlich seltener. Transportpreise sind stark gestiegen. Der Staat versucht, das Notwendigste aufrechtzuerhalten, etwa Busverkehr für Angestellte sowie spezielle Shuttle-Dienste für Ärzte und medizinisches Personal.

Es fahren auch noch Züge durchs Land, jedoch mit geringerer Frequenz. Der private Transportsektor existiert weiter, ist aber sehr teuer. Das wenige verfügbare Benzin wird auf dem Parallelmarkt teilweise für bis zu sieben Dollar pro Liter gehandelt. An Tankstellen kostet es etwa 1,20 Dollar pro Liter, ist aber stark rationiert – maximal 20 Liter nach langer Wartezeit.

International entsteht teilweise der Eindruck, das Land sei bereits kollabiert oder stehe kurz davor. Dafür gibt es auch Anzeichen: Der Müll in den Straßen nimmt zu, weil die Müllabfuhr mit wenig Benzin seltener fahren kann. Gleichzeitig werden Kräfte aus dem Innenministerium und der Armee eingesetzt, um Müll zu beseitigen – das Bewusstsein für das Problem des Mülls ist vorhanden, die Möglichkeiten, es zu lösen, sind begrenzt.

Durch längere Stromausfälle kommt es zu Dunkelheit in vielen Vierteln, was in der tropischen Hitze besonders belastend ist, auch wegen der Mücken. Insgesamt ist die Lage widersprüchlich: Es gibt private Initiativen, etwa Unternehmen, die Krankenhäuser mit Solarpanels ausstatten. Man sieht mehr Elektromobilität, wie Roller. Gleichzeitig gibt es internationale Solidarität, aber auch Verzweiflung und Müdigkeit. Die Menschen sind gestresst, schlafen schlecht und die Preise steigen. Vor allem fehlt vielen eine deutlich artikulierte Perspektive: Wohin entwickelt sich das Land und wann wird sich die Situation verbessern?

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privat
Zur Person
Rainer Schultz ist Historiker und seit 2015 Direktor des Studienprogramms CASA in Havanna. Der gebürtige Deutsche promovierte in lateinamerikanischer Geschichte an der Harvard University und betreute dort mehrere Jahre das Cuban Studies Program. Er verbrachte einen großen Teil seines Lebens in Kuba und den USA und war selbst Austauschstudent an der Universität Havanna.

Viele Beobachter sprechen inzwischen nicht mehr nur von einer Wirtschaftsblockade, sondern von einer möglichen Hungerblockade. Teilen Sie diese Einschätzung?

Diese Einschätzung teile ich nicht vollständig. Es gibt weiterhin Lebensmittelproduktion im Land, auch wenn sie nie ausreichend war. Kuba war historisch immer auf Lebensmittelimporte angewiesen. Die geringste Importabhängigkeit gab es kurz vor dem Fall der Mauer. Danach setzte die Krise hier ein. Die Gründe dafür sind komplex.

Zugleich erhält Kuba internationale Hilfe und Solidarität. Lebensmittellieferungen kamen etwa aus Mexiko, zuvor auch aus Venezuela, Vietnam, China und Brasilien. Außerdem gibt es weiterhin kommerziellen Handel für Lebensmittelimporte und eine nationale Produktion. Teilweise werden Zwischenhändler umgangen, sodass Produkte direkt auf improvisierten Stadtmärkten günstiger verkauft werden.

Trotzdem reicht die Lebensmittelproduktion nicht aus, Preise sind stark gestiegen, und viele Menschen können sich nicht mehr das leisten, was sie benötigen. Man sieht inzwischen Menschen im Müll nach Dingen suchen – etwas, das früher in Kuba kaum vorkam. Dabei geht es nicht immer um Essen, sondern auch um Materialien oder Reste für Tiere, die viele Menschen zu Hause halten.

Von einer Hungerblockade würde ich daher nicht sprechen, aber es gibt eine ernsthafte Versorgungskrise, und die US-Sanktionen erschweren sowohl Produktion als auch den Import von Lebensmitteln – obwohl es paradoxerweise auch – trotz der Sanktionen – einige wenige Ausnahmegenehmigungen für Lebensmittelimporte aus den USA gibt, etwa für Eier, Hähnchen oder Äpfel. Das ist aber kein normaler Handel und hat zuletzt auch abgenommen.

Welche konkreten Veränderungen im Alltag der Menschen beobachten Sie derzeit, etwa bei Lebensmitteln, Stromversorgung oder Transport?

Ich bewege mich viel in verschiedenen Stadtteilen Havannas – mit dem Fahrrad, meinem Elektroauto und zu Fuß. Dabei fällt mir besonders die zunehmende Elektromobilität auf. Es werden mehr Elektromotorräder, Elektrofahrräder und Tricycles, kleine elektrische Lieferwagen, auch für Menschen, genutzt.

Was man dagegen kaum sieht, ist eine Rückkehr zum Fahrradverkehr. Während der sogenannten Spezialperiode in den 1990er-Jahren importierte Kuba etwa eine Million Fahrräder aus China. Heute sind sie fast verschwunden. In Havanna fahren nur sehr wenige Menschen Fahrrad, in ländlichen Regionen etwas mehr.

Teilweise sieht man vereinzelt wieder Pferde als Transportmittel sowie die aus Filmen bekannten Fahrradtaxis. Öffentliche Busse fahren noch, aber stark reduziert. Viele Menschen arbeiten in nicht essenziellen Berufen von zu Hause. Stromausfälle beeinträchtigen jedoch häufig auch Internet und Kommunikation.

Vermittler zwischen den Welten: Rainer Schultz in Havanna, Kuba
Vermittler zwischen den Welten: Rainer Schultz in Havanna, Kubaprivat

Bei der Energieversorgung sieht man zunehmend Solarpanels auf den Dächern Havannas – sowohl privat als auch in öffentlichen Einrichtungen. Banken, Krankenhäuser und andere Institutionen installieren sie zunehmend. Etwa zehn Prozent der Stromanlagen sind solar, Schätzungen zufolge stammen tagsüber inzwischen fast 40 Prozent des erzeugten Stroms aus Solarenergie, allerdings fehlen noch ausreichende Speicherkapazitäten.

Der Rest der Energie kommt aus national gefördertem, schwefelhaltigem Erdöl. Langfristig hätte Kuba großes Potenzial für erneuerbare Energien, insbesondere Solarenergie. Politisch gibt es dafür bereits steuerliche und regulatorische Anreize, aber bislang reicht der Ausbau noch nicht aus. Kuba verfügt über keine Finanzreserven, um eine nachhaltige ökologische Wende, die ein Ausweg aus der Energiekrise wäre, selbst stemmen zu können. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist hier aber der politische Wille gegeben. Dies wäre eine große Chance.

Erich Honecker nannte Kuba bei seinem Besuch auf der Insel (1974) einst den Leuchtturm des Sozialismus in Amerika wegen seiner eindrucksvollen Sozialleistungen. Kurz danach wurden Milliarden in ein Atomkraftwerk nahe Cienfuegos investiert, das bei Zerfall der Sowjetunion fast fertig war, deshalb aber nie ans Netz ging. Heute könnte Kubas Krise das Land zum Leuchtturm der erneuerbaren Energie katapultieren: das erste Land der Welt ohne fossile Energie. Dabei könnten Deutschland oder China eine wichtige Rolle spielen. Kosten hierfür werden auf etwa zehn Milliarden US-Dollar geschätzt, etwas mehr als  der geschätzte Schaden der US-Sanktionen pro Jahr.

Welche Auswirkungen hat die Energie- und Versorgungskrise auf Bildung und Universitäten?

Nach dem Dekret von Donald Trump, Länder zu bestrafen, die Kuba mit Erdöl beliefern, reservierte Kuba die verbleibenden Energiereserven für die Grundfunktionen seines Staates: Gesundheit, Lebensmittel, Wasser, Sicherheit, aber auch Bildung. Schulen funktionieren weiterhin, solange Lehrkräfte und Schüler es zur Schule schaffen. Universitäten sind ähnlich wie während der COVID-Pandemie auf digitalen Unterricht umgestiegen. Studierende nutzen Online-Plattformen, für die Kubaner kostenlosen Internetzugang erhalten. Dennoch gibt es Probleme, weil Stromausfälle sowohl Studierende als auch Lehrende betreffen.

Gleichzeitig wurden kreative Lösungen entwickelt: gelegentliche Präsenztreffen, studentische Unterstützung in Schulen oder praktische Einsätze im Rahmen des Studiums, etwa im medizinischen Bereich.

Es gibt trotzdem auch Unzufriedenheit. An der Universität Havanna fand zuletzt ein kleiner Protest statt. Die Universitätsleitung reagierte mit Gesprächen mit den Studierenden, erklärte die aktuellen Maßnahmen und die Grenzen der Möglichkeiten aufgrund der Energiekrise.

Die Vereinten Nationen warnen vor einer möglichen humanitären Katastrophe. Halten Sie diese Einschätzung für realistisch?

Ja, ich glaube, dass die Gefahr einer humanitären Notlage besteht. Kuba ist eine Insel und stark von Importen abhängig, sowohl bei Energie als auch bei Lebensmitteln. Der Druck ist daher sehr groß.

Die aktuelle Energieblockade durch die USA wird von vielen Staaten als völkerrechtswidrig kritisiert. Gleichzeitig hat Kuba Erfahrung darin, in Krisen vorhandene Ressourcen relativ gleichmäßig zu verteilen, um einen völligen Zusammenbruch staatlicher Strukturen zu vermeiden und das Leiden der Menschen so gut es geht abzufedern.

Dennoch sinkt das Niveau der Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung weiter. Eine Verbesserung wäre nur möglich, wenn wieder stabile Energie- und Handelsbeziehungen bestehen. Denn es fehlt ja nicht nur an Erdöl und Energie. Die Konsequenzen dieser Blockade und der US-Sanktionen insgesamt sorgen auch dafür, dass das Land praktisch keine Einkommen mehr hat: Tourismus, kubanische Ärzteteams und Auslandsüberweisungen werden gezielt erschwert.

Kritiker der US-Politik sagen, der Druck treffe vor allem die Bevölkerung und weniger die politische Führung. Wie beurteilen Sie das?

Diese Einschätzung teile ich. Natürlich verfügen führende Politiker über gewisse Privilegien, um staatliche Funktionen aufrechtzuerhalten. Das ist in fast allen Ländern so.

Die Auswirkungen der Krise sind sozial sehr unterschiedlich. Menschen mit Zugang zu Solarpanels, Batterien oder Generatoren sind weniger stark von Stromausfällen betroffen. Auch finanzielle Reserven oder Zugang zu Transportmitteln machen einen Unterschied.

Gleichzeitig ist in Kuba durch die jüngeren Marktreformen eine stärkere soziale Ungleichheit entstanden. Einige Menschen fahren weiterhin importierte Autos, können das teure Benzin oder importierte Waren noch kaufen, während viele andere lange auf Busse warten oder zu Fuß gehen müssen. Die Krise trifft daher vor allem ärmere Teile der Bevölkerung.

Was bedeutet der Treibstoffmangel konkret für die Lebensmittelversorgung und die medizinische Infrastruktur?

Der Treibstoffmangel wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft aus, darunter auch ganz perfide auf mehrere Bereiche der Medizin: Import und Produktion von Medikamenten, medizinische Versorgung sowie Transport von Patienten und Personal.

Kuba reagierte mit Sondertransporten für medizinisches Personal und mit der Installation von Solarpanels in Krankenhäusern und Polikliniken. Auch bei längeren Stromausfällen bleiben Krankenhäuser meist funktionsfähig, da sie über Generatoren oder neue Solaranlagen verfügen.

Allerdings werden viele nicht lebensnotwendige Operationen derzeit verschoben. Die angemessene medizinische Versorgung ist neben der Nahrungsmittelversorgung das größte Problem. Zum Glück gibt es Solidarität, Spenden und Hilfsgüter in beiden Bereichen.

Sehen Sie in der akademischen Zusammenarbeit eine Möglichkeit, politische Spannungen teilweise zu überbrücken?

Ja, auf zwei Ebenen. Erstens stammen viele politische Entscheidungsträger aus dem akademischen Umfeld und kennen die Geschichte der Beziehungen zwischen den USA und Kuba. Historische Beispiele erfolgreicher Zusammenarbeit – etwa medizinische Kooperationen während der Ebola-Krise oder diplomatische Verhandlungen in Afrika oder zuletzt der Durchbruch unter Präsident Barack Obama und Raúl Castro – können als Grundlage für neue Gespräche dienen.

Zweitens ermöglicht akademischer Austausch jungen Menschen, die Realität im jeweils anderen Land kennenzulernen, Vorurteile abzubauen und Gemeinsamkeiten zu erkennen. Das kann zu einem besseren Verständnis und langfristig zu besseren diplomatischen Beziehungen beitragen. Einige meiner Studierenden, die in Havanna gelebt haben, sind heute Mitarbeiter bei Kongressabgeordneten oder Journalisten in wichtigen Zeitungen. Sie sind bis heute mit uns in Verbindung.

Berichten zufolge könnten Gespräche zwischen Washington und Havanna über Drittstaaten laufen. Welche Signale nehmen Sie aus Kuba wahr?

Konkrete Signale sind schwer zu erkennen. Der kubanische Präsident bestätigte jedoch kürzlich, dass direkte Kontakte zwischen beiden Regierungen bestehen. Diese werden auf kubanischer Seite von ihm und Raúl Castro angeleitet.

Oft spielen Drittstaaten oder Institutionen wie der Vatikan eine Vermittlerrolle. Ähnlich war es bereits bei der Annäherung zwischen den Regierungen Obama und Raúl Castro.

Welche Rolle könnten europäische Länder, insbesondere Deutschland, bei einer diplomatischen Annäherung spielen?

Theoretisch könnten europäische Staaten eine wichtige Vermittlerrolle übernehmen. Spanien, der Vatikan oder auch Deutschland haben über Jahrzehnte die US-Sanktionen kritisiert und diplomatische Beziehungen zu Kuba gepflegt.

Deutschland hat zudem historische Verbindungen aus der Zeit der DDR. Kulturelle und wissenschaftliche Kooperationen bestehen weiterhin, und Deutschland genießt in Kuba ein positives Image. Deshalb könnte es bei einer zukünftigen Annäherung eine konstruktive Rolle spielen. Die EU, der weiterhin bestehende „politische Dialog“ mit Kuba, ihre kritische Haltung zu den Sanktionen, Erfahrungen – positiv und negativ – aus der Transformation des europäischen Staatssozialismus könnten entscheidende Impulse geben.

Viele Kubaner im Ausland unterstützen ihre Familien auf der Insel. Welche Bedeutung hat diese Diaspora für den Alltag der Menschen?

Die kubanische Diaspora spielt eine sehr große Rolle, etwa ein Viertel aller Kubaner (3 von 12 Millionen) lebt im Ausland, die meisten in den USA. Überweisungen aus dem Ausland sind für viele Familien entscheidend. Allerdings erschweren Sanktionen diese Transfers erheblich, sodass Geld oft über teure Umwege oder in bar ins Land gelangt.

Trotzdem kommen täglich noch immer mehrere Flüge aus Miami nach Havanna, meist mit Kubanern, die ihre Familien besuchen und wichtige Güter mitbringen.

Die Regierung versucht außerdem, die Diaspora stärker in die Wirtschaft einzubinden. Neue Gesetzesmaßnahmen in Kuba sollen Investitionen von im Ausland lebenden Kubanern in private Unternehmen oder Joint Ventures ermöglichen. Die Reaktion aus Miami bleibt abzuwarten: Werden sie die Einladung annehmen (können), die Zukunft und den Wiederaufschwung ihres Heimatlandes mitzugestalten? Oder wollen sie, wie die letzten 67 Jahre, weiterhin mit Sanktionen und Isolation einen Kollaps verursachen, um dann „einen Neuanfang“ einzuleiten?

Wenn die aktuelle Blockade anhält, welche Entwicklung erwarten Sie für Kuba in den kommenden Monaten?

Das wäre das schlimmste Szenario. Die wirtschaftliche und soziale Situation würde sich weiter verschlechtern, mit weniger Lebensmitteln und Energie. Es wird heißer, nicht gekühlte Lebensmittel verderben schneller, die Toleranz der Menschen ist begrenzt.  Dadurch könnten soziale Spannungen und Proteste zunehmen. Solche Proteste würden international stark beachtet und politisch instrumentalisiert werden. Noch immer erhalten „Demokratisierungsprogramme“, man kann auch sagen Regime-Change-Initiativen, viele Millionenbeträge durch die US-Regierung. Gleichzeitig wird der kubanische Staat auf Gewalt und Vandalismus in der angespannten Lage härter reagieren, was die Situation weiter verschärfen würde. Zuletzt zeigte der kubanische Präsident Verständnis für friedliche Proteste angesichts der Lage, verteidigte jedoch zugleich das Eingreifen der Polizei in Morón, als Protestierende begannen, Steine zu werfen und Büros sowie Geschäfte zu beschädigen.

Ganz persönlich gefragt: Was motiviert Sie trotz der schwierigen Lage weiterhin in Kuba zu arbeiten?

Ich möchte Teil einer positiven Veränderung der kubanischen Gesellschaft sein. Kuba hat in den letzten Jahrzehnten wichtige soziale und medizinische Fortschritte erzielt und diese Erfahrungen auch international geteilt.

Trotz aller Probleme bleibt das Land ein Beispiel für alternative Entwicklungsansätze und gesellschaftliche Transformation, vor allem im globalen Süden. Millionen von Menschen leben dank kubanischer Ärzte besser und haben Lesen und Schreiben gelernt. Kuba hat mehr Goldmedaillen pro Einwohner als jedes andere Land der Welt, es entwickelt neuartige Medizin, die Ländern ohne Ressourcen zukommt. Nicht nur Kuba ist aktuell in einer großen Krise, auch der globale Kapitalismus und Liberalismus. Hierzulande gibt es viele oftmals unbekannte Innovationen, Reformen und kreative Lösungen. Die sollten kritisch erforscht, debattiert und begleitet werden. Das tue ich mit meiner Arbeit.

Ich glaube an das Potenzial und die Kreativität der kubanischen Bevölkerung – sowohl auf der Insel als auch in der Diaspora. Wenn Kuba sich irgendwann ohne äußere Sanktionen entwickeln darf, hat das Land große Chancen auf eine bessere Zukunft. Diesen Kurs sollten Deutschland und die EU aktiv unterstützen, auch aus historischen Gründen.