Nahost

Überleben um jeden Preis: Wie Netanjahu den Iran-Krieg als politischen Rettungsanker nutzt

Die überwiegende Mehrheit der Israelis unterstützt den Krieg. Für Netanjahu ist das ein Triumph. Dabei sehen das viele als sein politisches Testament. Eine Bestandsaufnahme.

Netanjahu führt den Krieg, den er seit Jahrzehnten beschwört, doch in Israel bleibt der Applaus verhalten.
Netanjahu führt den Krieg, den er seit Jahrzehnten beschwört, doch in Israel bleibt der Applaus verhalten.Felix Zahn/photothek.net

„Die Situation ist Mist. Aber weißt du, wie man Kompost macht? Du nimmst den Mist und machst etwas Gutes daraus“, sagt Maya Levy der Berliner Zeitung, ohne dabei dramatisch zu klingen. Gemeint ist: Man macht das Beste aus der Lage. Denn Israel steht seit Beginn des gemeinsam mit den USA geführten Kriegs unter täglichem iranischen Beschuss.

Neu sei das nicht, sagt sie. Seit der Staatsgründung 1948 lebt das Land mit Bedrohung. Und trotzdem gehe man arbeiten, bekomme Kinder, das Leben gehe weiter. „Das bedeutet nicht, dass es nicht wehtut.“

So wurde ein Ehepaar in den Siebzigern, in der Nacht auf Mittwoch in Ramat Gan, einem Vorort von Tel Aviv nach israelischen Angaben von iranischer Streumunition getötet. Die beiden sollen auf dem Weg zum Bunker gewesen sein, den sie allerdings nicht mehr rechtzeitig erreichen konnten.

Stimme aus Israel: „Gebt Bibi nicht den Credit“

Fragt man die 35-Jährige, ob Ministerpräsident Benjamin Netanjahu – im Volksmund Bibi genannt – als Held wahrgenommen wird, weil er die „Achse des Terrors“ endlich an der Wurzel packt, kommt die Antwort sofort: „Gebt Bibi nicht den Credit. Das sind die resilienten Menschen Israels.“ Der Iran als existenzielle Bedrohung – darauf hatte der 76-jährige Netanjahu seine gesamte politische Karriere aufgebaut.

Rund 82 Prozent der Israelis befürworten laut Israel Democracy Institute die gemeinsame US-israelische Operation, unter jüdischen Israelis sogar 93 Prozent. Mehr als 60 Prozent vertrauen darauf, dass die politische Führung das Richtige tut, quer durch Regierung und Opposition.

Und doch fällt der Applaus für Netanjahu gedämpft aus. Zu frisch sind die Wunden des 7. Oktober, zu lang die Liste der Vorwürfe: das Versagen des Sicherheitsapparats, der Umgang mit den Geiseln. Der 76-Jährige sagte nach Kriegsbeginn, er habe diesen Schlag „seit 40 Jahren herbeigesehnt“. Der 36-jährige Ram Zamir nennt Bibi einen „König“. Daraufhin sagt Levy: „Wir wollen keine Monarchie.“ Er habe seinen Moment gehabt. „Er ist ein alter Mann. Er hat seinen Herzschrittmacher, er hat seinen Prozess. Wir wollen das eigentlich nicht mehr.“

Krieg schützt vor dem Korruptionsprozess

Damit ist Netanjahus Korruptionsprozess gemeint, der bislang drei Verhandlungstage pro Woche umfasste und nun ruht. Im Kriegszustand sind öffentliche Versammlungen eingeschränkt. Zudem argumentierte er, einem amtierenden Regierungschef seien Gerichtstermine während eines Kriegs nicht zuzumuten. Das Gericht folgte dem, wenn auch widerwillig.

Der Krieg schützt Netanjahu und seine weit rechts stehende Regierung also nicht nur vor dem Iran, sondern auch vor dem eigenen Rechtsstaat. Das zeigt sich auch an einem weiteren Verfahren: Das Oberste Gericht hat die Anhörung zur möglichen Entlassung des Ministers für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, auf Antrag Netanjahus verschoben.

Politiker sind in diesen Tagen eines: Menschen

Es sei still geworden um Ben-Gvir. Der Sohn des rechtsextremen Finanzministers Bezalel Smotrich wurde verletzt, die Abgeordnete Tali Gottlieb postet Videos aus dem Bunker. „Wir nehmen sie im Moment nicht als Politiker wahr, sondern als Menschen“, sagt Levy.

Nachdem das Gerücht kursierte, Netanjahu sei getötet worden, wurde das Netz von KI-generierten Videos überflutet. Netanjahu selbst, der tagelang kaum zu sehen war, reagierte mit einem eigenen Video, das ihn bei bester Gesundheit zeigen sollte. In den Medien wurde spekuliert, ob nicht auch dieses Material KI-generiert sei. In Israel jedoch blieb die Reaktion verhalten. „Das Video ging viral“, sagt Levy trocken, „aber nur wegen der attraktiven Barista im Hintergrund – nicht wegen Bibi.“

Auch die Opposition hält sich zurück. Man respektiert sich, zumindest vorübergehend. Levy glaubt, dass der Krieg, der „noch sehr lange“ dauern könnte, die Wahlen verzögern wird. Sie und ihre Freunde würden beim nächsten Mal den religiös-nationalen Naftali Bennett wählen.

Dass Trumps Terrorabwehrchef Joe Kent diese Woche seinen Rücktritt verkündete, mit dem Vorwurf, Israel habe Trump in den Krieg hineingezogen, nahm man in Tel Aviv kaum zur Kenntnis. „Das läuft bei uns gar nicht“, so Levy. Was in Washington als Skandal gehandelt wird, ist in Israel schlicht kein Thema.

Frauen zahlen einen hohen Preis

Was Israelis in diesen Wochen besonders beschäftigt, ist die wirtschaftliche Wucht dieses Kriegs. Sie trifft vor allem Frauen.

Mit rund 2,9 Kindern pro Frau hat Israel die höchste Geburtenrate aller OECD-Staaten, fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Gleichzeitig sind etwa 61 Prozent der israelischen Frauen erwerbstätig, deutlich über dem globalen Durchschnitt. Viele haben sich wirtschaftliche Unabhängigkeit aufgebaut. Genau diese steht nun auf dem Spiel.

Im Norden des Landes, der unter massivem Beschuss steht, bleiben Frauen mit ihren Kindern zu Hause. Betreuung fällt aus, Sirenen heulen stundenlang, der Alltag bricht zusammen. Die Männer sind oft seit zweieinhalb Jahren in der Reserve, erst Gaza, dann Libanon, jetzt Iran. Das bedeutet mehr Verantwortung bei gleichzeitig wegbrechendem Einkommen. Ein neues Gesetz schützt zwar vor Kündigung, nicht aber vor Lohnausfall.

Dass Finanzminister Smotrich diese Woche per Telefonkonsultation, ohne reguläre parlamentarische Kontrolle, ein Notfall-Verteidigungsbudget von 725 Millionen Dollar durch das Kabinett gebracht hat, passt ins Bild. Für Rüstung ist Geld da. Für Unterstützung kaum.

Bereit, im Bunker zu warten

„Israelis fühlen mit den Menschen im Iran“, betont die 35-Jährige. So hätten israelische Sender gezeigt, wie viele Zivilisten während der Januarproteste getötet wurden. „Wir sind bereit, noch weitere Monate zu warten, damit sie frei sein können.“ Kein Triumph. Kein Hass.

Levy glaubt an den Sturz der Islamischen Republik, warnt jedoch: „Wenn du einen Löwen angreifst und ihn nicht tötest, kommt er zurück und beißt dich. Du musst den Kopf abschneiden. Lass ihn nicht verwundet zurück.“ Auch ihr Freund Zamir fügt hinzu, man sei auf dem Weg zu einem historischen Sieg und einer möglichen Befreiung des iranischen Volkes.

Ob Netanjahu also unsterblich wird, entscheidet sich nicht in Israel.
Sondern in Teheran.