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Operation Epstein Fury: Das zynische Geschäft mit Wetten auf den Krieg

Das große Geschäft mit dem Krieg sind Wetten, nicht Waffen. Entscheidend ist Insider-Wissen. Der Zick-Zack-Kurs von Trump ist eiskaltes Kalkül.

US-Präsident Donald Trump (r) und US-Verteidigungsminister Pete Hegseth
US-Präsident Donald Trump (r) und US-Verteidigungsminister Pete HegsethMark Schiefelbein/AP

Irgendwer könnte am Montag mit einer Wette auf fallende Preise bei Öl und Gas, auf steigende US-Aktienkurse, auf einen Absturz des Volatilitätsindex Vix richtig viel Geld verdient haben. Um 12.23 Uhr mitteleuropäischer Zeit postete Donald Trump, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, auf seiner privaten Internetplattform Truth Social in Großbuchstaben eine Nachricht, die jeder Trader und erst recht jeder Algorithmus für die Ankündigung des Endes des Iran-Krieges halten musste.

Heftige Kursbewegungen nach Trump-Posting

Trump schrieb: „Ich freue mich, berichten zu können, dass die Vereinigten Staaten von Amerika und der Iran in den letzten zwei Tagen sehr gute und produktive Gespräche über eine vollständige Beilegung unserer Feindseligkeiten im Nahen Osten geführt haben. Aufgrund des Tons und der Art dieser tiefgründigen, detaillierten und konstruktiven Gespräche, die die ganze Woche über fortgesetzt werden, habe ich das Kriegsministerium angewiesen, alle Militärschläge gegen iranische Kraftwerke und Energieinfrastruktur für fünf Tage auszusetzen, vorbehaltlich des Erfolgs der laufenden Treffen und Gespräche.“ Unmittelbar nach Veröffentlichung der Nachricht fielen die Preise von Öl und Gas, stiegen die US-Aktienkurse, stürzte der Index Vix dramatisch ab.

Auf die Frage von Reportern vor dem Besteigen der Air Force One nach der Dementi des iranischen Außenministeriums, sagte Trump, es gebe eine Kommunikationsstörung in Teheran und die Gesprächsteilnehmer könnten nicht unbedingt andere Personen des Regimes erreichen. Trump sagt, seine Top-Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner hätten im Namen der USA an den Gesprächen teilgenommen.  Er sagte, er habe für Dienstagmorgen einen Angriff auf Irans größtes Elektrizitätswerk genehmigt, woraufhin Iran die USA kontaktiert und um ein Abkommen gebeten habe.

Mit welchem Iran verhandelt Trump?

„Wenn es gut läuft, werden wir das beilegen. Andernfalls bomben wir uns einfach weiter die Seele aus dem Leib“, sagt Trump. Auf die Frage, mit wem die USA verhandeln, falls, wie Trump behauptet, Irans erste und zweite Führungsebene ausgeschaltet worden seien, sagt der Präsident: „Wir verhandeln mit dem Mann, der meiner Meinung nach am meisten respektiert wird und der Anführer ist … Wir haben Leute, die das Land sehr gut repräsentieren.“

Er weigerte sich zu sagen, mit wem seine Leute verhandelt hätte, sagte aber, es sei nicht Mudschtaba Khamenei, der vom Iran benannte neue Religionsführer.  Trump sagte, die USA wollten „den nuklearen Staub“ des Iran und meinte damit die iranischen Bestände an bereits hochangereichertem Uran. Er behauptet dann, der Iran habe zugestimmt, auch dieses Uran abzugeben. Trump sagte, falls es zu einer Einigung komme, „werden wir es selbst holen“.

Trump verband seine Bericht über angebliche großartige Gespräche mit einer handfesten Drohung: „Wenn es gut läuft, werden wir das beilegen. Andernfalls bomben wir uns einfach weiter die Seele (our little hearts) aus dem Leib.“

Trump informiert Israel vorab

Bloomberg berichtet, Trump habe Israel von seinen Plänen vorab informiert. Ob die britische Regierung von Keir Starmer im Vorfeld etwas wusste, ist unklar. Die Briten hielten sich bedeckt. Auf die Frage des Guardian, ob Großbritannien von den von Trump als „sehr gut und produktiv“ bezeichneten Gesprächen der USA mit dem Iran in den vergangenen zwei Tagen Kenntnis habe oder daran beteiligt sei, sagte ein Sprecher, er habe der am Sonntagabend veröffentlichten Mitteilung über Keir Starmers Telefonat mit Trump nichts hinzuzufügen.

Verdacht von massiven Insider-Wetten

Seit Wochen kursiert der Verdacht, dass Insider riesige Vermögen gewinnen, weil sie ihr Wissen nutzen, um auf entsprechenden Märkten Wetten zu platzieren. Die Daily Mail berichtete erst kürzlich von derartigen Aktivitäten: Keine fünf Stunden vor dem Angriff der USA auf die Verteidigungsanlagen von Caracas und der Entführung von Nicolas Maduro platzierte jemand im Januar auf der Wettplattform Polymarket seine letzte einer Reihe verdächtig „vorausschauender“ Wetten. Er sagte voraus, der Präsident Venezuelas werde bis Ende des Monats gestürzt sein. Der Spieler blieb anonym.

Wetten auf Polymarket sind ausschließlich mit Kryptowährungen wie Bitcoin möglich. Der Spieler hatte erst wenige Wochen zuvor ein Konto bei Polymarket erstellt und abgesehen von einigen Wetten auf Maduros Schicksal in den Tagen vor der Razzia keine weiteren Wetten platziert. Bei einem Gesamteinsatz von 34.000 US-Dollar innerhalb einer Woche erzielte er den satten Gewinn von 400.000 US-Dollar. Ende Februar wiederholte sich laut Daily Mail das Spiel – und zwar mehrfach. Mindestens sechs mutmaßliche Insider gewannen 1,2 Millionen Dollar mit Wetten auf einen Angriff der USA auf den Iran. Die meisten ihrer Wetten platzierten sie in den letzten 24 Stunden vor Beginn der Bombardierungen.

Präzise Wetten auf Maduro und Chamenei

Der größte Gewinner strich mit einem Einsatz von 61.000 Dollar fast 500.000 Dollar ein. Wie schon bei der Wette auf Maduro hatten sie keine weiteren Wetten auf der Plattform abgeschlossen.

Der Verdacht, dass einige wenige Insider Informationen aus dem Umfeld der Trump-Regierung erhielten, ist nicht von der Hand zu weisen: Ein Spieler mit dem Namen „magamyman“ gewann mehr als 553.000 Dollar mit Wetten darauf, dass der iranische Ayatollah Ali Chamenei bis Ende März gestürzt sein würde. Allein auf Polymarket, der beliebtesten Plattform für geopolitische Wetten, wurde eine halbe Milliarde Dollar darauf gesetzt, wann genau amerikanische Streitkräfte Bomben auf den Iran abwerfen würden.

Am 27. Februar wetteten mehr als 150 Polymarket-Konten jeweils mindestens 1000 Dollar darauf, dass ein Angriff auf den Iran bis zum nächsten Tag erfolgen würde, was schließlich genauso geschah.

Die Demokraten im US-Kongress gehen laut Daily Mail davon aus, dass es sich nicht um Zufälle handelt. „Es ist Wahnsinn, dass so etwas legal ist“, sagte der demokratische Senator Chris Murphy. „Leute aus Trumps Umfeld profitieren von Krieg und Tod.“

Trumps moralische Agnostik

Weder Trump noch der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu oder britische Politiker sind dafür bekannt, zwischen privatem und öffentlichem Interesse akribische Trennlinien einzuhalten. Die Vernetzung von Politikern und Finanzinstitutionen ermöglicht es den Entscheidern, über nicht offengelegte Vehikel jede ihrer Entscheidungen sofort zu Geld zu machen. Je widersprüchlicher die Entscheidungen sind, umso mehr Geld ist zu „verdienen“.

Unterstützt wird der Trend von der moralischen Agnostik der sogenannten Künstlichen Intelligenz. Im Zusammenspiel mit den bekannten Algorithmen ist eine beschleunigte Gewinnerzeugung für viele Player heute das Gebot der Stunde. Auch die Iraner können diesen Mechanismus zu ihrem Vorteil nutzen, etwa indem sie spekuliert hätten, bevor das Dementi in die Welt gesetzt war.

Das Epstein-Netzwerk funktionierte ebenso

Solche Deals haben weltweit Methode. Das gesamte globale Netzwerk von Jeffrey Epstein agierte finanziell im Bereich des politischen Insider-Geschäfts, wie der Fall von Peter Mandelson zeigt (mehr dazu hier). Beobachter haben im übrigen wegen der Gleichzeitigkeit der Debatte um die Epstein Files und dem Anfgriff auf den Iran den Namen des Kriegs als „Epstein Fury“ (statt „Epic Fury“) paraphrasiert.

Ob Trumps Ankündigung in der realen Welt eine gewisse Haltbarkeit hat, wird einerseits von der politischen Konstellation abhängen: Der Iran teilte unmittelbar nach Trumps Posting mit, dass es keine Gespräche mit den Amerikanern gebe. Israel sagte, man werde weiter kämpfen. Netanjahu meldete sich mit einem kryptischen Statement zu Wort und sagte, Israel arbeite daran, sowohl Israel als auch den Iran an „Orte zu bringen, an denen sie noch nie waren“, und betonte Jerusalems Vorteil gegenüber Teheran.

Keir Starmer glaubt nicht an rasches Ende von Iran-Krieg

Der britische Premier glaubt ebenfalls nicht an ein rasches Ende des Krieges. Starmer steht innenpolitisch seit Monaten unter Druck. Trump prophezeite ihm dieser Tage wie auch dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ein baldiges Ende seiner politischen Karriere.

Starmer berief am Montag eine Dringlichkeitssitzung ein, um für den Fall, dass der Krieg langfristige finanzielle Folgen haben sollte, „umfassendere Maßnahmen für die Wirtschaft und einzelne Wirtschaftszweige“ zu erörtern. „Wir müssen davon ausgehen, dass dies noch einige Zeit dauern könnte“, sagte Starmer. „Wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen und denken, es gäbe ein schnelles und baldiges Ende.“

Verheerende Schäden bei Energie

Die wirtschaftlichen Schäden sind in der Tat auch global noch nicht abzusehen. Die Wiederherstellung der zerstörten Erdgasanlagen in Katar dürfte drei bis fünf Jahre dauern. Bis dahin werden die weltweiten Lieferströme von Flüssigerdgas (LNG) neu geordnet, also wegen des geringeren Angebots teurer. Auch die Ölindustrie rechnet mit weiteren Verwerfungen an den Märkten.

Für die Kreditmärkte sieht es ebenfalls nicht rosig aus: Die Inflation dürfte steigen und daher auch die Zinsen. Die Renditen für europäische Staatsanleihen gaben zwar nach Trumps Posting nach, stiegen jedoch nach dem Dementi der Iraner erneut und bleiben auf hohem Niveau.

Haben die USA gegen den Iran verloren?

Die Frage ob das scheinbare Einlenken Trumps ein Eingeständnis des militärischen Scheiterns oder eine raffinierte Finte ist, um den Iran in Sicherheit zu wiegen, wird der weitere Verlauf der Kämpfe zeigen. Fest steht jedoch, dass der Schutz der Straße von Hormus von den Amerikanern nur schwer zu garantieren ist. In einer Anaylse des Atlantic Council heißt es, die Minenräumkapazitäten der USA im Nahen Osten seien weitgehend unerprobt. Im vergangenen Herbst habe die US-Marine alle ihre im Nahen Osten stationierten Minensuchboote der Avenger-Klasse außer Dienst gestellt.

Um eine Minenräummission zu unterstützen und zu ermöglichen, könnte die US-Marine zudem Kampfluftpatrouillen benötigen, die in der Lage sind, Minenräumfahrzeuge vor iranischen Drohnen- und Kleinbootangriffen zu schützen und anschließend gegebenenfalls Handelsschiffe zu verteidigen.

Militärexperten halten es dennoch für denkbar, dass Trump einige tausend Soldaten entsenden wird, um eine kleinere Insel in der Straße von Hormus einzunehmen. Diese dürften jedoch frühestens am Freitag in der Region eintreffen, weshalb Trump in Vorbereitung der nächsten Welle Zeit gewinnen könnte.

China könnte etwas lernen

Die Experten vom Atlantic Council fürchten zudem, dass die Chinesen über diese Operationen in Erfahrung bringen könnten, wie die US-Armee vorgeht. Gut denkbar also, dass Wettbüros, Krypro-Plattformen und Börsen-Kasinos die sichersten Häfen für die Experten der Trump-Administration blieben.